… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.
Ein Erfahrungs- und Reflexionsbericht von Joachim Leberecht
Einleitung
In meinem Erfahrungs- und Reflexionsbericht gehe ich exemplarisch auf belegte Übungen, Seminare und Vorlesungen ein. Auch fließen außeruniversitäre Erfahrungen wie der Besuch von Gottesdiensten in meinem Bericht mit ein. Andere belegte Fakultätsveranstaltungen sind nicht minder berichtenswert, jedoch würde eine ausführliche Besprechung den Rahmen des Berichts sprengen. Gleiches gilt für gelesene Literatur, Erstellung von Seminarprotokollen etc. Die belegten Veranstaltungen werden am Ende aufgezählt. Das Studium hat mich theologisch bereichert und Anregungen für meine Praxis und Grundsatzüberlegungen für gegenwärtige Prozesse auf gemeindlicher und übergemeindlicher Ebene angestoßen.
Gottesdienst
Liturgisches Handeln
Begonnen habe ich mein Kontaktstudium mit dem dreitätigen ökumenischenFachgespräch des Instituts für Wissenschaftliche Liturgie (IWL) der VELKD in Leipzig über das Thema Agende. Inhaltlich fortgesetzt wurde die Thematik praktisch theologisch in der im Sommersemester belegten Übung: GrundformenLiturgischen Handelns. Diese Übung mit den Studierenden hat mir methodische Impulse für die Ausbildungskurse für Lektorinnen und Lektoren im Kirchenkreis Aachen gegeben, die ich gemeinsam mit einer Prädikantin als Synodalbeauftragte durchführe. Besonders wertvoll war hier die Anregung, das Gottesdienst-Buch stärker in die Kurse miteinzubeziehen. Exemplarisch habe ich daraufhin Einheiten der Lektorenschulung überarbeitet.
KI und Liturgie
Ein weiteres Blockseminar beschäftigte sich mit KI und Liturgie. Da es als Zoom-Format konzipiert war, konnten kirchliche KI-Experten uns mit ihrer Expertise in KI-Welten und KI-Praktiken hineinnehmen. Praktische Übungen und Reflexion der Praxis haben Chancen und Grenzen der KI-Nutzung gezeigt. Auch ethische Fragestellungen, wie etwa Nutzung von Energieressourcen und Ausbeutung von Arbeitskräften im kolonialen Stil kamen zur Sprache. Die Frage um Nutzung von KI zur Vorbereitung von Gottesdiensten war für mich neu, ich merke aber, wie für viele jüngere Menschen das Werkzeug KI selbstverständlich auch zur Vorbereitung von Predigten und Gebeten gehört. Was das für die Ausbildung von Prädikant:innen und Lektor:innen bedeutet, aber auch insgesamt für die Vorbereitung von Gottesdienstfeiern und Verkündigung, sollte aufmerksam und theologisch kritisch begleitet werden. Meine eher intuitive Zurückhaltung KI als Werkzeug für die Gottesdienstvorbereitung zu nutzen, liegt an meiner eingeübten Handlungskompetenz. Ich bin gespannt, wie sich KI in Forschung und Praxis von kirchlichen Handlungsfeldern als Werkzeug entwickeln wird.
Enzyklika
Während meiner Studienzeit hat Papst Leo XIV. die Enzyklika „Magnifica humanitas“ veröffentlicht. Die Enzyklika pocht auf die Bewahrung des Menschlichen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Die Auseinandersetzung mit der Enzyklika bereichert das Feld der christlichen Ethik und Wahrnehmung der Welt. Der christliche Glaube hat der Welt immer noch und gerade mit seinem Menschenbild wesentliches zu sagen. Mit viel Respekt und verbunden in gemeinsamer Glaubenstradition begleite ich aufmerksam die Äußerungen des Papstes zu Frieden, Bewahrung von Schöpfung und Menschlichkeit, wie zuletzt bei seinem Besuch auf Lampedusa und sein Eintreten für Migrant:innen in einem Europa, das sich zunehmend abschottet. Für mich ist die öffentliche Stimme des Papstes zu ethischen Fragen, geprägt von einem christlichen Menschenbild und dem Evangelium Jesu Christi, eine Stärke des globalen Katholizismus in gegenwärtigen Transformationsprozessen.
Gottesdienste in Leipzig
Die Gottesdienstvielfalt in Leipzig ist atemberaubend. Besonders ist hier das wöchentliche Angebot von Motetten und Kantaten in der Nicolai- und Thomaskirche zu nennen. Die kirchenmusikalische Qualität nicht nur hier, sondern auch an den Rändern Leipzigs, ist meiner Wahrnehmung nach in Deutschland einzigartig. Das habe ich genossen. Allein das einwöchige Bachfest kam mit einem Tagesprogramm von Angeboten wie ein Kirchentag daher. Der Gottesdienstbesuch, nicht nur bei den überregional ausstrahlenden Innenstadtkirchen, ist sehr hoch. Nimmt der Gottesdienstbesuch in unserer Region dramatisch ab, scheint er in Leipzig stabil zu sein. Bekanntlich hat Sachsen prozentual gesehen den höchsten Gottesdienstbesuch mit 5,6% sonntäglicher Beteiligung der Kirchenmitglieder aller Landeskirchen. Auffällig waren für mich auch die vielen Erwachsenentaufen in den Gottesdiensten. Es verging kaum ein Gottesdienst, wo nicht eine Erwachsenentaufe stattfand. Trotz intensiver und sozialistisch forcierter Säkularisierung in der ehemaligen DDR, hat sich die Kirchenmitgliedschaft auf 15% – 18% (ev. u. kath.) der Bevölkerung in den östlichen Bundesländern eingependelt. Vielleicht langfristig eine Kennzahl für die Kirchenmitgliederzahlen im deutschen Sprachraum? Die erhöhten Taufbegehren führen nicht unbedingt zu einem Anstieg der Kirchenmitglieder insgesamt, aber zu bewussten und auch nachhaltigen Konversionen mit hoher Bereitschaft, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Noch nie ist mir im Westen auf die Mitteilung, dass ich Pfarrer sei, wie hier geantwortet worden: Ich bin auch Christin/Christ. Das ist nicht nur einmal geschehen. Es gibt hier eine Art der Frömmigkeit und Kirchenzugehörigkeit, die ich aus dem Rheinland nicht kenne. In einigen Gemeinden knieen sich Menschen beim Empfang des Abendmahls auf die nackten Fliesen und empfangen das Brot oral. Ein besonderer Ausdruck der Kommunion mit Gott. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden, die sich weit der Kultur und der Stadt öffnen und ihre großen alten Kirchen für Wave-Konzerte und andere Events öffnen. Bei den Theologiestudierenden gibt es neben liberalen auch ultra-konservative Einstellungen, wie zum Beispiel die Ablehnung der Frauenordination. Das hat mich irritiert. Wenn ich jedoch zurückschaue mit welchen theologischen Voreinstellungen ich begonnen habe Theologie zu studieren, lässt mich das dieses Phänomen etwas milder betrachten. Wichtig scheint mir, dass die theologische Auseinandersetzung in hermeneutischen Fragen im Studium stattfindet und nicht ein Zurückziehen in die eigene theologische Blase. Dann kann das Studium fruchtbar sein und zu Reflexionen der eigenen Überzeugung beitragen. Oder spiegeln sich in der Ablehnung der Frauenordination gesellschaftliche Strömungen, die auf ein rückwärtsgewandtes Männerbild setzen und ihrerseits ein Symptom von verunsicherten männlichen Identitäten sind?
Außer Taizé-Gottesdiensten und einem Ökumenischen Stadtgottesdienst sind mir hier keine Gottesdienste in anderer Form begegnet. Das scheint daran zu liegen, dass die klassischen lutherischen Gottesdienste mit ihrer Liturgie und der Kirchenmusik genug Kraft haben, Gottesdienstbesucher:innen zu binden. In einigen Gottesdiensten war die Anzahl von jungen Familien höher als die der älteren Generation. Es ist hier gang und gäbe, dass Kinder vor der Predigt den Kirchraum verlassen und eine eigene Katechese erhalten. Alles recht traditionell, aber hier funktioniert noch, was sich manche engagierten Gemeindemitglieder auch für unsere Gottesdienste und ihre Kinder wünschen, weil sie es so in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben oder auch in Freikirchen als Praxis kennen. Wo selbst der wöchentliche Kindergottesdienst im Rheinland kaum noch gefeiert wird, sondern sich andere Formate entwickelt haben, wird eine Praxis wie in Leipzig ins Leere laufen.
Auch die jüdische Gemeinde feiert regelmäßig ihre Schabbat-Feiern und Gottesdienste in einer den Krieg überstandenen, da in einer Häuserzeile integrierten, heute restaurierten Synagoge in der Innenstadt. Es war für mich eine Freude mit Kommiliton:innen an einer Schabbat-Begrüßung teilzunehmen. Der Rabbi gab uns eine Einführung in die Gemeinde und in die Liturgie. Da viele säkularisierte Juden aus Russland zur Gemeinde gehören, sieht der Rabbi seine Aufgabe darin, diesen Teil der Gemeinde in die Liturgie zu integrieren. Ein in Umschrift des Hebräischen herausgegebenes Gebets- und Gesangbuch mit vielen Psalmen und deutschen Texten ist dabei eine Hilfe. Die inbrünstige und leibbetonte Feier, das tranceartige Beten, das Umschalten von heilig zu profan während der Feier, die bewegte Gemeinde einschließlich der Kinder, waren ein lebendiges Zeugnis jüdischer Gottesdienstfeier. Kulturell beteiligt sich die Jüdische Gemeinde mit vielen Institutionen an der Jüdischen Woche, die sich unmittelbar an die Bachwoche anschloss.
Fragen an unsere Gottesdienstpraxis
Aus der Erfahrung der Schabbat-Begrüßung stellt sich mir die Frage, wie wir die liturgischen Schätze unserer Tradition weiter pflegen können, zumal der Gottesdienstbesuch abnimmt und damit auch eine mit der Liturgie vertraute Gemeinde. Bei aller Vielfalt der Zielgruppengottesdienste braucht es so etwas wie einen liturgischen Kanon und eine hohe liturgische Kompetenz, die andere Gottesdienstformate mitprägt und liturgisch gestaltet. Nur wer liturgischen Formen verinnerlicht hat, kann sie freier handhaben. Grundsätzlich müssen wir uns als Gottesdienstverantwortliche fragen: Ist die liturgische Schwelle unserer Agenden-Gottesdienste zu hoch? Produzieren unsere niedrigschwelligen Gottesdienste nicht eine Liturgievergessenheit, die schwer wieder einzufangen ist? Was ist ein Gottesdienst? Was ein Event? Was gibt es zu gewinnen? Was gibt es zu verlieren? Was verbindet? Wie werden unsere Gottesdienste emotionaler, ohne liturgisch zu verarmen? Oder anders gefragt: was hilft in der Moderne, Liturgie emotional zu erleben?
Nutzung und Rückbau von kirchlichen Gebäuden
Positiv überrascht und hoffnungsvoll für die Transformation unserer kirchlichen (Bau)-Landschaft bin ich, wenn ich sehe, wie vielfältig kirchliches Leben bei 15% des Bevölkerungsanteils in Leipzig ist. Zu bedenken ist allerdings, dass der kirchliche Gebäudebestand nicht derart überdehnt war wie bei uns. Ab den 60er bis weit in die 80er Jahre hinein musste ja jeder Pfarrer (hier bewusst männlich) in jedem Bezirk ein Gemeindehaus bauen. Es ist auch zu überdenken, wie viele Kirchen wir im Prozess des Rückbaus planen abzureißen, weil sie nicht mehr frequentiert sind oder nicht treibhausgasneutral benutzt werden können. Auch in Leipzig waren Kirchen im vierzigjährigen sozialistischen Dornröschenschlaf versunken, wurden fremdgenutzt oder von der Kirche wegen Geldmangels nur minimal in Schuss gehalten. Die Gemeinden haben sich aber diese Kirchen nach der Wende wieder als ihre Gottesdienststäten zurückgeholt. Das ist erstaunlich. Gefeiert wird auch in einer alten, kalten und nicht sanierten Kirche. Wir sind verwöhnt und haben zu hohe Ansprüche, nebst zu vieler Auflagen durch unsere Landeskirche und die staatliche Gesetzgebung. Das mindert Eigeninitiative und Neuaufbruch. Viele Kirchen in Leipzig haben einen Lost-Place-Touchund repräsentieren gerade dadurch das wandernde Gottesvolk und die Fragmentarität allen Lebens. Vor einem Abriss einer Kirche sollten wir in unserer Region und in der Landeskirche überlegen, ob der Schritt wirklich unausweichlich oder nur dem Zeitgeist geschuldet ist. Auch für die Identität eines Quartiers oder eines Dorfes sind Kirchbauten, auch wenn sie gottesdienstlich nicht mehr genutzt werden, von hohem Wert. Sie bleiben ein Fingerzeig für die himmlische Dimension der menschlichen Existenz.
Religionssoziologie
Außer den Berichten und Analysen zu den diversen KMU habe ich mich vor meinem Kontaktstudium noch nicht ausführlich mit Religionssoziologie beschäftigt. Neben dem Judentum ist Religionssoziologie an der Evangelischen Fakultät in Leipzig ein Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Der Besuch der Vorlesung „Religion in Deutschland und Europa“ hat eine gute Übersicht und Einführung in religionssoziologische Fragestellungen vermittelt. Die grundlegenden religionssoziologischen Modelle von Säkularisierungstheorie, Individualisierungstheorie und Marktmodell wurden mit ihren namhaften Vertreter:innen vorgestellt und diskutiert. Laut den neuesten Zahlen ist weltweit ein Rückgang von Zugehörigkeit zur christlichen Religion zu verzeichnen. Selbst in Regionen, wo das charismatische oder das evangelikale Christentum stabil sind oder leicht wachsen (wie in den USA und Brasilien), gibt es insgesamt (langfristig) weniger Gläubige. Auffallend ist der Unterschied zwischen dem europäischen, eher liberalen, und dem nordamerikanischen, eher konservativen Christentum, wobei natürlich Europa sehr heterogen ist. Bilden Tschechien und die Niederlande die Spitze der säkularisierten Staaten, liegt z.B. Deutschland (hier großer Unterschied zwischen West und Ost) eher im oberen Mittelfeld bei der Religionszugehörigkeit seiner Bevölkerung. Ferner ist zu beobachten, dass ein eher konservatives konnotiertes Christentum (wie in den USA) vielfach organisiert in selbständigen Gemeinden stabiler ist als große religiöse Institutionen wie die katholische Kirche oder die evangelischen Kirchen. Inhaltlich geht das Erstarken der politischen Rechten im Westen mit einem stabilen und wachsenden konservativen bis fundamentalistischen christlichen Glauben einher (USA, Brasilien). Das Thema ist nicht neu, aber unter Trump aktuell, wird er doch von den meisten republikanisch wählenden Christen unterstützt.
Das Christentum vor der religiösen Indifferenz
In seinem Essay aus dem Jahr 2024: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ greift der katholische Theologe Jan Loffeld die religionssoziologischen Befunde auf, nimmt sie ernst und entwirft erste Schritte für ein neues Kirchenverständnis in der Gesellschaft. Dabei geht er über reine Religionssoziologie hinaus. Das gefällt mir, da Zahlen an und für sich erst einmal wenig aussagekräftig über eine lebendige und auch zukünftige Kirche sind. Im Folgenden formuliere ich meine Erkenntnisse aus Lektüre und Austausch mit Theolog:innen des Theologischen Salons des Kirchenkreises Aachen (Arbeitskreis: Zoom-Sitzung im Sommersemester 2026).
Zukünftige Kirche
Meiner Einsicht nach fällt es uns schwer, Bilder von einer zukünftigen Kirche zu entwickeln, da wir in Deutschland über Jahrhunderten zwei große Volkskirchen waren, manchmal fast deckungsgleich mit kommunalen Gemeinden. Wir sind weiter verliebt in den Selbsterhalt der Institution Kirche, drehen uns ständig um uns selbst und sind mit vielen anderen Institutionen im Optimierungswahn gefangen. Das führt nicht weiter und frustriert. Dazu kommen die verheerenden Auswirkungen der Missbrauchsskandale für das Vertrauen in die Institution Kirche und ihr Umgang mit Macht.
Das gesellschaftliche Christentum wurde trotz Aufklärung, atheistischen Strömungen, zwei Weltkriegen und Säkularisation von der Mehrheitsgesellschaft lange Zeit nicht hinterfragt. Auch wenn das private und kirchliche Christentum vom gesellschaftlichen Christentum (D. Rösler) zu unterscheiden ist, war es doch Garant der Weitergabe von christlichen Werten und Kultur an die nächste Generation. Die lange selbstverständliche Weitergabe des Glaubens (und der Kirchenzugehörigkeit) bricht in der Generation der Kinder und erst recht der Enkelkinder der Boomer-Generation ab. Das habe ich in meiner über 35jährigen Berufsbiographie in den Gemeinden hautnah erlebt. Hier entlastet Religionssoziologie, da sie nachvollziehbar aufzeigt, dass leere Kirchen und Kirchenausstritte nicht an der Pfarrperson oder an der Gemeinde liegen, sondern in einer sich verändernden Gesellschaft (Megatrend: Säkularisierung, Individualisierung, Modernisierung). Was also in dieser Lage tun? Der Versuch mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert (EKD 2006) mit marktkonformem Denken und Jargon den Druck auf kirchliche Mitarbeiter:innen zu erhöhen und „Wachstum gegen den Trend“ zu postulieren ist krachend gescheitert. Ungeschönt gilt es die gesellschaftliche Situation zu realisieren. Wir leben in Europa und auch in Deutschland in einer zunehmend religiös indifferenten Gesellschaft. Das ist für Westeuropa relativ neu. Das heißt, die Menschen brauchen um glücklich zu sein keine Religion. Sie brauchen keine Religion, um ein sinnvolles Leben zu führen. In aller Kontingenzbewältigung ist für die Mehrheitsgesellschaft Religion keine Ressource mehr. Sie fehlt auch nicht. Das dritte Jahrtausend ist für Westeuropa das erste Jahrtausend ohne Gott (Glauben an Gott). Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten, wie etwa in der Zeit des Urchristentums oder auch in der Renaissance, fällt jeglicher transzendente Bezug der Mehrheitsgesellschaft weg. Es scheint so, dass die transzendentale Obdachlosigkeit (Georg Lucács), die schon im 19. Jahrhundert die Philosophie und erst recht Anfang des 20. Jahrhunderts weite Teile des Bürgertums erfasst hat, gegenwärtig nicht einmal mehr gespürt und betrauert wird. Kontingenzerfahrungen werden nicht mehr religiös bewältigt Das heißt nicht, dass der Glaube und die Kirchen verschwinden werden, aber es heißt, dass wir uns ganz neu auf die veränderte gesellschaftliche Situation und die Rolle der Kirche in ihr einstellen müssen. Das betrifft unser lang eingeübtes Selbstverständnis, Gottes- und auch Menschenbild. Wir sind nicht die, die den Sinn des Lebens kennen, während die Nichtgläubigen ihn nicht kennen. Ein sinnvolles Leben kommt zunehmend ohne Religion aus Religiöse Indifferenz mag uns stören und wir mögen gar auf die „areligiösen Banausen“ herabblicken. Allerdings hilft eine solche Einstellung der Kirche und ihrem Bodenpersonal nicht weiter: Sie hindert uns eher, unseren neuen Platz einzunehmen, einfach unseren Glauben selbstbewusst zu leben nicht jenseits, sondern mitten in einer religiös indifferenten Gesellschaft. Dazu müssen wir sprachfähig werden. Der Vorgang der Entkirchlichung und das Finden einer neuen kirchlichen Identität sind hoch komplex, oft widersprüchlich, aber eine äußerst spannende Angelegenheit für Theologie und Kirche. Dazu gehört auch konversionssensibel zu werden. Wir müssen als Kirche in einer komplexen und pluralen Gesellschaft neu lernen, Menschen für den Glauben in der Nachfolge Jesu zu begeistern und sie zu einer evangelischen Freiheit in der Gemeinschaft befähigen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Davon bin ich überzeugt. Daran möchte ich weiter mitwirken mit den mir verliehenen Gaben.
Als Kirche sollten wir unbedingt Wert auf Qualität in den Kernbereichen Theologie, (Seelen)-Bildung, Kirchenmusik und Diakonie legen, um in einer religiös indifferenten Gesellschaft das Zeugnis Jesu hoffnungsfroh zu leben.
Fazit
In diesem Sinn würde ich mich freuen, wenn die segensreiche Institution Kontaktstudium trotz Verdichtung von pastoralen Diensten weiter ermöglicht und gefördert wird. Auch Pfarrpersonen brauchen Zeit für Theologie jenseits ihrer Wirkungsstätte. In einer solchen Studienauszeit bleibt auch genügend Zeit für Kultur, Begegnungen und andere Interessen, was ich in aller Freiheit in Leipzig genießen durfte. Dafür bin ich dankbar.
Belegte Veranstaltungen
Seminar: Die Seele der modernen Gesellschaft – Die Kultursoziologie von Eva Illouz
Prof. Dr. Roderich A. Barth
Seminar: Die Erzählungen und Fabeln des Talmuds
Nimrod Baratz
Vorlesung: Religion und Gesellschaft in Deutschland und Europa
Prof. Dr. Gert Pickel
Blockseminar/Übung: Liturgisches Handeln
PD Dr. Simone Ziermann
Blockseminar: KI und Liturgie. Ökumenische Fragestellungen, Erkundungen und Perspektiven
Prof. Dr. Alexander Deeg; PD Simone Ziermann
Blockseminar: Kommt mein Hund in den Himmel?
Daniel Walther
Vortrag PaulinerFORUM 2026: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne
Prof. Dr. Andreas Reckwitz
Vortrag und Gespräch: Zwischen Friedensethik und Kriegspädagogik
Kirche und Wahrheit, Im Auftrag der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion e. V., hrsg. Von Matthias Grebe, Nadine Hamilton, Karsten Lehmkühler und Gunter Prüller-Jagenteufel, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025 , Paperback, 233 Seiten, ISBN (print) 9783374079513,
Die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, kurz „ibg, deutschsprachige Sektion“ geht mit dieser Veröffentlichung einen neuen Weg. Waren die Vorträge der Jahrestagungen in den vergangenen Jahren im Rundbrief der Gesellschaft ibg veröffentlicht worden, so hat man diese nun in eine gesonderte Publikation ausgegliedert, die zwar extra Geld kostet, aber durch die Erscheinung am Buchmarkt eine größere auch wissenschaftliche Öffentlichkeit erreicht. Dieser Publikation sei gewünscht, dass sie dort nun auch die Aufmerksamkeit bekommt, die sie und Dietrich Bonhoeffers Denken selbst verdient.
Tagungsbeiträge 2023 und 2024
Wenn der Buchtitel nun die beiden Themen der jeweiligen Tagungen in einen einzigen Satz verbindet, so sei nun aber nicht etwa nach einem inhaltlichen Zusammenhang der Begriffe Kirche und Wahrheit gefragt. Mehr als eine Zusammenstellung der Tagungsbeiträge ist das Buch allerdings nicht.
Verwenden Sie bitte den oben genannten Link zum Verlag, um die Leseprobe zur Kenntnis zu nehmen, die das Inhaltverzeichnis, die Vorbemerkung und die Einleitung enthält! Da die Einleitung eine kurze inhaltliche Zusammenfassung aller Beiträge enthält, soll darauf hier verzichtet werden. Stattdessen soll in dieser Rezension ein inhaltlicher Eindruck von den Beiträgen der beiden Jahrestagungen 2023 und 2024 vermittelt werden, wobei in die Tagung 2023 auch ein Gedenken an 50 Jahre ibg eingeflochten ist, doch dazu später.
Nachdenken über die praktische Theologie
Das Nachdenken über die praktische Theologie scheint bei der Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer (1906-1045) vorgezeichnet, obwohl Bonhoeffer sich eher als Systematiker sah (als Dozent in Berlin 1932/33, d. Rez.). Michael Herbst, emeritierter Professor für praktische Theologie Greifswald bezieht sich in seinem Vortrag (S. 17 – 37) auf die Texte „Gemeinsames Leben“ (Dietrich Boenhoeffer Werke, kurz DBW, Bd. 5), Bonhoeffers Dissertation „Sanctorum Communio“ (DBW, Bd.1) und die als „Widerstand und Ergebung“ (DBW, Bd. 8) erschienen Gefängnisbriefe.
Die volkskirchliche Situation heute mahnt zur Sorge, es würde gelegentlich „keine Gemeinde“ mehr geben. Beibehaltung gegebener Strukturen lässt die aktive Beteiligung von Mitgliedern zwingend erscheinen, wobei zugleich ein Potential zur Veränderung aufscheint. Dass Bonhoeffer und seine „Vikare“ in einer vergleichbaren Situation zwischen 1938 und 1940 aktive volksmissionarische Aktivitäten ausprobierten, wird an dieser Stelle ruhig leider nicht erwähnt können. Hierzu gehörten damals auch Hausbesuche bei Kirchenmitgliedern (d. Rez.).
Kirchenentfremdung oder öffentliche Theologie
Christine Schließer beschreibt in ihrem Beitrag (S. 39 – 50) das Problem der westlichen Kirchenentfremdung aus ökumenischer Sicht und zitiert aus ökumenischen Dialogen in Ruanda, Rumänien und England. Christine Schließer fokussiert ihren Beitrag auf die „öffentliche Theologie“, die bereits von Dietrich Bonhoeffer in der „Ethik“ entwickelt worden ist und die von Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm weiterentwickelt wurde. Kirche im Sinne Jesu kann nicht anders als öffentlich sein. Eine Änderung der Bereiche zwischen öffentlich und privat findet nicht statt. Kirchliche Dimensionen sind fließend aufeinander bezogen. Missionarisch und öffentlich sind kein Gegensatz.
„Buße der Kirche“ wozu?
Dr. Gernot Gerlach, emeritierter Dekan (Pfarrer in Ruhe), „Buße der Kirche (Metanoia), Ökumenizität und Diakonik (S. 51-70), erinnert an seine Veröffentlichung über die Kirche bis 2040 (vgl. Gernot Gerlach, Kirche 2040, Berlin 2021). Dies zeigt ein erweitertes Zitat aus seiner Einleitung: In der postmodernen Epoche der Metanoia „…ist damit die These verbunden, dass Kirchen am Leiden Gottes in der Welt teilhaben, sich in den Konflikten der Transfirmationsprozesse an die Zukunft erinnern … Quellen der Erneuerung erschließen, ökumenisch mit anderen lernen, teilen, helfen und feiern“ (S. 52). Gernot Gerlach führt seine Impulse auf Anregungen Dietrich Bonhoeffers zurück, die er im Fortgang entfaltet: In Teil 1 zum Stichwort der Buße der Kirche zitiert er vor allem aus einem Vortrag Bonhoeffers aus der Zeit der „illegalen Theologenausbildung: Finkenwalde 1935 – 1937“, (DBW 14), Gütersloh 1996. Der Ausdruck „Buße der Kirche“ ist in der Theologie annähernd singulär und wird ausgegrenzt, wozu auch die Endredaktion des ursprünglich von Dietrich Bonhoeffer mitverfassten „Betheler Bekenntnis“ angeführt wird, die diesen Begriff in der Endfassung nicht mehr enthält. Mit anderen Worten erinnert Gernot Gerlach an ein Zitat aus dem Buch „Nachfolge“: „Das bedeutet, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist.“ (S. 56, DBW 4, 38). Weitere Beispiele für eine Buße der Kirche findet Gerlach im „Schuldbekenntnis der Kirche“, das Bonhoeffer im Buch „Ethik“ überliefert, sowie einige Formulierungen aus „Widerstand und Vergebung“ (vgl. S. 57).
Das Kapitel II. ist überschrieben mit „Ökumenizität“ (S. 59ff). Bonhoeffer selbst war besonders nach 1934 aktiv ökumenisch engagiert (siehe Bonhoeffers Fanø-Rede 1934). Dazu kam die Bekenntnisfrage: Kirche gibt es nur als Bekennende Kirche (vgl. S. 60). Kirche steht täglich in der Buße, bekennt ihre Schuld und … ist auf die Gnade Gottes angewiesen“ (nach Dietrich Bonhoeffer 1940). Daraus folgt die Diakonität, da diese Kirche der Buße auf wechselseitige Unterstützung, auf gegenseitiges Tragen angewiesen ist (vgl. S. 65). Doch gilt dies nicht nur intern, sondern auch gegenüber den leidenden Brüdern und Schwestern Jesu, womit damals die verfolgten Juden gemeint sind. Gernot Gerlach begründet zum Ende des Beitrags, wie die Impulse Bonhoeffers auch heute für die Perspektive 2040 produktiv sein werden.
Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.
Heinrich Bedford-Strohm (S. 71-85) kommt nach einem längeren Abschnitt über die aktuelle volkskirchliche Situation zu sprechen und betont die Notwendigkeit der „öffentlichen Kirche“ (S. 75ff). Hier werden Bonhoeffers Fragmente zu seiner „Ethik“ herangezogen, „ … in der empirischen Kirche die geglaubte Kirche so weit wie irgend möglich sichtbare Gestalt gewinnen zu lassen“ (S. 77). Kurzgefasst: „Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.“ (S. 79) Die Überschriften der Schlusskapitel sollen den Inhalt der Abschnitte kurz skizzieren:
Durch Sein in der Liebe missionarische Kraft entwickeln.
Die globale Ökumene stärken.
Die Kraft der Frömmigkeit für heutige Menschen erschließen. (vgl. S. 80 – 83).
„Kirchendämmerung“
Zum Ende des ersten Tagungsberichts erinnert Hartmut Rosenau an den Begriff „Kirchendämmerung?“ (S. 87 – 100). Die Überschrift ist eine Anleihe bei Friedrich Wilhelm Grafs Ausarbeitung zur „Kirchendämmerung“ (2011) der wiederum als Anspielung auf das Wort „Götzendämmerung“ bei Friedrich Nietzsche gedacht ist (1889). Hier findet sich der interessante Satz, dass Nietzsches Philosophieren mit dem Hammer nicht mit Zerstörung eines Hammers zu tun hat, sondern mit einem feinmechanischen Hammer, mit dem Gegenstände angeschlagen, um zu prüfen, ob sie etwa rissig sind (vgl. S. 89).
Hier skizziert Hartmut Rosenaus Bonhoeffers Theologie als weisheitliche Theologie, die sich vorrangig an den Themen Schöpfung und Menschsein orientiert. (vgl. S. 94). Hierzu wird Bonhoeffer wörtlich zitiert: „Sie (die Kirche, d. Rez.) wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen.“ (hier S. 98). Hieraus schließt Hartmut Rosenau, dass diese Kirche wandelbar und veränderlich, „veränderungsbedürftig wie auch veränderungsfähig“ ist (S. 98).
Der zweite Teil des Buches „Jahrestagung 2024“: Wahrheit und der dritte Teil „50 Jahre internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, deutschsprachige Sektion e. V.“ werden im folgenden letzten Teil der Rezension nur kurz skizziert.
Nach dem Begriff „Wahrheit“ braucht man bei Bonhoeffer in der Tat nicht lange zu suchen. Florian Höhne, Professor und neuer Vorsitzender der ibg, greift das Thema der digitalen Wahrheit auf und geht damit klar über Bonhoeffers zeitlichen Kontext hinaus. Bonhoeffer hingegen hatte sich in erster Linie mit Propaganda auseinanderzusetzen.
Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet
Florian Höhne wird im Buch „Nachfolge“ (1937) fündig. Dort sieht er Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet. Im Jahr 1942 notierte er, damals noch unveröffentlicht, dass zur Wahrheit die Schuldübernahme gehört. In der „Christuswirklichkeit“ stellt sich die Wahrheitsfrage differenzierter. Hierzu gibt es ein Beispiel, das Kant überliefert, von Bonhoeffer in der „Ethik“ zitiert. Im Interesse der Christuswirklichkeit kann die formale Wahrheit Schuld bedeuten, die Lüge dagegen wahr sein. (vgl. S. 111) Zusammenfassend spricht Florian Höhne von einer „kohärentistischen Verantwortungsethik“ (S. 114). Die dazu passende Zusammenfassung hätte m. E. gerade von diesen Beispielen her auch den sog. Pragmatismus ins Spiel bringen sollen, mit dem sich m. E. Bonhoeffers Verhalten einfacher erklären lässt. Er könnte ihn in den USA kennengelernt haben (d. Rez.).
Auch der anglikanische Priester Matthias Greben greift Bonhoeffers Begriff der Christuswirklichkeit auf. „Wahrheit manifestiert sich in der Begegnung mit Christus und führt zur Mündigkeit des Glaubenden.“ (S. 125) Dies wird nun auf den Kontext der Säkularität bezogen. Wichtig ist hier mit Habermas auf die Gefahr der Entsolidarisierung hinzuweisen. (vgl. S. 128).
Karsten Lehmkühler wiederum greift in „Zwischen Wahrheit und Verhüllung“ Äußerungen Bonhoeffers aus den Gefängnisbriefen auf. Stephen Plant weist, in englischer Sprache, auf die politische Dimension der Wahrheit hin.
(Während diese Beiträge, manchmal parallel, auf die Widerstandszeit Bonhoeffers hinweisen, kommt in „Bilder und Bildbearbeitungen im Wandel, eine bildethische Reflexion am Beispiel politischer Motive“ von Christian Schicha Bonhoeffer gar nicht vor, jedoch Bildpropaganda aus dem Nationalsozialismus.
Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch
Es ist sicherlich angebracht, den von Dietrich Bonhoeffer sehr hoch geschätzten Wahrheitsbegriff ins Zentrum zu stellen. Hier wäre es sicher im Sinn der vorherigen Tagungen besser gewesen, die Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch zu sehen, innergemeindlich und gegenüber der Gesellschaft. Die des subversiven Widerstands sind da m. E. als berechtigte Ausnahme zu sehen, die letztlich den Wahrheitsbegriff gar nicht tangiert. Die Tagungsberichte zeigen, dass die Literatur unter dem Namen Bonhoeffer und die von ihm gelebte Zeitgeschichte ein wesentlicher Hintergrund bleiben.
Dies lebendig zu halten, gibt es seit 50 Jahren die Internationale Bonhoeffer Gesellschaft. Als Dokumente dazu ist die Predigt von Heinrich Bedford-Strohm zur Jubiläumstagung gegeben, eine Rezension über die „Grunewald-Gefährten“ von Cornelius Bormann. Dass diese Personen, z. T. Verwandte Dietrich Bonhoeffers und Freunde der Familie als Widerstandkreis anzusehen sind, wird eigentlich auch schon aus der Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges deutlich.
Am Ende des Buches ist eine Zeittafel zur Geschichte der ibg und ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis gegeben.
Rezension zu: Oliver Jahraus: Verstrickte Philosophie, Heidegger und der Nationalsozialismus, Philipp Reclam jun. Verlag Stuttgart 2026, gebunden, 239 Seiten, mit Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Personenregister, ISBN 978-3-15-011574-9, Preis: 24,00 Euro (print)
Bewertungen im Rückblick?
Kann Hannah Arendts (1906 – 1976) Arbeit zu Bertold Brecht (1889 – 1956) als Vorbild auch der Arbeit zu Martin Heidegger (1889-1976) gelten? Mit diesen Gedanken leitet Oliver Jahraus (geboren 1964) seine Überlegungen zur „Verstrickung“ Martin Heideggers ein. Immerhin sind es bei Brecht selbstkritische Töne, die in einem seiner Gedichte anklingen: „Gedenkt/ Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht/ Auch der finsteren Zeit/ Der ihr entronnen seid/…“ (S. 9)
Heideggers Verflechtungen
Nicht nur die Frage, wie besonders die Selbstkritik Brechts zu seiner Verstrickung in den Stalinismus der DDR gedacht ist, sondern auch, ob und wie Martin Heidegger auf seine Verflechtung in den Nationalsozialismus eingeht, wird in diesem Werk aufgearbeitet. Die Bemerkungen Heideggers selbst und die fehlenden Entschuldigungen, die kleinen Rechtfertigungen und vom Antisemitismus nicht unbeeinflussten posthumen Veröffentlichungen zeigen, dass die Frage nach dem NS – Engagement Heideggers ihn zum philosophischen Dauerbrenner gemacht haben.
„Mit Heidegger gegen Heidegger denken“
Da ist zuerst von Jürgen Habermas die Rede (1929 – 2026). Er kam von Heidegger zur Frankfurter Schule und bemerkte 1956 in einer Rezension in der FAZ, dass die Vorlesung Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ (1963) einen seit der Erstauflage 1935 unveränderten Text ohne Anmerkungen zur NS-Zeit liefert und damit den folgenden Text unverändert darbietet: „Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe … nicht das Geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in den trüben Gewässern der ‚Werte‘ und der ‚Ganzheiten‘ (Zitat „Einführung…“, S. 152). Heideggers Nazi-Verflechtung kann, so Oliver Jahraus, zur Schlüsselfrage seines Werkes werden. Das Fazit für Habermas war: „Unvermutet hatte da ‚Dasein des Volkes‘ den Platz des je einzelnen ‚Daseins‘ eingenommen.“ (S. 20, Zitat Jürgen Habermas). Der Rezensionstitel der FAZ, nicht von Habermas selbst stammend, gab dem Denken fortan seine Prägung: „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“.
Hier sollte nach 70 Jahren und im Jahr des Todes von Jürgen Habermas erlaubt sein zu fragen, ob dieses Motto in den dann folgenden Auseinandersetzungen eigentlich überboten worden ist, wenn auch das „mit Heidegger“ später zumindest philosophiegeschichtlich gedacht worden ist.
Dabei werden in der Untersuchung von Jahraus nun die verschiedenen Ebenen dieser Auseinandersetzung abgearbeitet, deren vorläufiger Höhepunkt die Veröffentlichung der sogenannten Schwarzen Hefte war.
Diese Untersuchung ist lesenswert und bearbeitet folgende Leitfragen, an der thematischen Vorgabe der „Verstrickung“ orientiert:
„1. In welchem Maße war Heidegger verstrickt?
2. Inwiefern führt die Verstrickung der Person zu einer Diskreditierung des Werkes, und schließlich:
3. Finden sich im Werk Strukturen, die der politischen Verstrickung zugrunde liegen?“ (S. 65, im Anschluss an Marion Heinz, hier Anmerkung 149).
Verstrickung
Die Ausarbeitungen von Oliver Jahraus kann man nicht einfach zum Ende überspringen. Obwohl das vorläufige Fazit nach der Bearbeitung der Diskussion um die sogenannten „Schwarzen Hefte“ gezeigt hat, dass die Habermas Formel gültig bleibt, wird gerade mit der Verstrickung der Philosophie ein Motiv gegeben, das angesichts noch weiterer Diskussionsthemen und Bewegungen nötig bleibt oder vielleicht sogar wird.
Vielleicht ist das bei aller Perfektion seines Buches das Problem, dass es gar nicht bemerkt, dass das „Zeitalter“ einer ganz neuen Bewegung gekommen ist, die mit der alten doch einiges verbindet, die so erneut zu genannter Verstrickung einlädt.
P.S. Und zuletzt, was m. E. im Buch von Oliver Jahraus fehlt, ist die Erwähnung der Frage, ob die Mitarbeit Heideggers an der Nietzsche-Ausgabe mit der Herausgabe des nur aus dem Nachlass konstruierten Bandes „Der Wille zur Macht“ nicht doch eine Art Mitarbeit am einer NS-Philosophie gewesen ist. Und somit auf das Rektorat kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm folgte, wenn sich auch der Philosoph aus der Tagespolitik herausgehalten hat. Weiterhin wäre es doch noch einmal spannend, das Rektorat Heideggers und sein Rücktritt daraus in die Geschichte des Nationalsozialismus einzuordnen, der inzwischen zum Hitlerismus geworden war und somit einem eigenständigen Denker hätten gefährlich werden können.
Es wirkt regelrecht idyllisch im Lägerbachtal: Unter dem grünen Blätterdach des Mischwalds bahnt sich das klare Wasser seinen Weg. Es ist ein Kleinod zum Durchatmen für die Erwachsenen und ein Ort zum Entdecken und Spielen für die Kinder. Um diesen Naturraum aufzuwerten, hatte die Abteilung Stadtentwässerung der Stadt Iserlohn gemeinsam mit der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises veranlasst, die schadhafte Verrohrung des Lägerbachs im Bereich der städtischen Forstfläche „Kühler Grund“ zu entfernen und die Gewässerquerung zu einer Furt (einer seichten Flachstelle, an der das Gewässer durchquert werden kann) umzubauen. Die Baumaßnahme fand Mitte Mai statt und ist nun erfolgreich abgeschlossen.
Innerhalb von nur einer Woche entstand hier zwischen Eichen, Buchen, Erlen und Ahorn eine Gewässerquerung, die nicht nur ihre zweckmäßige Aufgabe erfüllt, sondern sich auch harmonisch in die Umgebung einfügt – zugleich den natürlichen Lebensraum von Flusskrebsen, Eintagsfliegen-Larven und Fischen begünstigt und für Klein und Groß ein naturnahes Wasser-Wald-Erlebnis schafft.
Mitarbeitende des Stadtbetriebs Iserlohn/Hemer (SIH) hatten dazu mit einem 9-Tonnen-Bagger das vom Hochwasser 2021 beschädigte Rohr entfernt und die Erde des seit Jahren immer schmaler gewordenen Wegs abgetragen. Danach wurden rund vierzehn große, jeweils fast eine Tonne schwere Bruchsteine in das Bachbett eingesetzt, an denen sich nun das Wasser des Lägerbachs plätschernd entlangschlängelt. Ziel war es, durch das Setzen dieser flachen „Trittsteine“ die bestehende Wegeverbindung für Fußgängerinnen und Fußgänger zu erhalten und gleichzeitig eine Aufweitung des Gewässerprofils zu erreichen. Deshalb wurden breite und flache Wasserbausteine genutzt, die dafür aber nicht extra gekauft werden mussten, sondern aus anderen städtischen Baumaßnahmen stammen und hier einfach weiterverwendet werden konnten.
Eine Gestaltung der Furt mit Nutzung als gesicherte und barrierefreie Verbindung, die auch mit dem Fahrrad zu durchfahren ist, war nicht möglich. Da es sich bei dieser Wegeverbindung nicht um einen ausgewiesenen Radweg handelt, müssen Radfahrende im Bereich der Furt ihr Fahrrad oder Mountainbike schieben. Ein ausgewiesener Radweg befindet sich auf der angrenzenden „Lägerbachstraße“.
…an Karfreitag 2026, Offenbarung 2,1-7, Sendschreiben an Ephesus,
Liebe Gemeinde,
in einigen sozialen Schichten kehrt die Feier der Verlobung zurück. Statistiken wie viele Verlobungen in Deutschland geschlossen werden gibt es nicht, da die Verlobung keine rechtliche Angelegenheit ist. Anzeichen für vermehrte individuell gestaltete Verlobungen gibt es aber schon. In den sozialen Medien werden Verlobungsfeiern gepostet und nachgeahmt. Auch führen Krisen zu privaten Versprechen, verbindlich zueinander zu gehören. Da wir wissen, wie ambivalent Beziehungen sind und auch eine Trennung vom Partner oder der Partnerin nicht ausgeschlossen werden kann, wurde früher von der Verlobungszeit als Prüfungs- oder Bewährungszeit gesprochen. Heute steht eher im Vordergrund, ein Fest der Liebe zu feiern und dieses auch dem Freundes- und Familienkreis mitzuteilen. Jetzt wissen und erwarten alle, dass eine Hochzeit aussteht. Durch das Ritual der Verlobung wird die Liebe eines Paares auf die Zukunft hin ausgerichtet. Es steht noch etwas aus. Das kann Freude und gelegentlich auch Angst und Zweifel auslösen. Im besten Fall bekommt die Liebe einen Schub. Wenn die Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit sich zu lange hinzieht, kann das auch zu Ermüdungserscheinungen in der Beziehung führen.
Unser heutiger Karfreitagspredigttext ist ein Brief eines Verlobten an seine Braut. In der Beziehung liegt eine Störung vor, die dazu führen könnte, dass der Verlobte die Verlobung aufkündigt. Von seiner Seite aus will das der Bräutigam nicht, aber so wie es gerade läuft, geht es nicht weiter. Am Schluss des Briefs betont der Verlobte, wie schön es doch sein kann, wenn die Liebe erneuert wird. Das könnte doch paradiesisch sein und helfen, dass die Liebe ihr Ziel erreicht.
Lesung des Predigttextes, Luther 2017
Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust. Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die auch ich hasse.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.
Mit Christus verlobt?
In der frühen Christenheit und auch später haben die Gläubigen ihren Glauben mit einer Ehe verglichen. Das Bild der ausstehenden Hochzeitsfeier ist biblisch begründet. (Math. 25,1-13) Die Braut ist die Gemeinde und der Bräutigam ist der auferstandene Christus. Die Braut bereitet sich auf die himmlische Vermählung mit Christus vor. Sie freut sich auf dieses große eschatologische Fest. Sichtbar wurde das im letzten Jahrhundert bei den evangelischen Diakonissen. Sie trugen eine weiße Haube als Zeichen, dass sie mit Christus vermählt sind. Sie gehören zu Christus und warten auf seine Wiederkunft. Im Himmel werden sie Brot und Wein mit ihrem Bräutigam teilen (Markus 14,25).
In der Auslegung der 7 Sendschreiben ist es hilfreich das Bild der Vermählung mit dem Bräutigam Christus durchgehend zu bedenken. Es richtet den Blick der Gläubigen auf eine verheißungsvolle Zukunft. Die Leiden um des Glaubens willen und die konkreten Herausforderungen der Gemeinde können durch Umkehr und die Liebe zu Christus überwunden werden. (Siehe Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, S. 1001)
Im Schreiben an die Gemeinde Ephesus wird festgestellt, dass die Liebe zu Christus „erkaltet ist“. Die Gläubigen in Ephesus leiden an einem Christus-Burnout. Ein fiktives Gespräch zwischen Lydia, der Name ist nicht zufällig gewählt (unsere Gemeinde heißt Lydia-Gemeinde Herzogenrath) und Jesus versucht die Störung in der Christusbeziehung anschaulich zu machen.
Lydia und Jesus
Lydia (Gemeindeleitung aus Ephesus) und Jesus unterhalten sich über den Brief:
Lydia: Also ehrlich Jesus, dein Brief hat mich ganz schön enttäuscht. Ich versteh die Welt nicht mehr. Du hast mir doch versprochen, dass wir bald heiraten, und jetzt lese ich, dass ich dich mehr lieben soll, sonst ist es aus mit uns. Ich bemühe mich doch schon so lange einen guten Weg zu gehen, alles richtig zu machen.
Jesus: Das sehe ich auch, aber es reicht mir nicht.
Lydia: Das verstehe ich wirklich nicht. Meine ganze Kraft setze ich dafür ein, dass hier alles trotz widriger Umstände läuft. Ich achte auf das, was gesagt wird und lasse mich nicht von dem vielen Geschwätz der anderen abbringen, halte die Gemeinde auch auf Kurs in der religiös pluralistischen Gesellschaft. Ich finde es ungeheuerlich, dass du das nicht siehst. Wir sind doch auf einem guten Weg?
Jesus: Das habe ich auch am Anfang des Briefs geschrieben und wirklich gewürdigt…
Lydia: Aber alles, was du danach sagst, macht mich schlecht. Damit kann ich auch auf dein Lob verzichten. Es ist doch so: Deine fundamentale Kritik an unser Gemeindeleben findet sich in der Mitte deines Briefs. Das ist deine Hauptaussage. So siehst du unsere Beziehung. Das ist wie ein Hamburger. Oben und Unten Lob und in der Mitte harte Kritik. Da stinkt das Wesentliche. Das schmeckt mir ganz und gar nicht. Ich habe das bis heute nicht verdaut.
Jesus: Wie hast du denn den Brief gelesen?
Lydia: Also lesen kann ich, Jesus. Ich widerspreche dir. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Meine Liebe zu dir zeigt sich in erster Linie darin, was ich mache Ich muss ich doch mein Handeln danach ausrichten, was funktioniert oder nicht funktioniert. Das ist doch wichtig, dass es weitergeht. Wenn ich das nicht tun würde, würde es keiner machen. Also ich übernehme Verantwortung. Das ist konkret: Können wir uns die Kirchen und Häuser noch in der Gemeinde leisten? Ich mache mir Gedanken, wie der Pfarrdienst organisiert werden kann, wenn die bald alle in den Ruhestand gehen. Ich sitze stundenlang in Meetings, bin im Dauerstress für unsere Sache. Und du sagst, ich habe dich nicht mehr lieb?
Jesus: Wann hast du denn das letzte Mal gebetet? Mir zugehört? Oder anders gefragt, wie nimmst du unsere Beziehung wahr? Was ist dir wichtig? Spürst du meine Nähe? Stärkt dich meine Liebe?
Lydia: Aber ich weiß nicht, was das jetzt soll. Es ist doch alles klar zwischen uns!? Oder soll ich ständig meinen Gefühlspuls prüfen und einer Art geistlichen Selbstoptimierung anheimfallen? Wir sind doch ein gutes Team. Ich bin doch mit nichts anderem zurzeit beschäftigt als diese ganzen Feiertage bis ins Kleinste vorzubereiten. Muss ja alles gut über die Bühne gehen. Hoffentlich kommen ein paar. Mir aber vorzuwerfen, ich sei nicht richtig innerlich gestimmt, finde ich echt verquer. Es geht doch nicht um eine gute Stimmung wie es viele Medien vorgaukeln, sondern einfach um dranbleiben, einfach weitermachen. Es werden schon bessere Zeiten kommen. Wirst du auch sehen, Jesus.
Jesus: Mir geht es nicht um die Aufrechterhaltung von Gottesdiensten.
Lydia: Was? Sag das noch einmal! Ich dachte, darin sind wir uns einig.
Jesus: Ich spüre deine Liebe nicht mehr Lydia. Irgendwie läuft seit einiger Zeit alles nach Plan. Ich wünsche mir mehr Tiefe in unserer Beziehung. Mehr Aussprache. Mehr Zweisamkeit…
Lydia: Das hast du schon geschrieben und hat mich arg verletzt. Wie gesagt, ich mache alles für dich. Viele sind gegangen, aber ich bin dir treu geblieben.
Jesus: Ach, Lydia, es macht mich traurig, dass du es nicht selbst spürst. Du zählst auf, was du alles machst und wie beständig du meinen Namen zitierst und schützt. Als bestünde deine Liebe im Dauerbetrieb für mich. Vielleicht will ich das gar nicht?
Lydia: Was willst du denn?
Jesus: Ich will dir Liebe schenken und ich erlebe, wie meine Liebe von dir abprallt, wie sie überhaupt keinen Zugang zu dir findet. Du machst zu. Du lässt dich nicht von mir berühren. Du lässt dich nicht von mir unterbrechen. Du machst alles richtig und doch fühlt es sich falsch an. Nicht lebendig.
Lydia: Das begreife ich immer noch nicht richtig…
Jesus: Lydia, meine Geliebte, ich bin eine (göttliche) Person mit einer unverwechselbaren Geschichte. Ich liege nicht auf dem Friedhof. Und ich bin auch kein Museum. Ich lasse mich nicht verwalten. Ich bin aus Fleisch und Blut und gebe mich ganz für dich hin.
Lydia: Karfreitag…
Jesus: Ja, Karfreitag
Lydia: Deine Hingabe, mein Leben.
Deine Hingabe mein Leben
Deine Hingabe mein Leben. Wie erschließt sich uns das, dass sich unsere Liebe zu Christus erneuert?
Wir können Anteil nehmen an Jesu Kreuzigung, nicht an seiner Historizität oder in einer distanzierten Betrachtung, sondern indem wir uns in sein Leiden und Sterben hineinbegeben. Das geschieht zum Beispiel, wenn wir Lieder singen, die einen Ausdruck finden für Jesu Passion, die uns mit seinem Kreuz verbinden: „Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken“ (EG 91,1a). Es grenzt an Mystik, an Auflösung des eigenen Ichs im Erlösertod unseres HERRN. Es ist eine Bitte und damit ein Gebet. Ernstlich gesungen und gebetet vermag es die eigene Seele zu formen. Dadurch, dass wir gemeinsam Singen, werden wir gestärkt. Durch die Verehrung der Hingabe Jesu breitet sich in uns eine Gewissheit aus, die uns dankbar werden lässt. Vielleicht ahnen wir für einen Moment, was das alles bedeutet und was das mit uns zu tun hat. Es ist berauschend Sprachbilder zu finden für etwas, was größer ist als wir selbst. Wir nehmen die heilende Dimension, die uns in den Lauf der Dinge einordnet und das Leiden und Sterben Jesu deutet, wahr: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“ (EG 98,1)
Aus dem verfluchten Holz wachsen grüne Zweige: Versöhnung. Vergebung. Frieden. Zugang zu Gott. Es ist nicht nur eine evozierte Empathie mit Jesu Leiden. Wir ahnen auch schon die Frucht seines Leidens. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5) Gottes Sohn nimmt die Wunden der Welt auf sich, um sie zu heilen. Was für eine Botschaft in einer Welt die Opfer über Opfer produziert, die mit Gewalt und Krieg weiter Leben zerstört. Jesu Stellvertretertod ist Hoffnung für die Opfer über den Tod hinaus. Alle Gottverlassenheit trägt Jesus am Kreuz. Das kann im Glauben zu einer Quelle werden Ambivalenzen und Ambiguitäten in der Welt und auch im eigenen Leben zu trotzen. Der Karfreitag lehrt nicht nur passives Erleiden, er ist durch und durch widerständig. Der Karfreitag schenkt Hoffnung gegen die Hoffnung.
Karfreitag kann unsere Liebe zu Christus erneuern, da er uns vor Augen stellt wie sehr uns Christus zuerst geliebt hat, dass er bereit war sein Leben für uns zu geben. Ohne Hingabe kein Leben.
„Deine Hingabe, mein Leben.“ Lydia hat noch eine Restglut ihrer Liebe zu Christus entdeckt. Diese kann angefacht werden. Die Störung in der Beziehung zu Jesus kann ausgeräumt werden. Ein neuer Frühling kann die Gemeinde durchwehen.
Liebe braucht Erneuerung
Liebe braucht Erneuerung. Auch die Liebe zu Christus braucht Erneuerung. Ein Weg kann sein, sich zu erinnern und dem nachzuspüren, was uns im Glauben an Christus einmal sehr wichtig war – so wie es Lydia ergangen ist. Was verbindet uns mit Jesus? Was sind die Quellen unseres Glaubens? Wie können wir uns von Christus lieben lassen? Stärkung und Erneuerung geschehen, wenn wir Abendmahl feiern, Brot und Wein im Glauben miteinander teilen. In Brot und Wein ist Christus unter uns gegenwärtig. Jedes Brechen des Brotes, jeder Schluck aus dem Kelch des Heils, nimmt das künftige Hochzeitsmahl mit unserem HERRN vorweg und erinnert an sein Sterben uns zugute: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit.“
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