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Kirchen im Wandel in Zürich, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2020

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Yves Baer, Francois G. Baer: Die Zürcher Altstadtkirchen, Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten, NZZ Libro im Schwabe Verlag, Basel 2019, gebunden in flexiblem Einband, farbig illustriert, ISBN: 978-3-03810-438-4, Preis: 34,00 Euro

Link: https://www.nzz-libro.ch/zuercher-altstadtkirchen-stadtgeschichte-entlang-der-sakralbauten#media

Der Zürcher Stadtführer ist so gestaltet, dass er bei der Stadtbesichtigung mitgeführt werden kann. Der Schwerpunkt liegt bei der Stadtgeschichte, die fortlaufend gelesen werden kann. Die Entstehung der Zürcher Kirchen ist von der Stadtgeschichte nicht zu trennen.

So war der Zürcher Reformator Ulrich (Huldrych) Zwingli ein Mitglied des am Grossmünster tätigen Stifts. 1517 wurde er zum Leutpriester gewählt und war für die Seelsorge des einfachen Volkes zuständig. In diesem Jahr führte er per Abstimmung im Stift die Reformation ein, die zuerst auch von Luther geprägt war, dann aber eigene Wege ging.

Selbstverständlich ist das Buch immer auch als kunsthistorischer Führer gedacht, bevor er auf Kunstdenkmale eingeht und auf historisch interessante Details.

So lässt sich das Buch, wie vom Untertitel versprochen, als Stadtgeschichte lesen, die die geographischen und frühhistorischen Besonderheiten der Stadt nicht auslässt.

Ein besonderer Aspekt ließ mich zu diesem Buch greifen, und zwar nicht nur die Baugeschichte der Kirchen, sondern die Geschichte ihrer Umnutzung. Durch den besonderen Schwerpunkt der reformierten Kirche waren Kirchen nicht nur als Sakralbau gefragt, sondern mehr als als repräsentative Gebäude. Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster schreibt im Vorwort: „Wäre es ihnen in den Sinn gekommen, dass die Altstadtkirchen in Zürich im Verlauf der Jahrhunderte zu Lagerstätten für Kartoffeln, Bücher und Geld, zu Spitälern und Stadtkirchen wurden? Hätten sie gedacht, dass das reformierte Grossmünster im 19. Jahrhundert die damalige Tagsatzung der Eidgenossenschaft beherbergte und so zum Nationalsaal der Schweiz wurde? Die Stadtgeschichte entlang der Kirchen entpuppt sich als wahrer Krimi mit sakralen Noten.“ (S. 9)

Ein Hinweis: Bei allem Interesse für die stadtgeschichtlich und bauhistorisch bedeutenden alten Kirchen Wasserkirche, Fraumünster, Predigerkirche, Grossmünster sollte man auch die Notizen zu der erst 1894 erbauten katholischen Liebfrauenkirche zur Kenntnis nehmen. Das Gebäude sticht aus dem Ensemble der umgebenden Häuser heraus, weil es auf einer Terrasse erbaut wurde. Dazu hat es die Gestalt einer frühromanischen Basilika nach italienischem Muster. Der Campanile, ein Treppenturm im italienischen Stil ist gut sichtbar und erinnert so an die Verbindung Zürichs mit Rom und Italien.

Eine einzige Kritik an Buch wäre vielleicht doch angebracht, und zwar ist durch die Fülle an Bildern und Informationen an einigen Stellen die Schrift zu klein geraten, worunter die Übersicht manchmal etwas leidet. Aber die Vielzahl der Bilder und Karten ist schon eindrucksvoll.

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Von Gott verlassen? Predigtreihe Passionspredigten Herzogenrath, Renate Fischer-Bausch

Herzogenrath Passionspredigtreihe in der Markuskirche 2020

 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  (Markus 15,34)

Sonntag Lätare, 22. März 2020

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen Amen

Liebe Gemeinde,

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  Markus 15,34

Aufschreckend und todesmutig, laut geschrien und hörbar ist dieses – eines von sieben Worten, die Jesus gesagt haben soll, als er ans Kreuz genagelt war. Markus, einer der ältesten von denen, die von Jesus als Gottessohn – von seinen Worten, Taten und von seinem Sterben und Auferstehen in einem Evangelium erzählt haben, hat uns dieses Wort als eines der letzten Worte Jesu am Kreuz so überliefert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“…

Jesus hängt am Kreuz, ein quälendes  Stück über dem Boden erhöht, so dass die Füße keinen Raum mehr haben, Schritte zu tun – die Hände /die Handgelenke sind ihm gebunden und übereinander gelegt –  die Füße. Nägel sind hindurchgetrieben. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchzieht den ganzen Menschen – steigert sich – alles wird zur Qual von Kopf bis Fuß, in den Händen und Armen – der Atem wird knapp, der Kreislauf versagt allmählich – es ist ein elendes  Leiden – ein über Stunden dauerndes, stundenlanges Sterben.

Es ist ein Sterben, das von Schuld herkommt, das andere so für Jesus herbeigeführt  haben durch unsolidarisches Verhalten, Verrat, Auslieferung, Verleugnung, Nicht-Verhindern, Verurteilen, Vollstrecken.

Es ist ein Sterben, bei dem den nächsten Angehörigen das  Dabeisein verwehrt wurde, bei dem andere, Außenstehende  dem Sterbenden zusehen: gleichgültig, seine Kleidung bereits verlosend, auf seinen Besitz bedacht.

Argwöhnisch, mit lieblosem Blick wird der sterbende Jesus bewacht, sein Schwächer –Werden wird verhöhnt, sein sich Dahingeben ohne Gewalt – verspottet.

Auf der Hinrichtungsstätte, der Schädelstätte Golgatha in den Schmerz, in die Angst vor dem Tod getrieben, in die Verzweiflung über die Endlichkeit und Vergänglichkeit allen Wirkens – so hängt Jesus am Kreuz. Da ist keiner, der Anteil nimmt oder helfend eingreift, … im Gegenteil:

Schaulustig gehen die, die da sind, auf Abstand, halten Distanz – sehen und hören, was sie sehen und hören wollen: einen Sterbenden, einen der aufgibt und das, wofür er gelebt hat.??

Was ist das für ein Sohn Gottes, der ein solches Ende nimmt? So etwas kann doch keinem Gott widerfahren?!

Am Kreuz Jesu scheitert jede traditionelle Vorstellung von Gott…..

So fragen wir auch: Was ist mit Gott, der, als Johannes, der Täufer am Jordan Jesus taufte, sich doch  hörbar gemacht hat,  mit den Worten: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich  Wohlgefallen…“

Was ist mit Gott, von dem Jesus mit Vollmacht  geredet hat, dass er  Leben  für uns bereithält?  Was ist mit Gott, in dessen Namen Jesus Naturgewalten beherrschte und mit dessen Kraft er Kranke heilte?

Der Vater und der Sohn? –  Sie sind doch eins! –  Gott ist uns in Jesus menschlich nahegekommen, da gibt es diese wunderbare Übereinstimmung, diese Untrennbarkeit, diese einzigartige Gemeinschaft von beiden. Was ist damit – am Kreuz?

Jesus ist der, der in Gleichnissen, in Worten und Taten von Gott und seiner Liebe zu uns Menschen erzählt hat, ja, der  mit seinem Leben gezeigt hat, was Liebe ist.

Jesus ist der, der uns einlädt, darauf zu vertrauen, dass wir von Gott Hilfe, Beistand und Trost erwarten dürfen. Er hat uns Gott vor Augen gestellt als den guten Hirten, von dem der Glaubende, Betende hoffnungsvoll sagen kann: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal – im Tal der Todesschatten –  ich fürchte kein Unglück; denn du bist bei mir.“

Immanuel Kant (1724–1804), einer der bedeutendsten deutschen Philosophen, schrieb dazu: „Ich habe in meinem Leben viel kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte, wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: ‚Du bist bei mir!’

Aber: Hier, auf  dem Kreuzeshügel,  auf  Golgatha,  ist Jesus mit all seiner Qual auf dem Gipfel des Alleinseins und der Einsamkeit angelangt: ausgeliefert, anderen Mächten und Gewalten ausgehändigt, so hängt Jesus am Kreuz, und er leidet.

Keiner seiner Freunde, kein Jünger ist da, der in seiner Nähe, bei ihm ist, keiner der mitleidet, keiner, der ihm Gutes zuspricht, Hilfe anbietet, seine Schmerzen lindert, oder das Sterben erleichtern würde… es dauert und dauert – alles wird zur unsäglichen Qual!,  die Jesus schließlich (mit einem Gebetsruf)  laut aufschreien lässt:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ 

In seinem Buch: „Ein Schrei zerreißt die Welt. Über die sieben Worte Jesu am Kreuz“, sagt der Jugendpfarrer Ulrich Parzany : „Wir verharmlosen die Kreuzigungsgeschichte, wenn wir meinen, dass es Jesus vielleicht nur so scheint, als sei er von Gott verlassen.“  (S. 36)

Die Schwere der Situation liegt darin, dass er tatsächlich allein ist und die Qual der Gottverlassenheit durchleidet. Das ist so schrecklich, das ist so fremd, dass es bis in den Wortlaut hinein spürbar wird.

Als Ausdruck der äußersten Hilflosigkeit und eigenen Sprachlosigkeit,  keine Worte für das Erfahrene, für das Erlittene zu haben, erinnert sich der sterbende Jesus an ein Psalmwort – an ein Gebet (Psalm 22):

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er bezeichnet Gott, mit dem er hadert, immer noch als seinen Gott und klagt ihm seine Urangst: Das „Warum“ – wenn alle Sicherung zerbricht, wenn der letzte Halt verlorengeht: und das ist das Vertrauen darauf, dass Gott bei uns  ist. (Denn das ist – nach der Erkenntnis eines Immanuel Kant doch eben die tröstlichste Botschaft aller Bücher der Bibel – Gottes Zusage: Ich bin bei dir – und das vertrauende: Du bist bei mir.)

Jesus,  und das ist das wahrhaft Erschreckende und zugleich Berührende für mich in diesem überlieferten Wort am Kreuz:  Jesus ist in seiner Todesstunde völlig fern von diesem Ur-Vertrauen – zu Gottes Nähe, fern von dieser Gewissheit. Und dennoch klagt Jesus gegenüber Gott seine Gottverlassenheit mit frommen Worten. Seine tiefste Verzweiflung an Gott schreit er damit heraus….  .

Parzany sagt (S. 37): Und als wollten die Evangelisten uns die ganze Fremdheit und Unerhörtheit dieses Gebetsschreies erhalten, halten sie ihn fest in der aramäischen Sprache.

…. Man spürt, wie fremd dieses war, dass die Evangelisten es festhalten müssen und sagen: So war es!

Begreifen wir heute, dass diese Überlieferung für uns zum Trost werden kann?

Weil Gott in Jesus so wahrhaft Mensch geworden ist, dass er die Qualen der Gottverlassenheit durchlitten hat und uns „zum Bruder“ im Gottsuchen geworden ist…. ?

Jesus schreit unseren Schmerz, unseren Zorn, unsere Angst heraus, das, was uns aufschreien oder verstummen lässt, macht er zu seiner Angelegenheit.

Tröstlich kann für uns sein: dass Jesus nicht nur im Leiden und Sterben uns gleich geworden ist, sondern er hat uns auch den Weg gewiesen, aus dem Gott ihn und zugleich uns aus Leid und Tod heraus ruft ins Leben.

Uns bleibt – ja – die Verzweiflung oder: dass wir uns dennoch – und wenn es mit einem todesmutigen Schrei ist, – bis zuletzt an Gott wenden.

Uns bleibt, in einem Bild gesprochen, sich mit all unseren Warum-Schreien – Gott in die Arme zu werfen, in der letztlichen hoffnungsvollen Gewissheit, von ihm aufgefangen zu werden.

Beides: Das Bekenntnis:„Mein Gott“  und der Verlust unseres Vertrauens, die Angst davor, verlorenzugehen,  die Scham, verlassen worden zu sein – alles kommt hier zusammen.

Glaube und die Bitte: Hilf meinem Unglauben.

Rudolf Otto Wiemer schreibt zu Jesu Wort am Kreuz:
Keins seiner Worte
glaubte ich, hätte er nicht
geschrien: Gott, warum
hast du mich verlassen.

Das ist mein Wort, das Wort
des untersten Menschen.

Und weil er selber
so weit unten war, ein
Mensch, der „Warum“ schreit und
schreit „Verlassen“, deshalb könnte man
auch die andern Worte,
die von weiter oben,
……….
ihm glauben!

Zuletzt: Ich denke an die Frau, die aufgrund ihrer schwindenden Gesundheit meinte, bald sterben zu müssen. In hohem Alter war sie bereit zu gehen, wie sie sagte, sie war ihres Lebens müde geworden. Aber dann lag sie da … alle verlängernden Maßnahmen durch Verfügung von sich weisend, wartete sie eine Woche nach der anderen und wurde zunehmend traurig und mit letzter Kraft – klagend und Gott anklagend: „Warum sterbe ich nicht? Will Gott mich nicht bei sich haben?  Hat er mich vergessen?“  Es war mir schwer, am Bett dieser Frau zu sitzen, zu warten und ihre Fragen zu hören. Aber jedesmal, wenn ich sie besuchte, nahmen wir uns Gebete aus dem Buch der Psalmen vor und sprachen manchmal gemeinsam: Klage und Dank.

Das ist es, wonach wir uns sehnen, was wir uns von dem erhoffen, der uns durch die Taufe seine Liebe zugesagt hat:  Du bist bei mir – und ich bin nicht allein. Das ist die uns durch das Leben tragende Botschaft, die uns stärkt, Sinn, Kraft, Halt und Trost gibt – zum Leben und zum Sterben.

Und der Friede Gottes, der all unser Verstehen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne

in Christus Jesus. Amen.

 

Die Predigt ist von Pfarrerin Renate Fischer-Bausch gehalten worden und ist inzwischen auch auf dem Youtubekanal der Lydiagemeinde veröffentlicht worden.

Pfarrerin Renate Fischer-Bausch ist Pfarrerin der Ev. Lydia-Gemeinde Herzogenrath. Sie übt ihren Dienst im Bezirk 02 Merkstein aus.

 

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Die sieben Worte Jesu am Kreuz, zweite Predigt, Erhard Lay, Herzogenrath 2020

Herzogenrather Passionspredigten in der Markuskirche 2020, 2. Predigt

 

Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein    Lk 23,43

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Die 2. Predigt in unserer Passionspredigtreihe befasst sich mit dem Wort Jesu, das da lautet: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

 

Bei der Vorbereitung dieser Predigt drängte sich mir plötzlich die Erinnerung an eine Videoszene in den Nachrichten aus dem Jahr 2015 auf, die zeigte, wie eine Gruppe von 21 Männern aus Ägypten, koptische Christen, an einem Strand in Libyen aufgestellt wurden, jeweils ihr Henker vom sog. Islamischen Staat mit dem Messer in der Hand hinter ihnen. Das Video, das im Internet verbreitet wurde, hatte den Titel: „Eine in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes.“

 

Mir stellte sich die Frage, was es für mich bedeutet hätte, wenn ich dort hätte stehen müssen und der Mitchrist neben mir dieses Bibelwort zu mir herübergerufen hätte.

 

Natürlich sind die beiden Situationen nicht voll vergleichbar. Die Männer in Libyen wurden nicht wegen Verbrechen getötet, sondern einfach nur wegen ihres Glaubens. Und es war nicht Jesus, der ihnen seine Gemeinschaft in Gottes Reich versprochen hatte. Aber ihre Gefühlslage war ähnlich wie bei den Männern an den Kreuzen auf Golgatha. Und unser Gemüt wird durch dadurch auch nicht unberührt bleiben.

 

Wenden wir uns also dem zu, in welcher Situation Jesus diese Worte nach Lukas sagt. Wir haben die Geschichte eben in der Lesung schon gehört. Die Kreuzigung von drei Verurteilten hatte bereits stattgefunden. Es war Brauch bei den Römern, wenn es sich anbot, mehrere Delinquenten gleichzeitig zu kreuzigen, in einem Aufwasch sozusagen. Zwei Übeltäter und Jesus in der Mitte. Was die beiden anderen verbrochen hatten, beschreibt Lukas nicht, Markus und Matthäus nennen die beiden Räuber, Johannes lässt eine nähere Bezeichnung weg.

 

Einer lästerte mit den Schaulustigen und rief zu Jesus herüber: „Bist du nicht der Christus (also der Gesalbte Gottes)? Hilf dir selbst und uns!“ Dieser Gekreuzigte versucht, seine ausweglose und sehr schmerzhafte Lage durch Verhöhnung eines Leidensgenossen für sich selbst erträglicher zu machen. Von Einsicht in Schuld, geschweige denn von Buße, ist nichts zu erkennen.

 

Der Andere reagiert ganz anders. „Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?“ Er erkennt seine Schuld an – „wir empfangen, was unsere Taten verdienen“ – und nimmt Jesus in Schutz: „Er hat nichts Unrechtes getan.“ Dieser bekennt seine Schuld, sein verfehltes Leben und bittet Jesus: „Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Für ihn ist klar, dass nach dem Tod noch was kommt. Und er glaubt auch, dass es für das Kommende verschiedene Möglichkeiten gibt. Zumindest das Totenreich nach jüdischer Vorstellung (Scheol). Aber er glaubt auch an einen guten Ort, an den Jesus geht.

 

Man kann die Reaktion der beiden anderen Gekreuzigten auch so kurz zusammenfassen: der erste will Befreiung vom Kreuz. Er möchte nicht so und am besten nicht jetzt sterben. Der zweite will Befreiung durch das Kreuz. Mit dem Sterben am Kreuz will er die Erlösung von seiner Schuld und damit die Teilhabe an der Gemeinschaft mit Jesus in dessen Reich, also in dessen Herrschaftsbereich, dort wo alles Leiden beendet ist und nur noch Frieden und Gutes herrscht.

 

Und Jesus antwortet für den 1. negativ, für den 2. positiv. Negativ deshalb, weil dem 1. die Antwort Jesu gar nichts bringt. Er will jetzt vom Kreuz herab und sein Leben weiterführen. Als nicht Glaubender gibt es jetzt keine Hoffnung mehr, das angebliche Reich Jesu bringt ihm nichts.

 

Für den 2. Ist die Antwort ungeheuer positiv. Lasst uns diese Antwort näher ansehen. „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“  – Ich möchte diese Aussage unter der Überschrift der drei Begriffe „Amen“, „Paradies“ und „heute“ näher betrachten.

1. Amen

Amen ist ein Bekräftigungswort. Wir beenden ein Gebet damit und drücken aus: „Ja, so ist es!“. Jesus beginnt seine Aussage damit und betont: „Was ich jetzt sage, ist wahr und gewiss.“ „Amen“ steht auch im griechischen Urtext. Luther übersetzt: „Wahrlich, ich sage dir:“ Das hat in der Situation des Sterbens, ja des furchtbaren Sterbens, das bei Jesus etwa sechs Stunden gedauert hat, eine gewaltige Bedeutung, das die Vollmacht Jesu aussagt. Er sagt seinem Nachbarn am Kreuz: „Das ist wahr, was ich dir sage. Darauf kannst du dich verlassen, auf immer und ewig.“

 

2. Paradies

Paradiesversprechen kennt der heutige Mensch bei uns eher aus der Werbung, vor allem im Zusammenhang mit Urlaub. Gerade jetzt in dieser trüben, nassen und kalten Jahreszeit zieht es viele in sonnigere Gefilde mit türkisblauem Meer, herrlichem Sand am Strand, Palmen, exotischen Früchten und warmen Temperaturen. Nebenbei gesagt ist es in diesen Gefilden für die einfache Bevölkerung oft gar nicht so paradiesisch, dort zu leben.

 

Aber Jesu Reich ist bekanntlich nicht von dieser Welt. Das Paradies, das er diesem Menschen, der an ihn glaubt, verspricht, ist kein höheres Schlaraffenland, wo ihm die Tauben in den Mund fliegen. Dieses Paradies, von dem Jesus spricht, ist das genaue Gegenteil der Hinrichtungsstätte Golgatha. Der Begriff kommt aus dem Persischen und meint einen Garten oder einen Park. Das lässt uns an den Garten Eden denken aus der Urgeschichte, wo von den beiden Menschen Adam und Eva die Rede ist, die in Gemeinschaft mit Gott in einem Paradiesgarten leben und keine Probleme kennen, außer dass sie nicht vom Baum der Erkenntnis und vom Baum des Lebens essen dürfen. Das heißt, platt gesagt: sie dürfen nicht alles wissen und damit nicht sein wie Gott. Und sie dürfen nicht ewig leben.

 

Aber so gegenständlich wie diese Geschichte aus der Urzeit des Menschen ist die Paradiesverheißung Jesu an den Menschen neben ihm nicht zu verstehen. Hier geht es um Geborgenheit und Gemeinschaft oder besser um Geborgenheit in der Gemeinschaft mit Gott. Leben in Gottes Nähe auf ewig. Diese Nähe ist gekennzeichnet durch Liebe und die Prophezeiungen, die wir in Offenbarung 21 lesen können. Ein wunderschöner Text, den wir in unseren Gottesdiensten meist am Ewigkeitssonntag hören. Dort wird das neue Jerusalem beschrieben, das Gott schaffen wird. Dort wird Gott bei den Menschen wohnen. Er wird alle Tränen abwischen von ihren Augen, die sie vergossen haben durch Leid, Krankheit, Tod, Elend, Krieg, Flucht, Gewalt und Unterdrückung. Denn das alles wird es nicht mehr geben im Reich Gottes: nicht Leid, nicht Geschrei noch Schmerz. Auch der Tod wird nicht mehr sein.

 

Alles, was der Todeskandidat jetzt erlebt, und was durch ihn andere Menschen erleben mussten – das muss dazugesagt werden – wird es nicht mehr geben, wenn er durch das Kreuz Jesu befreit wurde. Das wird ihm zugesagt. „Mit mir“ sagt Jesus. Eine engere Gemeinschaft gibt es nicht.

Lukas nimmt dem Tod nicht seinen Schrecken. Aber es wird auch der Weg ins Paradies gezeigt. Gottes Wege führen ins Licht auch durch den Tod hindurch in die Geborgenheit in Gottes Liebe.

 

Wie kommt Jesus dazu, dem „Übeltäter“ eine solche Zusage zu machen? Weil er sich ihm anvertraut. Weil er erkennt, dass Jesus für ihn die Rettung ist. Er bekennt sich schuldig und will durch das Kreuz hindurch die Gemeinschaft mit Jesus. Die Lebensgemeinschaft in den wenigen grausamen Stunden auf Golgatha und dann im Reich Gottes in der Ewigkeit. Jesus sagt in Johannes 6, 47: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“ Und im 2. Kapitel der Offenbarung wird in Vers 7 Bezug genommen auf die Urgeschichte von vorhin. Dort heißt es: „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.“

 

In diesem Sinne sind wir alle Adam oder Eva. „Sein werden wie Gott“ wird nicht klappen. Aber wissen, was gut und böse ist, das zeigt uns Gottes Wort. Und vom Baum des Lebens zu essen, um ewiges Leben zu haben, das wird dem Glaubenden zugesagt.

 

Befreit, erlöst durch das Kreuz, für den „Übeltäter“ durch das Kreuz Jesu. „Für mich hätte Jesus nicht am Kreuz sterben müssen“, so sagen viele Zeitgenossen, auch Christinnen und Christen. Dann ist davon die Rede, dass doch ein solch rachsüchtiger und grausamer Gott nicht in das Bild vom liebenden Gott passt.

 

Wer in einer Gesellschaft lebt, in der Menschenrechte gelten und die Todesstrafe abgeschafft ist, hat da seine Verständnisschwierigkeiten. Das ist vollkommen klar und wir sollten Gott dankbar sein, dass wir in einer solchen Gesellschaft leben dürfen. Die Menschen zur Zeit Jesu hatten diese Verständnisschwierigkeiten nicht. Gott hat genau in ihre Situation, in ihre religiöse Kultur gesprochen. Am Jom-Kippur-Tag, am großen Versöhnungstag, wurden einem Ziegenbock alle Sünden des Volkes Israel symbolisch auf den Rücken geladen. Dann wurde dieser Sündenbock in die Wüste gejagt und die Sünden des Volkes waren weg und verschwunden. Sie merken es, wie so vieles aus der Bibel in unseren Sprachgebrauch übergegangen ist. „Jemanden zum Sündenbock machen“, „jemanden in die Wüste schicken“. Das nur nebenbei.

 

Dieser Stellvertretergedanke spielt beim Kreuzestod Jesu eine Rolle. Gott opfert sich, damit Menschen nicht opfern müssen. Das haben die Menschen damals verstanden. Damit konnten sie von der Botschaft der Versöhnung mit Gott erreicht werden. Wenn diese Vorstellung heute nicht mehr in das Denken vieler Menschen passt, muss der Wesenskern dieser Botschaft nicht auch gleich aufgegeben und gestrichen werden.

 

Es geht doch darum, dass Gott die Trennung zwischen sich und dem Menschen aufheben will, die durch die Sünde – die Abwendung des Menschen von Gott – entsteht. Dafür geht er sichtbar in Gestalt seines Sohnes Jesus in den Tod und zeigt damit die größte Liebe, die man einem Menschen zeigen kann. Genau das ist beim zweiten Übeltäter passiert. Er ist in der letzten kleinen Spanne seines Lebens umgekehrt und hat sich Jesus zugewandt.

 

„Es ist selten zu früh und nie zu spät“, heißt es in einer anderen Version des Sprichworts. Er hat die letzte Chance genutzt. Der andere Übeltäter nicht. Er hat verzichtet, ist innerlich bei seinem bisherigen Leben geblieben. Manche Ausleger meinen, dass es sich bei den Übertätern um Zeloten gehandelt habe, die die römische Besatzungsmacht bekämpft haben. In diesem Fall hätte der erste evtl. an seiner Vorstellung festgehalten, dass nur derjenige der Messias sein kann, der die Römer aus dem jüdischen Land vertreibt. So ist er in dem Unfrieden gestorben, in dem er gelebt hat.

 

3. Heute

Ist das so entscheidend, ob der Angesprochene heute oder morgen mit Jesus im Paradies ist? Ja, es ist immer noch für manche Christinnen und Christen eine offene Frage, gerade im Zusammenhang eines Todesfalles, was nach dem Tod geschieht, zumal in der evang. Theologie die strikte Trennung von Leib und Seele als Vorstellung der griechischen Antike eher abgelehnt wird.  Man geht weitgehend von einem Sterben des Leibes mit der Seele aus und denkt an eine Neuschöpfung am Ende der Zeit, am sog. Jüngsten Tag, wie es bildhalft durch das vorhin genannte „neue Jerusalem“ in Offenbarung 21 beschrieben wird. Damit ist die Frage des Zwischenzustandes zwischen Tod und Auferstehung/Neuschöpfung nicht erklärt. Bei Beerdigungsansprachen werden als Deutungsansatz meistens Formulierungen wie „die/der Verstorbene ist in Gottes Hand aufgehoben“ o. ä. verwendet.

 

Ein großer Unterschied ergibt sich aus der Entscheidung, wo der Doppelpunkt gesetzt wird. Heißt es: „Ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradies sein.“?

Oder: „Ich sage dir heute: du wirst mit mir im Paradies sein.“? Der Blick in den griechisch verfassten Urtext hilft auch nicht besonders weiter, weil dieser ohne Zeichensetzung geschrieben wurde. Dort steht es genauso, wie wir es in der Luther-Bibel, in der Züricher, im Perikopenbuch der EKD und in der kath. Einheitsübersetzung lesen. Und der Doppelpunkt ist in diesen und anderen Ausgaben hinter „dir“ und vor „heute“ gesetzt. So bleibt es also bei der Aussage, dass Jesus heute, also am Todestag mit dem Leidensgenossen ins Paradies eingehen wird.

 

Es wird immer schwierig, wenn man mit menschlichen Vorstellungen Gottes Wesen und hier seinen Terminkalender erklären will. Gott ist nicht mit unserer Zeitvorstellung zu erfassen. Ewigkeit kann man nicht einfach durch eine endlose Verlängerung des Zeitstahles auf einem Blatt Papier nach rechts darstellen. Ewigkeit umfasst auch unsere Zeit. Wir sind sozusagen eingebettet in die Ewigkeit. In Offenbarung 10, 6 steht: „Es soll hinfort keine Zeit mehr sein.“ Manche Ausleger erklären sich diese Problematik auch so, dass sie sagen: Wenn der Verstorbene unsere Zeit verlässt und in die Zeit Gottes eintritt, ist Todeszeitpunkt und Jüngster Tag für ihn ein Zeitpunkt, weil die menschliche Zeitrechnung keine Rolle mehr spielt.

 

Jesus hält sich an solchen Überlegungen nicht auf. Seine Botschaft lautet: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das Heute ist wichtig. Heute hat der Übeltäter seine Lebensrichtung geändert und hat sich nach Jesus ausgerichtet und hat das Beziehungsangebot von Jesus angenommen. Das ist das Entscheidende für seinen Ort in der Ewigkeit, jetzt in seiner letzten Stunde und danach.

 

Ich möchte schließen mit einem Blick auf einen Menschen, der diese Beziehung außergewöhnlich gelebt und auch so gestorben ist – Dietrich Bonhoeffer. Der Lagerarzt des Konzentrationslagers Flossenbürg beschreibt seine Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer in den letzten Stunden seines Lebens. Ich lese Ihnen auszugsweise daraus vor: „Durch die halbgeöffnete Tür… sah ich Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.“

 

Die letzten Worte von Dietrich Bonhoeffer sind von einem gefangenen englischen Offizier namens Payne Best überliefert. Zu ihm sagte Bonhoeffer zwei Tage vor seiner Hinrichtung: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ – Amen.

 

Erhard Lay (Erhard Lay ist Prädikant, ehemaliger Schulleiter des Berufskollegs in Herzogenrath mit den Fächern Wirtschaft und Ev. Religion, langjähriger Presbyter und berufenes Mitglied der Kreissynode.)

 

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Die sieben Worte Jesu am Kreuz, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2020

Herzogenrather Passionspredigtreihe in der Markuskirche 2020, 1. Predigt

1 „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lk 23,34

Liebe Gemeinde,

seit dem Mittelalter werden die sieben Worte Jesu am Kreuz meditiert. Die letzten Worte Jesu haben eine breite literarische Spur hinterlassen. Viele von ihnen sind in das kollektive Bewusstsein eingegangen. Unsere Predigtreihe über die sieben Worte Jesu am Kreuz beginnt mit dem ersten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Es steht im Lukasevangelium. Stück für Stück möchte ich es entfalten und herausstellen, dass das erste Wort Jesu am Kreuz uns zu einem guten Leben führen will.

 

Vater

Jesus redet Gott mit Vater an. Jesus sagt einfach Vater zu Gott. Vorher hat Gott Jesus bei seiner Taufe Sohn genannt (Lukas 3,22). Ich habe das Lukasevangelium durchgeblättert und festgestellt, dass der lukanische Jesus Gott wiederholt direkt mit Vater anspricht.

Am auffälligsten ist das beim Vater unser, dem bekanntesten Gebet der Christenheit, wenn nicht des ganzen Erdkreises. Wir haben es nach dem Matthäusevangelium aus der Bergpredigt gelernt, und aus „Unser Vater“, wie es bei Matthäus heißt, wurde das „Vater unser“. In der Feldrede bei Lukas lehrt Jesu seine Jüngerinnen und Jünger einfach Vater zu sagen – ohne jegliches Pronomen. „Vater! Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme!“ (Lukas 11,2)

Weiter fällt auf: Lukas ist der einzige Evangelist, der das bekannte Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt (Lukas 15). Im Gleichnis ist es der Vater, der den verlorenen Sohn mit offenem Armen wieder aufnimmt, obgleich der Sohn sich vorher von ihm losgesagt hatte. Jesus, der Lehrer in der Synagoge; Jesus, der das Reich Gottes verkündigt in Worten und kraft des Geistes durch Heilungen; Jesus, der in Gleichnissen spricht; der sterbende Jesus am Kreuz und der auferweckte Jesus nennt Gott schlicht Vater.

Es muss für den gebildeten Schreiber des Lukasevangeliums faszinierend gewesen sein, dass Jesus Gott Vater nennt. Lukas selbst kam aus der griechischen Welt und er kannte sich mit dem griechischen Götterhimmel gut aus. Der Unterschied zwischen Göttern und Menschen ist fundamental, auch wenn etwa Zeus mit Menschen „verkehren“ kann. Lukas war angezogen von der jüdischen Religion. Ihn beeindruckte die Tora und das besondere Verhältnis Gottes zu seinem Volk Israel. Der jüdische Glaube verehrte einen Gott und das war Lukas sympathisch. Dass aber ein Jude wie Jesus Gott mit Vater anspricht und er von Gott sein Sohn genannt und nachösterlich von vielen als Gottes Sohn geglaubt wird, stellte alles bisherige griechische und auch jüdisches Denken und religiöses Verhalten auf den Kopf. Lukas, der Heide, erkannte, dass die Verkündigung des Reiches Gottes durch Jesus an seiner engen Verbindung und Vertrautheit mit Gott herrührte. Jesus lebte eine Liebe zu Gott, die Gottes Menschenfreundlichkeit erlebbar machte.

Jesus nennt Gott Vater, weil er sein Vater ist und weil alle Menschen im Reich Gottes zu Gott Vatersagen können. Über Jesu Tod hinaus hat seine Verkündigung des Reiches Gottes immer wieder eine starke Energie freigesetzt, Gott zu lieben und den Mitmenschen wie sich selbst. Das ist die gute Nachricht:

Wir alle gehören zu einer Familie, sind Schwestern und Brüder Jesu Christi und haben Gott zum Vater.

Frage: Wenn Sie beten, wie sprechen Sie Gott an? Nennen Sie Gott Vater? Schwingt in Ihrer Anrede und in Ihrem Gebet etwas mit von der Nähe und Intimität, die das Wort Vater enthält?

 

Vater vergib

Der anglikanische Domprobst Richard Howard ließ diese beiden Worte „Vater, vergib“ im Chorraum der durch deutsche Bombenangriffe im Herbst 1940 völlig zerstörten Kathedrale in Coventry einmeißeln. In Schmerz, Wut und Trauer über die Zerstörung blickte er auf Christus, erinnerte sich seiner Bitte: „Vater, vergib“ und stiftete den Anfang einer noch heute anhaltenden Versöhnungsbewegung.

Der Domprobst nutzte die Zerstörung durch die Angreifer nicht für Rachegelüste, sondern sah in den Feinden Menschen, die sich ins Böse verstrickt hatten und wie jeder Mensch – und wie jedes Volk – der Vergebung bedürfen. Es gibt keinen Neuanfang ohne Vergebung. In der Bitte für den Feind wird der Feind zum Menschen und auch die eigene Fähigkeit zur Schuld anerkannt.

Später wurde daraus das bekannte Coventry-Gebet: Vater, vergib formuliert. Es wird jeden Freitag um 12:00 Uhr in der Coventry-Ruine und weltweit in vielen Versöhnungsgemeinschaften, den Nagelkreuzzentren, gebetet. Wir werden es heute im Fürbittengebet vor Gott bringen und uns neu ausrichten, Versöhnung zu leben.

Frage: Welcher Mensch fällt ihnen ein, wo ein klärendes Gespräch ansteht? Hindert Sie ihr Stolz, es zu führen? Ist die Verletzung so groß, dass es keine Brücke mehr zum oder zur anderen gibt? Können Sie sich vorstellen für diesen Menschen zu beten: Vater, vergib ihm? Vater vergib ihr?

 

Vater, vergib ihnen

Mit der Vergebungsbitte wendet sich Jesus am Kreuz an seinen Vater. Ich höre diese Worte auch als Verzweiflungsschrei, nicht abgeklärt oder emotionslos nüchtern, sondern auch als schmerzhaftes Eingeständnis, dass sein Leben und seine Mission hier enden. Menschlich gesehen ist Jesus gescheitert. Und dennoch: Trotz seines Schmerzes sieht Jesus in seinen Mördern Menschen. Sie sind fern vom Reich Gottes. Sie sind verblendet. Jesus leidet an ihnen und unter ihnen. Jesus lässt sich durch seine Peiniger nicht zum Opfer machen. Das Gebet für seine Mörder schafft in ihm einen Raum, sie als Menschen zu sehen. Wohlgemerkt, Jesus sagt nicht zu seinen Peinigern: „Ich vergebe euch!“ Jesus appelliert an die Barmherzigkeit seines Vaters. Sie hebt die Untat nicht auf, gewährt aber auch denen, die Böses tun, eine Zukunft.

In seiner größten Versuchung hält Jesus das Böse aus, lässt sich nicht von der Gewalt brechen und überwindet sie damit. Jesus vertraut in allem dem Vater. In diesem Vertrauen gelingt es ihm, sein Sterben anzunehmen und den Gewalttätern nah zu sein, nicht als Opfer, sondern als freier Mensch. Sie können ihm – so paradox es klingt – in Wahrheit nichts antun, da Jesus sein Vertrauen zu seinem Vater durchhält.

Im Gebet: „Vater, vergib ihnen“ klingt schon etwas Österliches mit, ist schon die Auferstehung präsent. Die Gebetsworte sind von Verzweiflung und Hoffnung getränkt. Gerade deshalb sind sie eine sprudelnde Quelle für unseren Glauben und unser Leben.

Frage: Kennen Sie die Erfahrung in einer Krise dennoch gelassen zu sein, weil sie sich auf unerklärliche Weise mit allen Menschen, der Schöpfung und dem Göttlichen verbunden fühlen? 

 

denn sie wissen nicht, was sie tun

Dieser Satz ist keine Entlastung und Entschuldigung für die Mörder und Peiniger, vielmehr wird hier ein biblischer Realismus auf den Punkt gebracht: Der Mensch ist ein Sünder. Der Mensch ist in das Böse verstrickt, ob er es weiß oder nicht.

Gerade heute wird uns das immer mehr bewusst, dass es unmöglich ist durch unser Verhalten ein unschuldiges Leben zu führen.

Gleichzeitig wissen wir gar nicht – und in diesem Sinne wussten es auch seine Mörder und Peiniger nicht – was wir tun. „Sie, wir, wissen das nicht, weil das Böse in seiner Unmenschlichkeit gar nicht in einem genauen Sinn gewusst und nur abgründig verblendet gewollt werden kann – und so aber tatsächlich gewollt wird.“ (Traugott Koch: Jesus von Nazareth, der Mensch Gottes, Tübingen 2004, S. 296)

Das ist die Macht der Sünde, der sich kein Mensch entziehen kann. Darin sind wir alle gleich. Allein die Liebe kann diese Macht durchbrechen. Dostojewski schreibt in seinem Roman „Die Brüder Karamassow“: „Liebt den Menschen auch in seiner Sünde, denn nur eine solche Liebe wäre ein Abbild der Liebe Gottes und die höchste irdische Liebe.

Wenn wir die Liebe Jesu, die er im Gebet für seine Mörder zeigt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ nicht ins Leere laufen lassen, dann sehen wir in den Menschen, die uns absichtlich oder unabsichtlich geschädigt haben, fehlbare Menschen, wie wir es selbst sind. Gottes Geist vermag in uns eine Liebe wecken zu denen, die an uns schuldig geworden sind. „Vater … vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird“ überliefert Lukas Jesu Worte an seine Jüngerinnen und Jünger.

 

Seid barmherzig

Das erste Wort Jesu am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist nicht nur ein historisches Wort, dem wir distanziert begegnen könnten. Es ist ein geschichtliches Wort, das je auf seine Einlösung durch uns wartet. Lasst uns barmherzig miteinander umgehen: Das ist der Weg der Nachfolge. Jesus fordert seine Jüngerinnen und Jünger dazu auf:

Seid barmherzig wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Empfohlen

Zum Blog „der-schwache-glaube“ …

… ist im Einleitungstext „Der schwache Glaube“ alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.

Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Neustart. 15 Lehren aus der Corona-Krise, Leseprobe, Christoph Quarch, Daun 2020

Christoph Quarch: Neustart. 15 Lehren aus der Corona-Krise, legenda Q, Daun 2020,

Handwerklich gedruckt und gebunden im Druckhaus Schneider in Daun, Gedruckt auf 100% Recycling Papier, Alle Rechte vorbehalten, Lizenz erteilt, ISBN 978-3-948206-04-8, Preis: 9,90 Euro

Links: www.christophquarch.de, www.legenda-Q.de

Als Leseprobe veröffentliche ich mit Genehmigung des Autors die Kapitel 1-3:

Die Natur lässt sich nicht beherrschen

 

Im Jahr 1637 schrieb der Philosoph René Descartes, der Mensch sei »Herr und Meister der Natur«. Jedenfalls sei dies seine Bestimmung. Das war der Startschuss zu einer beispiellosen Nutzbarmachung, Beherrschung und Zerstörung der Natur. Seither glaubt der Mensch der Neuzeit, sich die Welt mit Wissenschaft und Technik dienstbar machen zu können. Diesem Glauben verdanken sich nicht nur Wohlstand und Komfort der Gegenwart, sondern auch die von den IT-Giganten des Silicon Valley verheißene Erlösung des Menschen von der Natur durch seine Umwandlung in Daten und in Algorithmen. Wir standen so kurz vor dem Ziel… – und nun das!

Oder etwa nicht? Zweifel sind erlaubt. Descartes glaubte, die lebendige Welt sei nichts anderes als eine große Maschine, die der Mensch gebrauchen könne. Heute glauben wir, sie sei ein einziger Datenbestand, den wir mit Hilfe unserer Maschinen berechnen und perfektionieren können. Corona aber lehrt uns, dass es ganz so leicht nicht geht: dass das Leben weder eine Maschine, noch ein Algorithmus ist, sondern ein fragiles Ereignis inmitten eines großen, wundersamen Schauspiels, das die Griechen phýsis nannten: Natur. Dieses Schauspiel folgt zwar ehernen Gesetzen, aber gleichwohl gibt es Raum für Anarchie und Improvisation. Unvorhersehbares ist im Spielgeschehen der Natur vorgesehen. Die Quantenphysik lehrt, dass alles stets auch anders sein könnte – und dass unsere sichtbare und scheinbar so verlässliche Welt schwankend auf einem Ozean von Möglichkeiten schwimmt.

Mikro-Organismen können jederzeit mutieren. Mikroben, mit denen wir eben noch in friedlicher Koexistenz lebten, können schlagartig zur Gefahr werden. »Alles fließt«, wusste schon Heraklit – ohne dass er dabei ahnte, dass dieser Planet mitnichten das »Dominium Terrae« eines gottgleichen Menschentums ist, sondern das Imperium unermesslich vieler Lebewesen, deren unsichtbares Miteinander allererst die Voraussetzungen schafft, unter denen Menschen leben können. Die Wahrheit ist: Wir sind nur Gäste in einer von uns unbeherrschbaren Natur, die augenblicklich ihre Muskeln spielen lässt. Uns das im Zeitalter des Klimawandels zu Bewusstsein zu bringen und es zu beherzigen ist die erste Lektion, die uns das Virus lehrt.

Wir müssen die Wildnis respektieren

 

Ob auch wahr ist, was man uns erzählt, wird wohl nie zu klären sein: dass Corona auf einem Markt in der chinesischen Stadt Wuhan von einem Wildtier auf den Menschen übertragen worden sei. Nehmen wir fürs Erste an, die offizielle Story sagt die Wahrheit. Dann hat sie das Zeug zu einem epochalen Mythos. Denn in ihr verdichtet sich das Drama unserer Zeit: der systematische und konsequente Übergriff des Menschen auf das nicht domestizierte, freie, wilde Leben – ein Angriff auf Millionen Tier- und Pflanzenarten, die wir ausgerottet haben, da wir sie auf dem Altar unserer grenzenlosen Gier geopfert haben. Eine Spezies aber scheint aus der Art geschlagen. Denn sie schlägt zurück: Covid-19.

Weniger als 13 Prozent der Erdoberfläche werden noch als »Wildnis« eingestuft. Alles andere hat der Mensch kolonialisiert. Dadurch ist er in Bereiche vorgedrungen, die zu betreten ihm nicht gut ansteht: dorthin, wo er mit Mikroben in Kontakt kommt, die aus ihrem angestammten Habitat entfernt zu Pandemien und tausendfachem Tod führen können. Ob Corona, Aids, Ebola, Sars, Pest oder Grippe. Alle großen Seuchen haben wir von Tieren übernommen, deren Lebensform und Lebensart wir konsequent missachteten. Dass ein Virus nun von einem Schuppentier auf einen Menschen übersprang und seither die Einrichtung der Welt gefährdet, scheint beinahe ein Menetekel für die Welt zu sein – ähnlich wie der Eisberg-Crash der Titanic zu Beginn des 20. Jahrhunderts: ein Weckruf, Schluss zu machen mit den fortwährenden Übergriffen gegen die Natur, der dauernden Vergewaltigung ihrer jungfräulichen Wildnis. So wie gefrorenes Wasser ein Schiff auf den Grund des Ozeans zu schicken vermag, können auch Mikroben noch so stolze Riesenorganismen wie den Menschen ums Leben bringen. Die Wildnis war schon immer unerbittlich. Vielleicht ist dies ihre letzte Warnung.

 Verzichten ist möglich – und zuweilen unerlässlich.

 

Als vor nicht langer Zeit die Fridays-for-Future-Bewegung Fahrt aufnahm, wandte sich der öffentliche Diskurs für eine kurze Zeit der Frage zu, ob Konsumverzicht oder staatliche Verbote probate Mittel sein können, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Wer für solches votierte, musste schnell erkennen, welch außerordentliche Widerstände Worte wie »Verzicht« oder »Verbot« in weiten Kreisen seiner Zeitgenossen auslösten. Vor allem orthodoxe Anhänger der Doktrin des Wirtschaftsliberalismus taten sich in dieser Debatte mit markigen Worten hervor. Christian Lindner etwa, Chef der Freien Demokraten (FDP), sagte: »Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen.« Heute, in Zeiten der Pandemie und des Shutdown, klingt dieses Zitat wie die Reaktion eines bockigen Zwölfjährigen, der nicht verstanden hat, welche Zeit geschlagen hat. Es klingt nicht nur so: Es ist genau dies.

Eben das ist die Lektion, die wir nun lernen müssen: In Krisenzeiten ist Verzichten eine Option. Und je eher man damit beginnt, desto besser. Was Corona betrifft, so haben wir in Deutschland vermutlich drei oder vier Wochen zu lange gewartet, hätten viel früher Grenzen schließen und Ski-Urlaube unterbinden müssen. Die Folgekosten wären weit geringer ausgefallen als all das, was später kam. Was den Klimawandel angeht, so haben wir vermutlich drei oder vier Dekaden zu lange gezaudert. Den Preis, den wir eines Tages dafür werden zahlen müssen, möchte sich niemand ausmalen. Heute müssen wir uns fragen: Wollen wir länger vernagelt und verzweifelt rufen »Ich will aber nicht verzichten!« und »Ich will Bewegungsfreiheit!«? Nein, wir können uns dies nicht mehr leisten. Wir müssen einsehen, dass die Zeit vorbei ist, in der wir ungestraft so tun konnten, als sei unser eigener Wille das Maß aller Dinge – und nicht das faktische Sein dieser Welt, die verantwortliches Handeln von uns verlangt und nicht ein bockiges Trotzgehabe.

Corona lehrt aber nicht nur, dass Verzicht zuweilen unausweichlich ist. Es lehrt vor allem, dass es möglich ist, Verzicht zu leisten. Ja, dass es viel leichter fällt, als wir alle dachten. Gewiss gibt es auch jetzt noch einige Vernagelte, die sich ob des erzwungenen Verzichts in Selbstmitleid ergehen. Aber die Mehrheit der Menschen scheint sogar in Deutschland zu erkennen, dass Verzichten sie nicht umbringt – dass Verzichten sie vielmehr bereichern kann: mit dem kostbarsten aller Schätze: Zeit.

Corona im Kreis Soest, aus Pressemitteilungen des Kreises Soest im März 2020

Von der Anzahl 17 am 14. März 2020 bis zum 21.3.2020 ist die Zahl der bestätigten Corona-Fälle auf 73 bestätigte Corona-Fälle angestiegen!
Kreis Soest (kso.2020.03.21.146.jdw). Die Fallzahl bestätigter Corona-Fälle im Soester Kreisgebiet ist von Freitag auf Samstag, 21. März 2020, weiter angestiegen, und zwar von 62 auf 73 Fälle. Das teilt der Krisenstab der Kreisverwaltung mit.
Damit verteilen sich die bisher gemeldeten bestätigten Fälle wie folgt auf die Kommunen im Kreis Soest: Anröchte 2, Bad Sassendorf 7, Erwitte 2, Geseke 6, Lippetal 4, Lippstadt 15, Möhnesee 9, Rüthen 4, Soest 12, Warstein 6, Welver 2, Werl 4.

Dazu veröffentlicht der Kreis Soest heute am 22.03.2020 folgende Pressemeldung, die ich hiermit auf dem Blog teile:

Corona: Kreis konzentriert alle Kräfte
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen arbeiten bereits das dritte Wochenende durch
Kreis Soest (kso.2020.03.22.148.-rn). Die Kreisverwaltung konzentriert alle Kräfte auf den Kampf gegen das Corona-Virus. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem im Gesundheitsamt und in den verschiedenen Bereichen des Krisenstabes, haben bereits das dritte Wochenende durchgearbeitet. Landrätin Eva Irrgang: „In dieser Ausnahmesituation tun wir alles für die Gesundheit der Menschen. Der Schutz und das Wohl der Bürgerinnen und Bürger stehen an erster Stelle. Dafür arbeiten wir, ohne nachzulassen.“
Zwei Schwerpunkte stehen im Mittelpunkt. Zum einen müssen wichtige Bereiche der Infrastruktur, wie zum Beispiel der Rettungsdienst und die Leitstelle, weiter rund um die Uhr reibungslos  laufen. Dafür gilt es, eine Verschärfung der Lage einzukalkulieren und vorausschauend zu planen. Zum anderen hat der Krisenstab die Situation der Krankenhäuser und des Gesundheitswesens allgemein im Blick und muss auch hier antizipieren, ab welchem Punkt die ansteigenden Fallzahlen zu Kapazitätsproblemen führen könnten und was dagegen getan werden kann. So ist beispielsweise beschlossen worden, den Krankenhäusern auf Anforderung Beatmungsgeräte des Rettungsdienstes zur Verfügung zu stellen.

Zum Glück hat der Rettungsdienst das Problem kommen sehen und sich bereits Anfang Januar mit ausreichend Masken und anderer persönlicher Schutzausrüstung wie Brille, Handschuhe oder Kittel eingedeckt. „Derzeit sind wir gut aufgestellt und halten auch die nächsten Wochen durch“, berichtet der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Hans-Peter Trilling. Damit auch die Krankenhäuser ihre Vorräte auffüllen können, stehen die Hilfsorganisationen Gewehr bei Fuß für Lieferungen. Das Deutsche Rote Kreuz hat auf Anweisung des Krisenstabs am Wochenende in Düsseldorf eine erste Charge von 850 Masken abgeholt, die das NRW-Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellt hat. „Natürlich sind das viel zu wenig. Wir bleiben aber bei Landesregierung und Ministerium am  Ball und weisen ständig auf die kritische Versorgungssituation in diesem Bereich hin“, betont Kreisdirektor Dirk Lönnecke als Krisenstabsleiter. Schutzmaterialien für Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, im Notbetrieb arbeitenden Werkstätten für behinderte Menschen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe seien angekündigt.

Der Krisenstab hat mittlerweile Handlungsanweisungen für Feuerwehren, Hilfsorganisationen und THW im Kreis Soest  zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit abgestimmt und auf den Weg gebracht. Nachdem auf Initiative der dortigen Hausärzte in Warstein ein Abstrichzentrum in Betrieb genommen wurde, hat das Gesundheitsamt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein-Westfalen (KVWL) auf weitere Einrichtungen dieser Art gedrängt, zu denen die Hausärzte überweisen können, um ihre Praxen zu entlasten. In Lippstadt ist mittlerweile ein Abstrichzentrum ebenfalls in Betrieb. In Soest wurde die KVWL-Notfalldienstpraxis in ein Corona-Behandlungszentrum umgewandelt. Das Rechtsamt des Kreises unterstützt die Kommunen bei der rechtssicheren Verfassung von Allgemeinverfügungen, mit denen die zahlreichen ministeriellen Erlasse, zum Beispiel um die Kontakte der Menschen und damit die Infektionsgefahr zur reduzieren, von den Ordnungsämtern umgesetzt werden.

Das Gesundheitsamt ist unterdessen mit Hochdruck dabei, die Fülle der eingehenden Befundberichte zu sichten und auszuwerten, mögliche Kontaktpersonen im Umfeld bestätigter Fälle zu ermitteln und zu informieren sowie die in häusliche Quarantäne geschickte Personen telefonisch zu begleiten. Parallel dazu müssen Antworten auf die vielen Fragen geliefert werden, die am Infotelefon auflaufen. Diese münden in eine Liste von häufig gestellten Fragen, die ständig aktualisiert wird und auf der Website www.kreis-soest.de/coronavirus zu finden ist. Auch zu Fragestellungen, die den Kreis auf Facebook, Twitter und Instagram erreichen, liefert das Gesundheitsamt fachliche Informationen.

Der Krisenstab tauscht sich mittlerweile nicht mehr in Sitzungen aus, sondern bewertet die Lage und vergibt sein Aufträge mit Hilfe von Telefonkonferenzen. Die Arbeit im Hintergrund leisten im Dauereinsatz die Koordinierungsgruppe, der Innere Dienst sowie die Bevölkerungs- und Medienarbeit als fest definierte Bereiche des Krisenstabs. Dafür wurde, wie im Falle der Aktivierung des Krisenstabs vorgeplant, Personal aus allen Teilen der Kreisverwaltung zusammengezogen. Die regelmäßige Abstimmung mit den Bürgermeistern der kreisangehörigen Kommunen erfolgt auch mittels Telefonkonferenz.

Mehrere hundert Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern gehen täglich am Bürgertelefon ein. Mittlerweile wurde ein Schichtbetrieb eingerichtet und auch für die Wochenenden ein Dienstplan erstellt. In der Regel sind sechs Telefone besetzt. Unter der Woche ist das Infotelefon montags, dienstags und mittwochs von 8 bis 17 Uhr, donnerstags von 8 bis 18 Uhr, und freitags von 8 bis 13 Uhr erreichbar. Samstags und sonntags sind die Telefone von 10 bis 12 Uhr besetzt. Kreisdirektor Dirk Lönnecke weist darauf hin, dass der Kreis bei Änderungen der Lage auch die Warn-App NINA zur Kommunikation nutzen werde. Er wiederholt deshalb seinen Appell, sich die App auf Handy oder Tablet zu installieren. Die App gibt es für die Betriebssysteme Android und iOS.

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung bringen sich in dieser schwierigen Lage mit großem persönlichen Engagement, all ihrer Erfahrung und hoher Professionalität in die jetzt erforderlichen Anstrengungen ein“, betont Landrätin Eva Irrgang. „Das macht mich als Verwaltungschefin stolz. Für diese vorbildliche Leistung bedanke ich mich von ganzem Herzen. Vor allem hoffe ich, dass alle gesund bleiben.“