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Bonhoeffers Denken bleibt lebendig, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Rezension zu:

Kirche und Wahrheit, Im Auftrag der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion e. V., hrsg. Von Matthias Grebe, Nadine Hamilton, Karsten Lehmkühler und Gunter Prüller-Jagenteufel, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025 , Paperback, 233 Seiten, ISBN (print) 9783374079513,
Link: https://www.eva-leipzig.de/de/grebe-hamilton-lehmkuehler-preller-jagenteufel-kirche-und-wahrheit

Die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, kurz ibg, deutschsprachige Sektion, geht mit dieser Veröffentlichung einen neuen Weg. Waren die Vorträge der Jahrestagungen in den vergangenen Jahren im Rundbrief der Gesellschaft ibg veröffentlicht worden, so hat man diese nun in eine gesonderte Publikation ausgegliedert, die zwar extra Geld kostet, aber durch die Erscheinung am Buchmarkt eine größere auch wissenschaftliche Öffentlichkeit erreicht. Dieser Publikation sei gewünscht, dass sie dort nun auch die Aufmerksamkeit bekommt, die sie und Dietrich Bonhoeffers Denken selbst verdient.

Tagungsbeiträge 2023 und 2024

Wenn der Buchtitel nun die beiden Themen der jeweiligen Tagungen in einen einzigen Satz verbindet, so sei nun aber nicht etwa nach einem inhaltlichen Zusammenhang der Begriffe Kirche und Wahrheit gefragt. Mehr als eine Zusammenstellung der Tagungsbeiträge ist das Buch nun allerdings nicht.

Verwenden Sie bitte den oben genannten Link zum Verlag, um die Leseprobe zur Kenntnis zu nehmen, die das Inhaltverzeichnis, die Vorbemerkung und die Einleitung enthält! Da die Einleitung eine kurze inhaltliche Zusammenfassung aller Beiträge enthält, soll darauf hier verzichtet werden. Stattdessen soll in dieser Rezension ein inhaltlicher Eindruck von den Beiträgen der beiden Jahrestagungen 2023 und 2024 vermittelt werden, wobei in die Tagung 2023 auch ein Gedenken an 50 Jahre ibg eingeflochten ist, doch dazu später.

Nachdenken über die praktische Theologie

Das Nachdenken über die praktische Theologie scheint bei der Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer (1906-1045) vorgezeichnet, obwohl Bonhoeffer sich eher als Systematiker sah (als Dozent in Berlin 1932/33, d. Rez.). Michael Herbst, emeritierter Professor für praktische Theologie Greifswald bezieht sich in seinem Vortrag (S. 17 – 37) auf die Texte „Gemeinsames Leben“ (Dietrich Boenhoeffer Werke, kurz DBW, Bd. 5), Bonhoeffers Dissertation „Sanctorum Communio“ (DBW, Bd.1) und die als „Widerstand und Ergebung“ (DBW, Bd. 8) erschienen Gefängnisbriefe.

Die volkskirchliche Situation heute mahnt zur Sorge, es würde gelegentlich „keine Gemeinde“ mehr geben. Beibehaltung gegebener Strukturen lässt die aktive Beteiligung von Mitgliedern zwingend erscheinen, wobei zugleich ein Potential Veränderung aufscheint. Dass Bonhoeffer und seine „Vikare“ in einer vergleichbaren Situation zwischen 1938 und 1940 aktive volksmissionarische Aktivitäten ausprobierten, hätte man an dieser Stelle ruhig auch einmal erwähnen können. Hierzu gehörten damals auch Hausbesuche bei Kirchenmitgliedern (d. Rez.).

Kirchenentfremdung oder öffentliche Theologie

Christine Schließer beschreibt in ihrem Beitrag (S. 39 – 50) das Problem der westlichen Kirchenentfremdung aus ökumenischer Sicht und zitiert aus ökumenischen Dialogen in Ruanda, Rumänien und England. So ist sie fixiert auf die „öffentliche Theologie“, die bereits von Dietrich Bonhoeffer in der „Ethik“ entwickelt worden ist und die von Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm weiterentwickelt wurde. Kirche im Sinne Jesu kann nicht anders als öffentlich sein. Eine Änderung der Bereiche findet nicht statt. Kirchliche Dimensionen sind fließend aufeinander bezogen. Missionarisch und öffentlich sind kein Gegensatz.

„Buße der Kirche“ wozu?

Dr. Gernot Gerlach, emeritierter Dekan (Pfarrer in Ruhe), „Buße der Kirche (Metanoia), Ökumenizität und Diakonik (S. 51-70), erinnert an seine Veröffentlichung über die Kirche bis 2040 (vgl. Gernot Gerlach, Kirche 2040, Berlin 2021). Dies zeigt ein erweitertes Zitat aus seiner Einleitung: In der postmodernen Epoche der Metanoia „…ist damit die These verbunden, dass Kirchen am Leiden Gottes in der Welt teilhaben, sich in den Konflikten der Transfirmationsprozesse an die Zukunft erinnern … Quellen der Erneuerung erschließen, ökumenisch mit anderen lernen, teilen, helfen und feiern“ (S. 52). Gernot Gerlach führt seine Impulse auf Anregungen Dietrich Bonhoeffers zurück, die er im Fortgang entfaltet: In Teil 1 zum Stichwort der Buße der Kirche zitiert er vor allem aus einem Vortrag Bonhoeffers aus der Zeit der „illegalen Theologenausbildung: Finkenwalde 1935 – 1937“, (DBW 14), Gütersloh 1996. Der Ausdruck „Buße der Kirche“ ist in der Theologie annähernd singulär und wird ausgegrenzt, wozu auch die Endredaktion des ursprünglich von Dietrich Bonhoeffer mitverfassten „Betheler Bekenntnis“ angeführt wird, die diesen Begriff in der Endfassung nicht mehr enthält. Mit anderen Worten erinnert Gernot Gerlach an ein Zitat aus dem Buch „Nachfolge“: „Das bedeutet, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist.“ (S. 56, DBW 4, 38). Weitere Beispiele für eine Buße der Kirche findet Gerlach im „Schuldbekenntnis der Kirche“, das Bonhoeffer im Buch „Ethik“ überliefert, sowie einige Formulierungen aus „Widerstand und Vergebung“ (vgl. S. 57).

Das Kapitel II. ist überschrieben mit „Ökumenizität“ (S. 59ff). Bonhoeffer selbst war besonders nach 1934 aktiv ökumenisch engagiert (siehe Bonhoeffers Fanø-Rede 1934). Dazu kam die Bekenntnisfrage: Kirche gibt es nur als Bekennende Kirche (vgl. S. 60). Kirche steht täglich in der Buße, bekennt ihre Schuld und … ist auf die Gnade Gottes angewiesen“ (nach Dietrich Bonhoeffer 1940). Daraus folgt die Diakonität, da diese Kirche der Buße auf wechselseitige Unterstützung, auf gegenseitiges Tragen angewiesen ist (vgl. S. 65). Doch gilt dies nicht nur intern, sondern auch gegenüber den leidenden Brüdern und Schwestern Jesu, womit damals die verfolgten Juden gemeint sind. Gernot Gerlach begründet zum Ende des Beitrags, wie die Impulse Bonhoeffers auch heute für die Perspektive 2040 produktiv sein werden.

Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.

Heinrich Bedford-Strohm (S. 71-85) kommt nach einem längeren Abschnitt über die aktuelle volkskirchliche Situation zu sprechen und betont die Notwendigkeit der „öffentlichen Kirche“ (S. 75ff). Hier werden Bonhoeffers Fragmente zu seiner „Ethik“ herangezogen, „ … in der empirischen Kirche die geglaubte Kirche so weit wie irgend möglich sichtbare Gestalt gewinnen zu lassen“ (S. 77). Kurzgefasst: „Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.“ (S. 79) Die Überschriften der Schlusskapitel sollen den Inhalt der Abschnitte kurz skizzieren:

  • Durch Sein in der Liebe missionarische Kraft entwickeln.
  • Die globale Ökumene stärken.
  • Die Kraft der Frömmigkeit für heutige Menschen erschließen. (vgl. S. 80 – 83).

„Kirchendämmerung“

Zum Ende des ersten Tagungsberichts erinnert Hartmut Rosenau an den Begriff „Kirchendämmerung?“ (S. 87 – 100). Die Überschrift ist eine Anleihe bei Friedrich Wilhelm Grafs Ausarbeitung zur „Kirchendämmerung“ (2011) der wiederum als Anspielung auf das Wort „Götzendämmerung“ bei Friedrich Nietzsche gedacht ist (1889). Hier findet sich der interessante Satz, dass Nietzsches Philosophieren mit dem Hammer nicht mit Zerstörung eines Hammers zu tun hat, sondern mit einem feinmechanischen Hammer, mit dem Gegenstände angeschlagen, um zu prüfen, ob sie etwa rissig sind (vgl. S. 89).

Hier skizziert Hartmut Rosenaus Bonhoeffers Theologie als weisheitliche Theologie, die sich vorrangig an den Themen Schöpfung und Menschsein orientiert. (vgl. S. 94). Hierzu wird Bonhoeffer wörtlich zitiert: „Sie (die Kirche, d. Rez.) wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen.“ (hier S. 98). Hieraus schließt Hartmut Rosenau, dass diese Kirche wandelbar und veränderlich, „veränderungsbedürftig wie auch veränderungsfähig“ ist (S. 98).

Der zweite Teil des Buches „Jahrestagung 2024“: Wahrheit und der dritte Teil „50 Jahre internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, deutschsprachige Sektion e. V.“ werden im folgenden letzten Teil der Rezension nur kurz skizziert.

Nach dem Begriff „Wahrheit“ braucht man bei Bonhoeffer in der Tat nicht lange zu suchen. Florian Höhne, Professor und neuer Vorsitzender der ibg, greift das Thema der digitalen Wahrheit auf und geht damit klar über Bonhoeffers zeitlichen Kontext hinaus. Bonhoeffer hingegen hatte sich in erster Linie mit Propaganda auseinanderzusetzen.

Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet

Florian Höhne wird im Buch „Nachfolge“ (1937) fündig. Dort sieht er Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet. Im Jahr 1942 notierte er, damals noch unveröffentlicht, dass zur Wahrheit die Schuldübernahme gehört. In der „Christuswirklichkeit“ stellt sich die Wahrheitsfrage differenzierter. Hierzu gibt es ein Beispiel, das Kant überliefert, von Bonhoeffer in der „Ethik“ zitiert. Im Interesse der Christuswirklichkeit kann die formale Wahrheit Schuld bedeuten, die Lüge dagegen wahr sein.  (vgl. S. 111) Zusammenfassend spricht Florian Höhne von einer „kohärentistischen Verantwortungsethik“ (S. 114). Die dazu passende Zusammenfassung hätte m. E. gerade von diesen Beispielen her auch den sog. Pragmatismus ins Spiel bringen sollen, mit dem sich m. E. Bonhoeffers Verhalten einfacher erklären lässt. Er könnte ihn in den USA kennengelernt haben (d. Rez.).

Auch der anglikanische Priester Matthias Greben greift Bonhoeffers Begriff der Christuswirklichkeit auf. „Wahrheit manifestiert sich in der Begegnung mit Christus und führt zur Mündigkeit des Glaubenden.“ (S. 125) Dies wird nun auf den Kontext der Säkularität bezogen. Wichtig ist hier mit Habermas auf die Gefahr der Entsolidarisierung hinzuweisen. (vgl. S. 128).

Karsten Lehmkühler wiederum greift in „Zwischen Wahrheit und Verhüllung“ Äußerungen Bonhoeffers aus den Gefängnisbriefen auf. Stephen Plant weist, in englischer Sprache, auf die politische Dimension der Wahrheit hin.

(Während diese Beiträge, manchmal parallel, auf die Widerstandszeit Bonhoeffers hinweisen, kommt in „Bilder und Bildbearbeitungen im Wandel, eine bildethische Reflexion am Beispiel politischer Motive“ von Christian Schicha Bonhoeffer gar nicht vor, jedoch Bildpropaganda aus dem Nationalsozialismus.

Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch

Es ist sicherlich angebracht, den von Dietrich Bonhoeffer sehr hoch geschätzten Wahrheitsbegriff ins Zentrum zu stellen. Hier wäre es sicher im Sinn der vorherigen Tagungen besser gewesen, die Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch zu sehen, innergemeindlich und gegenüber der Gesellschaft. Die des subversiven Widerstands sind da m. E. als berechtigte Ausnahme zu sehen, die letztlich den Wahrheitsbegriff gar nicht tangiert. Die Tagungsberichte zeigen, dass die Literatur unter dem Namen Bonhoeffer und die von ihm gelebte Zeitgeschichte ein wesentlicher Hintergrund bleiben.

Dies lebendig zu halten, gibt es seit 50 Jahren die Internationale Bonhoeffer Gesellschaft. Als Dokumente dazu ist die Predigt von Heinrich Bedford-Strohm zur Jubiläumstagung gegeben, eine Rezension über die „Grunewald-Gefährten“ von Cornelius Bormann. Dass diese Personen, z. T. Verwandte Dietrich Bonhoeffers und Freunde der Familie als Widerstandkreis anzusehen sind, wird eigentlich auch schon aus der Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges deutlich.

Am Ende des Buches ist eine Zeittafel zur Geschichte der ibg und ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis gegeben.

Bilanz der Aufarbeitung Martin Heideggers, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Cover online  kopiert, Copyright Reclam

Rezension zu: Oliver Jahraus: Verstrickte Philosophie, Heidegger und der Nationalsozialismus, Philipp Reclam jun. Verlag Stuttgart 2026, gebunden, 239 Seiten, mit Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Personenregister, ISBN 978-3-15-011574-9, Preis: 24,00 Euro (print)

Bewertungen im Rückblick?

Kann Hannah Arendts (1906 – 1976) Arbeit zu Bertold Brecht (1889 – 1956) als Vorbild auch der Arbeit zu Martin Heidegger (1889-1976) gelten? Mit diesen Gedanken leitet Oliver Jahraus (geboren 1964) seine Überlegungen zur „Verstrickung“ Martin Heideggers ein. Immerhin sind es bei Brecht selbstkritische Töne, die in einem seiner Gedichte anklingen: „Gedenkt/ Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht/ Auch der finsteren Zeit/ Der ihr entronnen seid/…“ (S. 9)

Heideggers Verflechtungen

Nicht nur die Frage, wie besonders die Selbstkritik Brechts zu seiner Verstrickung in den Stalinismus der DDR gedacht ist, sondern auch, ob und wie Martin Heidegger auf seine Verflechtung in den Nationalsozialismus eingeht, wird in diesem Werk aufgearbeitet. Die Bemerkungen Heideggers selbst und die fehlenden Entschuldigungen, die kleinen Rechtfertigungen und vom Antisemitismus nicht unbeeinflussten posthumen Veröffentlichungen zeigen, dass die Frage nach dem NS – Engagement Heideggers ihn zum philosophischen Dauerbrenner gemacht haben.

„Mit Heidegger gegen Heidegger denken“

Da ist zuerst von Jürgen Habermas die Rede (1929 – 2026). Er kam von Heidegger zur Frankfurter Schule und bemerkte 1956 in einer Rezension in der FAZ, dass die Vorlesung Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ (1963) einen seit der Erstauflage 1935 unveränderten Text ohne Anmerkungen zur NS-Zeit liefert und damit  den folgenden Text unverändert darbietet: „Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe … nicht das Geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in den trüben Gewässern der ‚Werte‘ und der ‚Ganzheiten‘  (Zitat „Einführung…“, S. 152). Heideggers Nazi-Verflechtung kann, so Oliver Jahraus, zur Schlüsselfrage seines Werkes werden. Das Fazit für Habermas war: „Unvermutet hatte da ‚Dasein des Volkes‘ den Platz des je einzelnen ‚Daseins‘ eingenommen.“ (S. 20, Zitat Jürgen Habermas). Der Rezensionstitel der FAZ, nicht von Habermas selbst stammend, gab dem Denken fortan seine Prägung: „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“.

Hier sollte nach 70 Jahren und im Jahr des Todes von Jürgen Habermas erlaubt sein zu fragen, ob dieses Motto in den dann folgenden Auseinandersetzungen eigentlich überboten worden ist, wenn auch das „mit Heidegger“ später zumindest philosophiegeschichtlich gedacht worden ist.

Dabei werden in der Untersuchung von Jahraus nun die verschiedenen Ebenen dieser Auseinandersetzung abgearbeitet, deren vorläufiger Höhepunkt die Veröffentlichung der sogenannten Schwarzen Hefte war.

Diese Untersuchung ist lesenswert und bearbeitet folgende Leitfragen, an der thematischen Vorgabe der „Verstrickung“ orientiert:

„1. In welchem Maße war Heidegger verstrickt?

2. Inwiefern führt die Verstrickung der Person zu einer Diskreditierung des Werkes, und schließlich:

3. Finden sich im Werk Strukturen, die der politischen Verstrickung zugrunde liegen?“ (S. 65, im Anschluss an Marion Heinz, hier Anmerkung 149).

Verstrickung

Die Ausarbeitungen von Oliver Jahraus kann man nicht einfach zum Ende überspringen. Obwohl das vorläufige Fazit nach der Bearbeitung der Diskussion um die sogenannten „Schwarzen Hefte“ gezeigt hat, dass die Habermas Formel gültig bleibt, wird gerade mit der Verstrickung der Philosophie ein Motiv gegeben, das angesichts noch weiterer Diskussionsthemen und Bewegungen nötig bleibt oder vielleicht sogar wird.

Vielleicht ist das bei aller Perfektion seines Buches das Problem, dass es gar nicht bemerkt, dass das „Zeitalter“ einer ganz neuen Bewegung gekommen ist, die mit der alten doch einiges verbindet, die so erneut zu genannter Verstrickung einlädt.

P.S. Und zuletzt, was m. E. im Buch von Oliver Jahraus fehlt, ist die Erwähnung der Frage, ob die Mitarbeit Heideggers an der Nietzsche-Ausgabe mit der Herausgabe des nur aus dem Nachlass konstruierten Bandes „Der Wille zur Macht“ nicht doch eine Art Mitarbeit am einer NS-Philosophie gewesen ist. Und somit auf das Rektorat kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm folgte, wenn sich auch der Philosoph aus der Tagespolitik herausgehalten hat. Weiterhin wäre es doch noch einmal spannend, das Rektorat Heideggers und sein Rücktritt daraus in die Geschichte des Nationalsozialismus einzuordnen, der inzwischen zum Hitlerismus geworden war und somit einem eigenständigen Denker hätten gefährlich werden können.

Bachüberquerung im Lägertal, Pressenotiz Stadt Iserlohn

Foto: Stadt Iserlohn / Pressestelle

Es wirkt regelrecht idyllisch im Lägerbachtal: Unter dem grünen Blätterdach des Mischwalds bahnt sich das klare Wasser seinen Weg. Es ist ein Kleinod zum Durchatmen für die Erwachsenen und ein Ort zum Entdecken und Spielen für die Kinder. Um diesen Naturraum aufzuwerten, hatte die Abteilung Stadtentwässerung der Stadt Iserlohn gemeinsam mit der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises veranlasst, die schadhafte Verrohrung des Lägerbachs im Bereich der städtischen Forstfläche „Kühler Grund“ zu entfernen und die Gewässerquerung zu einer Furt (einer seichten Flachstelle, an der das Gewässer durchquert werden kann) umzubauen. Die Baumaßnahme fand Mitte Mai statt und ist nun erfolgreich abgeschlossen.

Innerhalb von nur einer Woche entstand hier zwischen Eichen, Buchen, Erlen und Ahorn eine Gewässerquerung, die nicht nur ihre zweckmäßige Aufgabe erfüllt, sondern sich auch harmonisch in die Umgebung einfügt – zugleich den natürlichen Lebensraum von Flusskrebsen, Eintagsfliegen-Larven und Fischen begünstigt und für Klein und Groß ein naturnahes Wasser-Wald-Erlebnis schafft.  

Mitarbeitende des Stadtbetriebs Iserlohn/Hemer (SIH) hatten dazu mit einem 9-Tonnen-Bagger das vom Hochwasser 2021 beschädigte Rohr entfernt und die Erde des seit Jahren immer schmaler gewordenen Wegs abgetragen. Danach wurden rund vierzehn große, jeweils fast eine Tonne schwere Bruchsteine in das Bachbett eingesetzt, an denen sich nun das Wasser des Lägerbachs plätschernd entlangschlängelt. Ziel war es, durch das Setzen dieser flachen „Trittsteine“ die bestehende Wegeverbindung für Fußgängerinnen und Fußgänger zu erhalten und gleichzeitig eine Aufweitung des Gewässerprofils zu erreichen. Deshalb wurden breite und flache Wasserbausteine genutzt, die dafür aber nicht extra gekauft werden mussten, sondern aus anderen städtischen Baumaßnahmen stammen und hier einfach weiterverwendet werden konnten.

Eine Gestaltung der Furt mit Nutzung als gesicherte und barrierefreie Verbindung, die auch mit dem Fahrrad zu durchfahren ist, war nicht möglich. Da es sich bei dieser Wegeverbindung nicht um einen ausgewiesenen Radweg handelt, müssen Radfahrende im Bereich der Furt ihr Fahrrad oder Mountainbike schieben. Ein ausgewiesener Radweg befindet sich auf der angrenzenden „Lägerbachstraße“.

Die Liebe zu Christus erneuern, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

…an Karfreitag 2026, Offenbarung 2,1-7, Sendschreiben an Ephesus,

Liebe Gemeinde,

in einigen sozialen Schichten kehrt die Feier der Verlobung zurück. Statistiken wie viele Verlobungen in Deutschland geschlossen werden gibt es nicht, da die Verlobung keine rechtliche Angelegenheit ist. Anzeichen für vermehrte individuell gestaltete Verlobungen gibt es aber schon. In den sozialen Medien werden Verlobungsfeiern gepostet und nachgeahmt. Auch führen Krisen zu privaten Versprechen, verbindlich zueinander zu gehören. Da wir wissen, wie ambivalent Beziehungen sind und auch eine Trennung vom Partner oder der Partnerin nicht ausgeschlossen werden kann, wurde früher von der Verlobungszeit als Prüfungs- oder Bewährungszeit gesprochen. Heute steht eher im Vordergrund, ein Fest der Liebe zu feiern und dieses auch dem Freundes- und Familienkreis mitzuteilen. Jetzt wissen und erwarten alle, dass eine Hochzeit aussteht. Durch das Ritual der Verlobung wird die Liebe eines Paares auf die Zukunft hin ausgerichtet. Es steht noch etwas aus. Das kann Freude und gelegentlich auch Angst und Zweifel auslösen. Im besten Fall bekommt die Liebe einen Schub. Wenn die Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit sich zu lange hinzieht, kann das auch zu Ermüdungserscheinungen in der Beziehung führen.

Unser heutiger Karfreitagspredigttext ist ein Brief eines Verlobten an seine Braut. In der Beziehung liegt eine Störung vor, die dazu führen könnte, dass der Verlobte die Verlobung aufkündigt. Von seiner Seite aus will das der Bräutigam nicht, aber so wie es gerade läuft, geht es nicht weiter. Am Schluss des Briefs betont der Verlobte, wie schön es doch sein kann, wenn die Liebe erneuert wird. Das könnte doch paradiesisch sein und helfen, dass die Liebe ihr Ziel erreicht.

Lesung des Predigttextes, Luther 2017

Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust. Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die auch ich hasse.

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.

 

Mit Christus verlobt?

In der frühen Christenheit und auch später haben die Gläubigen ihren Glauben mit einer Ehe verglichen. Das Bild der ausstehenden Hochzeitsfeier ist biblisch begründet. (Math. 25,1-13) Die Braut ist die Gemeinde und der Bräutigam ist der auferstandene Christus. Die Braut bereitet sich auf die himmlische Vermählung mit Christus vor. Sie freut sich auf dieses große eschatologische Fest. Sichtbar wurde das im letzten Jahrhundert bei den evangelischen Diakonissen. Sie trugen eine weiße Haube als Zeichen, dass sie mit Christus vermählt sind. Sie gehören zu Christus und warten auf seine Wiederkunft. Im Himmel werden sie Brot und Wein mit ihrem Bräutigam teilen (Markus 14,25).

In der Auslegung der 7 Sendschreiben ist es hilfreich das Bild der Vermählung mit dem Bräutigam Christus durchgehend zu bedenken. Es richtet den Blick der Gläubigen auf eine verheißungsvolle Zukunft. Die Leiden um des Glaubens willen und die konkreten Herausforderungen der Gemeinde können durch Umkehr und die Liebe zu Christus überwunden werden. (Siehe Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, S. 1001)

Im Schreiben an die Gemeinde Ephesus wird festgestellt, dass die Liebe zu Christus „erkaltet ist“. Die Gläubigen in Ephesus leiden an einem Christus-Burnout. Ein fiktives Gespräch zwischen Lydia, der Name ist nicht zufällig gewählt (unsere Gemeinde heißt Lydia-Gemeinde Herzogenrath) und Jesus versucht die Störung in der Christusbeziehung anschaulich zu machen.

Lydia und Jesus

Lydia (Gemeindeleitung aus Ephesus) und Jesus unterhalten sich über den Brief:

Lydia: Also ehrlich Jesus, dein Brief hat mich ganz schön enttäuscht. Ich versteh die Welt nicht mehr. Du hast mir doch versprochen, dass wir bald heiraten, und jetzt lese ich, dass ich dich mehr lieben soll, sonst ist es aus mit uns. Ich bemühe mich doch schon so lange einen guten Weg zu gehen, alles richtig zu machen.

Jesus: Das sehe ich auch, aber es reicht mir nicht.

Lydia: Das verstehe ich wirklich nicht. Meine ganze Kraft setze ich dafür ein, dass hier alles trotz widriger Umstände läuft. Ich achte auf das, was gesagt wird und lasse mich nicht von dem vielen Geschwätz der anderen abbringen, halte die Gemeinde auch auf Kurs in der religiös pluralistischen Gesellschaft. Ich finde es ungeheuerlich, dass du das nicht siehst. Wir sind doch auf einem guten Weg?

Jesus: Das habe ich auch am Anfang des Briefs geschrieben und wirklich gewürdigt…

Lydia: Aber alles, was du danach sagst, macht mich schlecht. Damit kann ich auch auf dein Lob verzichten. Es ist doch so: Deine fundamentale Kritik an unser Gemeindeleben findet sich in der Mitte deines Briefs. Das ist deine Hauptaussage. So siehst du unsere Beziehung. Das ist wie ein Hamburger. Oben und Unten Lob und in der Mitte harte Kritik. Da stinkt das Wesentliche. Das schmeckt mir ganz und gar nicht. Ich habe das bis heute nicht verdaut.

Jesus: Wie hast du denn den Brief gelesen?

Lydia: Also lesen kann ich, Jesus. Ich widerspreche dir. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Meine Liebe zu dir zeigt sich in erster Linie darin, was ich mache Ich muss ich doch mein Handeln danach ausrichten, was funktioniert oder nicht funktioniert. Das ist doch wichtig, dass es weitergeht. Wenn ich das nicht tun würde, würde es keiner machen. Also ich übernehme Verantwortung. Das ist konkret: Können wir uns die Kirchen und Häuser noch in der Gemeinde leisten? Ich mache mir Gedanken, wie der Pfarrdienst organisiert werden kann, wenn die bald alle in den Ruhestand gehen. Ich sitze stundenlang in Meetings, bin im Dauerstress für unsere Sache. Und du sagst, ich habe dich nicht mehr lieb?

Jesus: Wann hast du denn das letzte Mal gebetet? Mir zugehört? Oder anders gefragt, wie nimmst du unsere Beziehung wahr? Was ist dir wichtig? Spürst du meine Nähe? Stärkt dich meine Liebe?

Lydia: Aber ich weiß nicht, was das jetzt soll. Es ist doch alles klar zwischen uns!? Oder soll ich ständig meinen Gefühlspuls prüfen und einer Art geistlichen Selbstoptimierung anheimfallen? Wir sind doch ein gutes Team. Ich bin doch mit nichts anderem zurzeit beschäftigt als diese ganzen Feiertage bis ins Kleinste vorzubereiten. Muss ja alles gut über die Bühne gehen. Hoffentlich kommen ein paar. Mir aber vorzuwerfen, ich sei nicht richtig innerlich gestimmt, finde ich echt verquer. Es geht doch nicht um eine gute Stimmung wie es viele Medien vorgaukeln, sondern einfach um dranbleiben, einfach weitermachen. Es werden schon bessere Zeiten kommen. Wirst du auch sehen, Jesus.

Jesus: Mir geht es nicht um die Aufrechterhaltung von Gottesdiensten.

Lydia: Was? Sag das noch einmal! Ich dachte, darin sind wir uns einig.

Jesus: Ich spüre deine Liebe nicht mehr Lydia. Irgendwie läuft seit einiger Zeit alles nach Plan. Ich wünsche mir mehr Tiefe in unserer Beziehung. Mehr Aussprache. Mehr Zweisamkeit…

Lydia: Das hast du schon geschrieben und hat mich arg verletzt. Wie gesagt, ich mache alles für dich. Viele sind gegangen, aber ich bin dir treu geblieben.

Jesus: Ach, Lydia, es macht mich traurig, dass du es nicht selbst spürst. Du zählst auf, was du alles machst und wie beständig du meinen Namen zitierst und schützt. Als bestünde deine Liebe im Dauerbetrieb für mich. Vielleicht will ich das gar nicht?

Lydia: Was willst du denn?

Jesus: Ich will dir Liebe schenken und ich erlebe, wie meine Liebe von dir abprallt, wie sie überhaupt keinen Zugang zu dir findet. Du machst zu. Du lässt dich nicht von mir berühren. Du lässt dich nicht von mir unterbrechen. Du machst alles richtig und doch fühlt es sich falsch an. Nicht lebendig.

Lydia: Das begreife ich immer noch nicht richtig…

Jesus: Lydia, meine Geliebte, ich bin eine (göttliche) Person mit einer unverwechselbaren Geschichte. Ich liege nicht auf dem Friedhof. Und ich bin auch kein Museum. Ich lasse mich nicht verwalten. Ich bin aus Fleisch und Blut und gebe mich ganz für dich hin.

Lydia: Karfreitag…

Jesus: Ja, Karfreitag

Lydia: Deine Hingabe, mein Leben.

Deine Hingabe mein Leben

Deine Hingabe mein Leben. Wie erschließt sich uns das, dass sich unsere Liebe zu Christus erneuert?

Wir können Anteil nehmen an Jesu Kreuzigung, nicht an seiner Historizität oder in einer distanzierten Betrachtung, sondern indem wir uns in sein Leiden und Sterben hineinbegeben. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir Lieder singen, die einen Ausdruck finden für Jesu Passion, die uns mit seinem Kreuz verbinden: „Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken“ (EG 91,1a). Es grenzt an Mystik, an Auflösung des eigenen Ichs im Erlösertod unseres HERRN. Es ist eine Bitte und damit ein Gebet. Ernstlich gesungen und gebetet vermag es die eigene Seele zu formen. Dadurch, dass wir gemeinsam Singen, werden wir gestärkt. Durch die Verehrung der Hingabe Jesu breitet sich in uns eine Gewissheit aus, die uns dankbar werden lässt. Vielleicht ahnen wir für einen Moment, was das alles bedeutet und was das mit uns zu tun hat. Es ist berauschend Sprachbilder zu finden für etwas, was größer ist als wir selbst. Wir nehmen die heilende Dimension, die uns in den Lauf der Dinge einordnet und das Leiden und Sterben Jesu deutet, wahr: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ (EG 98,1)

Aus dem verfluchten Holz wachsen grüne Zweige: Versöhnung. Vergebung. Frieden. Zugang zu Gott. Es ist nicht nur eine evozierte Empathie mit Jesu Leiden. Wir ahnen auch schon die Frucht seines Leidens. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5) Gottes Sohn nimmt die Wunden der Welt auf sich, um sie zu heilen. Was für eine Botschaft in einer Welt die Opfer über Opfer produziert, die mit Gewalt und Krieg weiter Leben zerstört. Jesu Stellvertretertod ist Hoffnung für die Opfer über den Tod hinaus. Alle Gottverlassenheit trägt Jesus am Kreuz. Das kann im Glauben zu einer Quelle werden Ambivalenzen und Ambiguitäten in der Welt und auch im eigenen Leben zu trotzen. Der Karfreitag lehrt nicht nur passives Erleiden, er ist durch und durch widerständig. Der Karfreitag schenkt Hoffnung gegen die Hoffnung.

Karfreitag kann unsere Liebe zu Christus erneuern, da er uns vor Augen stellt wie sehr uns Christus zuerst geliebt hat, dass er bereit war sein Leben für uns zu geben. Ohne Hingabe kein Leben.

„Deine Hingabe, mein Leben.“ Lydia hat noch eine Restglut ihrer Liebe zu Christus entdeckt. Diese kann angefacht werden. Die Störung in der Beziehung zu Jesus kann ausgeräumt werden. Ein neuer Frühling kann die Gemeinde durchwehen.

Liebe braucht Erneuerung

Liebe braucht Erneuerung. Auch die Liebe zu Christus braucht Erneuerung. Ein Weg kann sein, sich zu erinnern und dem nachzuspüren, was uns im Glauben an Christus einmal sehr wichtig war – so wie es Lydia ergangen ist. Was verbindet uns mit Jesus? Was sind die Quellen unseres Glaubens? Wie können wir uns von Christus lieben lassen? Stärkung und Erneuerung geschehen, wenn wir Abendmahl feiern, Brot und Wein im Glauben miteinander teilen. In Brot und Wein ist Christus unter uns gegenwärtig. Jedes Brechen des Brotes, jeder Schluck aus dem Kelch des Heils, nimmt das künftige Hochzeitsmahl mit unserem HERRN vorweg und erinnert an sein Sterben uns zugute: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit.“

Joachim Leberecht

Stichworte zu Herbert Grönemeyer, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

aus: https://www.der-schwache-glaube.de/2012/08/31/gedanken-des-glaubens-weltlich-gepragt-christoph-fleischer-werl-2009-textausgabe/

Die Beobachtungen zur Person Herbert Grönemeyers finden sich exemplarisch in diesen kurzen Sätzen oder Stichworten, die ich mir am Rand des Beschreibungen biografischer Episoden notiert habe. Aus meiner Rolle als Pfarrer heraus deute ich diverse Eigenschaften und Qualitäten als implizite religiöse Botschaft:

–          „Ich bin viel zu träge/ um aufzugeben/ es wär auch zu früh/ weil immer was geht…/ Ich geh nicht weg/ hab meine Frist verlängert/ neue Zeitreise/ unbekannte Welt.“ (Der Weg, Album: Mensch 2001)

–          Stichworte seines Karrierebeginns: Gefühl, Selbstwertgefühl, Identität, Selbstverwirklichung, radikal, authentisch, lebendig…

–          Er will zu sich selbst finden.

–          Singweise: Das ist Identität, da jeder auch seine Macken hat; will unverwechselbar sein.

–          Klarheit und das Bewusstsein der eigenen Grenzen

–          Wille und Handlung entsprechen sich

–          Einer, der nicht immer mit dem Finger auf etwas zeigt (und es manchmal doch tut)

–          Einer, der sich auch streiten kann

–          Einer, der sich nicht verbiegen lässt

–          Einer, der zum eigenen Narzissmus steht, mit sich selbst identisch ist

–          Energie, Faszination

–          Mit Worten die eigenen Freiheiten erkämpfen und erweitern; kreativ sein; kämpft noch, wo er schon gewonnen hat.

–          Gegen Widerstand an sich selbst glauben können

–          Talente haben und schnell lernen können

–          Auch mal unfair sein dürfen, evtl. echthaberisch

–          Entwicklung zulassen

–          Von der Musik über die Emotion zum Text

–          Sich zurückziehen, sich um die Familie kümmern, die kranke Frau, den Bruder, die Kinder (auch wenn genau das nicht öffentlich zur Schau gestellt wird)

–          Nicht jede Emotion hat schon einen Inhalt

–          Von sich selbst als Produzent der Musik überzeugt sein

–          Heimatgefühl zulassen; wissen, woher man kommt

–          Sich in Dingen, von denen man nichts versteht, von anderen etwas sagen lassen

–          Musikalisch, ohne dass man es sofort heraushört

–          Jeder verliert manchmal den Boden unter den Füßen

–          Auch mal „politisch“ sein, ohne „Politiker“ zu werden.

–          Anzüge mit Turnschuhen kombinieren – mit Stilbrüchen leben

–          Alltagsthemen: Worüber er sich ärgert, das schreit er sich von der Seele.

–          Der Text nutzt nur, wenn er dich betrifft, in den Magen geht.

–          Sich und die eigenen Idole in Frage stellen

–          Von sich erzählen, wenn man mit sich zum kämpfen hat

–          Viel Arbeit für wenig Geld: Zeit haben für seine Hörer.

–          Gute Arbeit auch gut finden

–          Vor Religion sollte man mehr Ehrfurcht zeigen.

–          Beziehungserfahrungen anderer zum Thema machen

–          Auch Satire zulassen können

–          Gegen Sexismus und sexuellen Missbrauch öffentlich Stellung beziehen (als das noch ein Tabu war)

–          Position beziehen, politisch klar

–          Kunst stellt menschliche Widersprüchlichkeit dar.

–          Über die Realität nicht schweigend hinweggehen

–          Metaphern und Symbole, die allgemein und persönlich deutbar sind

–          Kitsch zulassen, da er ein Symbol für überschwängliches Gefühl ist

–          Glück und Freude mit Leiden in Verbindung bringen

–          Das Ende aller Feindschaft und aller Feindbilder

–          Kommunikationsprobleme und Abspracheprobleme zulassen

–          Die Gesprächspartner und Hörer in sein eigenes Denken und Hören einbeziehen; Sätze anfangen und andere vollenden lassen

–          Viel Arbeit in Kauf nehmen, um sich in der Musik wohl zu fühlen

–          Seine Liebe zu seiner Frau drückt sich in seinen Texten aus, auch wenn sie es nicht gemerkt hat.

–          Mit Verletzungen leben: Die Musik reißt schon alles auf und legt die Emotionen frei.

–          Die Verstorbenen mit sich weiterleben lassen und neue Schritte in die Zukunft tun.

–          Fragmentierte Denkideen, Wünsche, Phantasien, Hoffnungen

–          Von „Wellen“ zu reden, ohne segeln zu können

–          Künstler zelebrieren sich selbst, zum Guten. Stellen sich immer besser dar, als sie sind. Werden zum Ideal, ohne ein Ideal zu sein.

–          Frage: „Wer ist der Größte?“ offenbart immer ein falsches Denken. Jeder tritt nur gegen sich selbst an.

….

Die expliziten Bezüge zur Religion sind im Übrigen anfangs oft negativ geprägt. Dabei sind die negativen Formulierungen nicht unbedingt die Meinung des Liedermachers, sondern stellen auch Positionen dar, die er musikalisch und dichterisch hinterfragt, so im Satz: „Hör auf, mir zu predigen“ (Luxus). Da geht man schon einmal „zusammen durch des Teufels Küche“ Grönland). Der arbeitslose Jugendliche, den Grönemeyer zu Wort kommen lässt, sieht das Leben „als die reinste Hölle an“ (Einmal). Im Zusammenhang von Liebe und Sex sagt einer: „Jetzt wird´ nicht religiös“ (Viertel Vor). Oder, bevor der Weltuntergang durch die Neutronenbombe eintritt, sagt einer am Tresen: „Mein Gott, nur noch dies eine Bier“ (´n Bombenlied). Religionskritisch sind die Lieder „Mit Gott“ und auch „Stück vom Himmel“. In beiden Liedern wird die Verwendung des Christlichen in der Politik angeprangert: „Hör auf mit Beten…“, „Mit Gott auf unserer Seite“, „Wir geben uns unverbindlich christlich“ (Mit Gott) und „Warum in seinem Namen, wir heißen selber auch“, „Welche Armee ist heilig?“, „Welches Ideal heiligt die Mittel?“, „Kein Gott hat klüger gedacht“ (Stück vom Himmel). So ähnlich argumentiert auch das Lied „Tanzen“: „Wir sind Christen, falten uns´re Hände… preisen Gott und die geistige Wende…“. Der weiße Rassismus in Südafrika wird als „eisenhartes Gottvertrauen“ (Maß aller Dinge) bezeichnet. Der Rechtsradikalismus ist „eng im Weltbild“ (Die Härte), und „Amerika“ kommt als „Retter in jeder Not“ (Amerika).

Viel Tiefsinn steckt auch in den negativen Formulierungen, die den Zeitgeist aufspüren oder die die eigene Ratlosigkeit darstellen. Hier wird die Religion nicht kritisiert, sondern eher ihr Fehlen konstatiert: „Es ist nur der Mythos, der zählt“ (Reines Herz); „Angst vor der Geschichte, Angst vor sich selbst“ (Angst); „Der gute Glaube ist längst aufgebraucht“ (Einmal); „Die Kirche schachmatt“ (Chaos). „Es steckt kein Geist mehr in der Flasche, für´s Paradies fehlt die Phantasie“ (Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht). „Das Nichts steckt in jedem Detail“ (Unbewohnt). „Keiner betet für mich“ (Schmetterlinge im Eis). „Die Seele verhöhnt, alles sinnentleert“ (Keine Heimat); gerade die letzten Formulierungen zeugen von einem tiefen Verständnis für Religion und stellen das Fehlen des Glaubens in der Lebenskrise in den Vordergrund.
Ebenso gibt es auch positive Metaphern für das gelingende Leben in religiösen Worten und Bildern: „Ein Stück vom Himmel, ein Platz von Gott“ (Stück vom Himmel). Ebenso lässt sich im Rückblick sagen: „Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt“ (Der Weg). Natürlich heißt Liebe nichts anderes als: „Ich mache dir das Leben zum Himmel“ (Komet), oder: „Besiege jeden Fluch, lot´s dich durchs tiefe Tal“ (Ich dreh mich um dich), „Fühl´ mich bei dir geborgen“ (Halt mich), „Ich bin für dich da“ (Für dich da), „Der für dich wacht und dich auf Wolken trägt“ (Dort und hier), „Die Sintflut ist verebbt, die Sünde vergeben“ (Bleibt alles anders). Die Liebe ist „die letzte Version vom Paradies“ und gleich damit, sich „den Heiligenschein“ zu machen (Letzte Version). Das Vertrauen ist grenzenlos: „Übernimm die Wacht, bring dich durch die Nacht“ (Land unter). Die geliebte Person wird auch um ihrer Religion willen geliebt: „Dein Selbstvertraun, dein Sex und ein Gott…, dein Hoffnung, dein Zauber, deine Glut“ (Energie). Umgekehrt gilt das Gleiche: „Ich war so gern dein Zufluchtsort… du bist die, die mich findet“ (Du bist die). Dieses Vertrauen färbt auf das allgemeine Grundvertrauen ab und die Zuversicht gewinnt wieder an macht: „Das Prinzip Hoffnung“ (Demo-letzter Tag). Da heißt es: „Tief in mir drin macht alles irgendwie Sinn“ (Ich versteh). Und so nimmt auch die Religion ein Stück weiter zu: „Das Firmament hat geöffnet.. und weil er schwärmt und glaubt, sich anlehnt und vertraut“ (Mensch). Der Partner ist „Engel der Sünde“ und „Engel der Passion“ (Letzte Version). Natürlich ist auch hier noch die Gefahr der Oberflächlichkeit: Durch „Visionen, Glaube, Sehnsucht“. Zum Schluss wird das Lied „Stück vom Himmel“ bei aller Kritik zur großen Verteidigung der Religion: „Es sind Geschichten, die einen diese Welt… Nöte, Legenden… Es gibt Millionen Farben, und jede ist ihr eignes Rot.. Es gibt keinen Feind… die Erde ist freundlich…“ Konkret heißt es sogar hier: „Die Bibel ist nicht zum Einigeln“ und „Religionen sind zu schonen, sie sind für Moral gemacht“. Und damit ist klar, dass auch hier schon ein wenig Gefühl für Religion mitgedacht war: „Beschütze deine Seele vorm Ausverkauf“ (Kopf hoch, tanzen).
Zum Schluss seien noch zwei Besonderheiten genannt: Das Lied „Land unter“ lässt sich in seinen Vertrauens-Aussagen parallel zum Kirchenlied lesen: „So nimm denn meine Hände“ (Diesen Hinweis verdanke ich Marc Pauly, Jugendkirche Werl), und im Lied „Vollmond“ wird der Wunsch zur Begegnung mit einer verehrten Person in der Form eines Gebets vorgetragen, das zwar witzig, aber nicht religionskritisch gemeint ist: „Steh mir bei… leucht ihr ins Gewissen… mach mir den Heiligenschein“.
Die Lieder Herbert Grönemeyers sind mehr als Beispiele moderner Dichtkunst eines einzelnen Künstlers. Sie sind bis in die Sprache hinein dem „Volk aufs Maul geschaut“ und werden von tausenden Fans auf den Konzerten auswendig mitgesungen. Und nicht nur dort: Jedes Heimspiel des VfL Bochum beginnt mit dem Lied „Bochum“ von Herbert Grönemeyer. Es handelt sich um die dichterische Wiedergabe des Zeitgefühls, das den Glauben und die Religion sehr gut haben kann, wenn diese vom allgemeinen Leben im Alltag nicht abgespalten werden müssen. Ein oberflächlicher Glaube oder gar ein Missbrauch religiöser Sprache z. B. für politische Zwecke wird abgelehnt. Religion und Gefühl gehen zusammen. Sobald Religion einseitig rational wird, wird sie falsch. Religion ist ein Symbol für Liebe und so wird die Liebe auch ein Symbol für die Religion. „Fühl mich bei dir geborgen, setz mein Herz auf dich. Will jeden Moment genießen, dauer ewiglich. Bei dir ist gut anlehnen, Glück im Überfluss. Dir willenlos ergeben, find ich bei dir Trost.“ (Halt mich).