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… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.

Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Bericht: Besuch der Frankfurter Buchmesse am 10.10.2026 Niklas Fleischer, Dortmund 2026

Nach mehrjähriger Pause hatte ich in diesem Jahr wieder Gelegenheit, an der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Da mein letzter Besuch im Jahr 2022 lag – in der Zwischenzeit hatte die gesperrte Rahmedetalbrücke meinen Enthusiasmus etwas gebremst – war ich kurz vor der Anreise tatsächlich etwas aufgeregt. Was würde sich in der Zwischenzeit verändert haben?

Bereits im Vorfeld hatte ich erfahren, dass ein Fokuswechsel auf der Buchmesse erfolgt war: Der Buchverkauf ist seit einigen Jahren an allen Messetagen erlaubt. Für mich kamen in diesem Jahr auch größere Warteschlangen im Innenhof hinzu, aber vielleicht hatte ich 2022 auch nicht so genau drauf geachtet.

Im Rückblick war die Anreise an einem Samstag – einem der Hauptbesuchertage – damit vielleicht ein Fehler.

Die Frankfurter Buchmesse verteilt sich auf mehrere Hallen und belegt dort jeweils mehrere Stockwerke (im Schnitt immer 3-4 Gebäude mit jeweils 1-3 Stockwerken). Die großen Verlage für Belletristik befanden sich meistens in den Erdgeschossen, die in Folge überfüllt wirkten. Dass die primär für Fachbesucher interessanten Bereiche am Samstag schon nicht mehr gut besucht waren, war auch schon in der Vergangenheit so. Neu war aber, dass diese Bereiche am Samstag teilweise schon völlig entvölkert wirkten. Eigentlich schade, da eine bessere Besucherverteilung der Messe insgesamt gutgetan hätte.

Vom Messepartner Tschechien habe ich in diesem Jahr leider nicht viel mitbekommen, dabei fallen eigentlich sinnvolle Themen wie Franz Kafka ein. Möglicherweise gab es hier aber auch noch mehr Angebote in Forum oder Festhalle.

Die Gründe für den Fokuswechsel sind mehr oder weniger offensichtlich:

Messen haben ihre Rolle als Ort von Produktankündigungen weitestgehend an Social Media verloren. Weitere Messefunktionen wie Geschäftsanbahnungen, Socializing oder bei Verbrauchermessen schlichtweg auch Konsum, müssen damit zwangsläufig in den Fokus rücken, um die teuren Messeauftritte der Verlage zu rechtfertigen.

 

Mein Fazit zur diesjährigen FBM ist somit leider etwas durchmischt. Den Besucherfokus kann ich zwar rein sachlich nachvollziehen, ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die FBM schon am Ziel ihrer Transformation angekommen ist. Die Fachbesucherbereiche haben mich am Samstag jedenfalls eher etwas nachdenklich gemacht (vgl. Liminal Spaces). Religion befand sich mit Halle 3.0 in einem der eher etwas überfüllten Bereiche, sodass ich zu diesem Thema auf der diesjährigen FBM leider kaum eine Aussage treffen kann.

Dennoch war die Frankfurter Buchmesse unterm Strich auch in diesem Jahr ein positives Erlebnis. Lässt man sich auf die bunten Konsumangebote ein, kann die FBM auch auf andere Art und Weise unterhalten. Ein klassischer Messebesuch wird durch das extrem langsame Bewegungstempo und Menschentrauben-Slalom aber etwas gebremst. Gerne wieder?

Literaturnotizen vor und nach der Buchmesse Frankfurt/Main, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Die Fotos sind von mir, soweit ich sie nicht von Verllagsprospekten oder Büchern eingescannt habe.

Am Stand des Passagen-Verlags sprach ich mit einem Mitarbeiter über Jacques Derrida, von dem ich kürzlich das Buch Préjugés, „Vor dem Gesetz“ gelesen habe. Wien 2017, 5. Durchgesehene Auflage. Die Dekonstruktion des Kafkatextes „Vor dem Gesetz“ ist ein Paradebespiel für diese von Derrida eingeführte Methode. Sie klingt wie eine Verallgemeinerung, stellt aber auch den Situationsbezug eines literarischen Textes heraus. Die Übersetzungsarbeit des Verlages ist eine herausragende Leistung für den innereuropäischen Dialog. Hierzu lohnt sich sicher mal: Peter Engelmann, Das Passagen Projekt, Mit Büchern philosophieren. 2022.

 

Am Verlag von Matthes und Seitz, Berlin bin ich nicht besonders fündig geworden. Im Moment scheint Magie, Schamanismus und Naturliebe im Vordergrund zu stehen.

Es bleibt bunt. Vor einem Stand beginne ich ein Gespräch über den „Begriff des Denkens“. Stefan Engel erklärte mir den Begriff der „Denkweise“. Da er jedoch immer das Wort „Sozialismus“ für die Zeit der DDR verwendete, konnte ich mit ihm nicht übereinstimmen. Die hier vorgestellte Art des Kommunismus kommt mir etwas verstaubt vor. Scheint der MLPD nahe zu stehen.

Am Stand von UTB sehe ich Das Neue Nietzsche Handbuch von Christian NIemeyer, das ich demnächst rezensieren werde. Im Verlagsprospekt UTB sind Theologie und Philosophie nebeneinander. Dazu auch das Querschnittsthema Kommunikation und Rhetorik.

Bei Duncker+Humblot, Berlin fällt mir ein Buch auf über 1933: Lothar Machtan: Die Januarverbrecher, Wie Hitler 1933 an die Macht kam, erschienen 2026. Aus der Ankündigung: „Ein Lehrstück, das zeigt, was passieren kann, wenn einer demokratisch verfassten Herrschaftsform die Kontrolle der Macht entgleitet.“

Der Verlag von Katapult war recht groß geworden. Die Bücher und Zeitschriften werden gut angenommen.

Am Stand von J. B. Metzler finde ich das Buch „Nietzsches Zarathustra“. Ich fotografiere es und nehme mir vor, es nach der Buchmesse sofort zu bestellen. Und es ist inzwischen auch schon hier, nicht als Rezensionsexemplar, dann kann ich mir damit etwas Zeit lassen.

 

Drei Zufallsfunde am Schluss.

Auf der Agora, dem zentralen Marktplatz befinden sich bei der Buchmesse Verpflegungsstände. Dort hatte jemand Kataloge des Jugendbuchverlages Moonwalker Verlag verteilt, Kinderbücher mit pädagogischem Anspruch. Ich bestelle mir „Lennis Leuchten, Thema Mobbing, Selbstwert.

Im Bereich der Englischsprachigen Verlage finde ich an einem Stand, der sonst mehr über PC und Internet arbeitet, ein Buch mit Lego Modellen: Building Lego Worlds, 130+ Models, Jeff Friesen.

Passend dazu begegnet mir ganz gegen Ende unseres Rundgangs der „Held der Steine“ aus Frankfurt, dessen Videos auf Youtube ich eine Zeit sehr gern angeschaut habe. Der Stand war gut bevölkert, so dass wir schnell weitergingen.

Noch eine Ergänzung: Von einem englischsprachigen Jugendverlag habe ich interessehalber ein Buch über Kylian Mbappe bestellt aus der Reihe Football Rising Stars von Harry Meredith. Das Buch wird mit einem Hörbuch versehen, das über einen QRCode aufgerufen wird. Zum Text gehört ein Abschnitt mit Glossary (Meaning of the Words).

Zum Schluss. Mit Massen kann ich umgehen, suche dann aber möglichst den ruhigen Weg. Die Ordnung der Verlage hat mich hingegen irritiert. Politik und Literatur habe ich gefunden, Religion und gesellschaftliche Institutionen eher nicht. Die Information zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels kam ich eher über die Medien mit. Trotzdem, die Buchmesse lohnt sich. Vielleicht sollte man aber mal nach Leipzig fahren. Das ist bestimmt weniger überlaufen.

„Das ist keine Kirche“ Manifesta 16 Ruhr, Besprechung und Bericht, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Die Ausstellung teilt sich in zwei Projekte, einer Ausstellung von Kunst und Projektinstallationen in zwölf Kirchen des Ruhrgebiets die allesamt außer Dienst gestellt sind, aber noch als (Kirchen-)gebäude vorhanden. Hierzu ist ein Katalog erschienen, den ich hiermit vorstellen möchte:

Dieses Buch erscheint anlässlich der Manifesta 16 Ruhr, der Europäischen Nomadischen Biennale, 21.06. – 04.10.2026, Hrsg. Von Manifesta 16 Ruhr, Koordiniert von Christoph Jehlicka, Anna Thornton, u. a. Verlag Kettler, Bönen, 1. Auflage August 2026, www.verlag-kettler.de, Paperbeck, 384 Seiten, ISBN: 978-3-98741-251-6 (print)

Hier nicht besprochen: Begleitband zu Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche. Urban Vision. Auch als Doppelband erhältlich.

Die Ausstellung Manifesta (Biennale) ist zunächst unauffällig. Sie nutzt kein vorhandenes Ausstellungsgebäude, sondern zieht sozusagen in eine Region ein. Diese Ausstellungsräume sind in diesem Fall leer gefallene Kirchen oder von Schließung bedrohte. Damit ist zugleich ein Thema vorgegeben: Welche Räume könnten der Quartiersentwicklung dienen, ohne dass sie von vornherein bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließen. Doch die Frage sei erlaubt, ob dies auf ein Kirchengebäude zutrifft. Zu einem einladendem und  geöffneten Gebäude muss ein religiös geprägtes Gebäude erst noch werden: „Es besteht die Chance die vielfältigen Moleküle der künstlerischen Impulse aufzugreifen und zu Neuem zu verbinden, und so Kirchen in Räume zu verwandeln, durch die Nachbarschaften wieder zu Orten der sozialen Kohäsion werden – und die mit den Menschen vor Ort geplant und gelebt werden.“ (Prof. Dr. Reneé Tribble, TU Dortmund, S. 33)

Einige Kirchen der Ausstellung Manifesta 16 Ruhr sind noch sehr geprägt von der religiösen Nutzung, sind vielleicht noch gar nicht entwidmet, andere sind aufgegeben und stehen schon länger leer, sollen womöglich abgerissen werden, während wiederum andere vielleicht schon als soziale oder kulturelle Treffpunkte dienen. Für alle trifft zu, was Peter Köddermann schreibt: „… Kirchen besitzen etwas Numinoses. Gemeint ist damit: Sie strahlen etwas Geheimnisvolles aus, auch wenn sie nicht mehr zur Glaubensausübung genutzt werden … Sicher ist, die Gebäude (…) in der Hoffnung durch künstlerische Intervention in Szene gesetzt, erlebbar und wertvoller zu werden.“ (S. 35) Die Reflektion darüber zeigt auch Projekte für die Umnutzung der Kirchen, die nicht mehr als religiöses Gebäude funktionieren, aber ein Umfeld bieten, in dem kommunikative oder kulturelle Angebote denkbar sind oder gebraucht werden. Das Projekt Manifesta 16 Ruhr lädt die Kunst dazu ein, Impulse für solche Prozesse zu geben. Im Folgenden soll ein persönlicher Rundgang durch die Ausstellung dokumentiert werden. Videoprojekte die nur vor Ort erlebbar sind, müssen dabei außen vor bleiben. Ich möchte noch ergänzen, dass meine Darstellung vom Konzept der Dekonstruktion geprägt sein wird. Ich nehme Impulse auf, setze aber auch kritische Beobachtungen dagegen. Manchmal müssen Dissonanzen ausgehalten werden. Kunst muss heute nicht mehr harmonisch oder schön sein.

Kulturkirche Liebfrauen Duisburg, ab S. 40.

Diese ehemalige katholische Zentralkirche in Duisburg ist seit 2011 Kunstzentrum. Etwas erstaunlich ist, dass im Untergeschoss ein schlichter Gottesdienstraum in Funktion ist.  Dann ist es schon etwas makaber, wenn im Treppenhaus das Schild hängt: „Das ist keine Kirche“.  Foto: Christoph Fleischer, 2026

Der Zentralraum im Obergeschoss bietet die Installation von Abbas Zahedi, London, geb. 1984, Orgelpfeifen mit Belüftungssystem „Ouranophobia 47051, 2026“. Diese Installation ist unüberhörbar. Dazu erklärt der Katalog: „Pfeifen der Orgel der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew – 2021 durch Brand zerstört- bilden die Grundlage für Zahedis Konstruktion.“ (S. 44), Foto s.o.

Zusätzlich sei noch eine Installation herausgegriffen, die einen Bezug zum Ort herstellt: Emil Walde, Düsseldorf, geb. 1991, hat alte Scheiben aus dem Umbau des Duisburger Bahnhofs abgezweigt, die entsorgt werden sollten. Im ehemaligen Kirchraum werden diese Scheiben den ursprünglichen Beichtstühlen zugeordnet, wodurch „intime Ecken der Ruhe und Besinnung“ entstehen. (S. 56), Foto: Christoph Fleischer, 2026

Markuskirche, Essen-Frohnhausen, ab S. 64

Die Markuskirche in Essen-Frohnhausen soll bald entweiht werden. Bis auf den Einbau der Ausstellung wirkt sie jedoch auffällig intakt. Architektonisch soll der Kirchsaal an ein Schiff erinnern. (vgl. Katalog, S. 67)

Augustas Serapinas, Vilnius, LT, geb. 1990, Pew Tower, 2026. Aus umgebauten vor Ort vorhandenen Kirchenbänken hat Augustas Serapinas einen begehbaren Turm gebaut. Vielleicht wäre dieser Turm auch als Kanzel geeignet, wodurch auch eine Rückkehr zur kirchlichen Nutzung denkbar wäre. In der Ausstellung dient dieser Holz-Turm dazu, den Raum anders wahrzunehmen. (eigene Deutung, Katalog, S. 76f) Fotos: Christoph Fleischer, 2026

 

St. Getrud, Essen-City, ab S. 78

Diese Präsentation ist die erste (Kirche) der Manifesta, die ich besucht habe und die mich neugierig gemacht hat auf das gesamte Projekt.

Wer den ehemaligen Kirchsaal betritt, ist verblüfft über die Einbauten aus weißem Ständerwerk; dort befinden sich Nischen, die offensichtlich als Atelier Verwendung finden (sollen). Darauf, dass hier ein offensichtlich grundlegendes Beispiel der räumlichen Umnutzung zu sehen ist, geht der Katalog nur ganz kurz ein. (Foto: Christoph Fleischer, 2026)

Zwei räumliche Installation greife ich exemplarisch heraus:

Donja Nasseri, Düsseldorf, geb. 1990, Mad Dogs, 2026. Mad Dogs ist eine skulpturale Installation an drei großen Halbkugeln…“, die im Inneren Lautsprecher enthalten. Im eigentlichen Foyer des oberen Bereichs dekorieren sie die bunten Glasfenster. (vgl. S.99), Foto: Christoph Fleischer, 2026

Nasan Tur, Berlin, geb. 1974, Elevation, 2026. Ehemalige Kirchenbänke werden vertikal im Raum aufgestellt. Diese Bänke sellen einen Raum dar, der „nicht von einer zentralen Instanz, sondern von vielen Menschen gemeinsam gestaltet wird.“ (vgl. S.105), Foto: Christoph Fleischer, 2026

St. Marien, Essen-Karnap, ab S. 106.

Diese mächtige moderne in Ziegelbauweise errichtete Kirche steht offensichtlich schon länger leer, da bereits Fenster durch Steinwürfe zerstört worden sind. Von außen erinnert die Kirche an einen Festungsbau, steht aber recht versteckt in einem Wohngebiet in Essen-Carnap.

William Engelen, Berlin, geb. 1964 mit Dagmara Genda: Unter der Orgelempore sind 148 Metallrohre aufgehängt, die abwechselnd angeschlagen werden können und damit einen Klangteppich verbreiten. Der leere Kirchenbau, einem sehr hohen Saal, kann als Klangraum erfahren werden. (vgl. S.110), Foto: Christoph Fleischer, 2026

Katharina Fritsch, Düsseldorf, geb. 1956, Birkenkreuz, 2026. Das weiße Holzkreuz kann in Beziehung zu den Buntglasfenstern gesehen werden. Das Kreuz Gedächtnis zurück. (vgl. S. 113-115). Foto: Christoph Fleischer, 2026

St. Josef, Gelsenkirchen-Ückendorf (ab S. 130)

Diese riesige neugotische Hallen-Kirche ist etwa 150 Jahre alt. Sie steht erstaunlicherweise in westlicher Richtung, nicht in Richtung Sonnenaufgang wie seit der Romanik üblich.

Curro Claret Marti, Barcelona, geb. 1968, This Is Not a Church Pew, 2026. Das Team hat mit einem Team Kirchenbänke auseinandergenommen und in neuen Konstellationen zusammengeschraubt.

Das Duo Barber Palacios, Valencia, geb. 1968, präsentiert einen ständigen Glockenklang in der gesamten Kirche.

Penique Productions, Möglich Unvorhersehbar, 2026. Sergi Arbusa, geb. 1987. Die Kirche St. Josef ist ausgeräumt und im Innenraum vollständig mit Plastikfolie ausgefüllt, die ständig mit Luft aufgefüllt wird. (Fotos: Christoph Fleischer, 2026)

Ergänzen möchte ich hier ein Projekt, dessen Ergebnisse in der Kirche St. Josef ausgestellt sind, im Katalog aber unter dem Kapitel „Communities und Bildung“ aufgeführt sind: Havin Al-Sindy, Kuli (Locust) 2026 (vgl. S.358ff). Gezeigt wird eine ca.2m große Heuschrecke, die an Stangen getragen werden kann. Schüler*innen der Gesamtschule Gelsenkirchen haben darüber hinaus tausende einzelne Heuschrecken aus Papier gefaltet, die an Fäden aufgehängt, einen Schwarm bilden. (Siehe Fotos von Christoph Fleischer, 2026)

Die folgenden Ausstellungsorte in Kurzfassung:

St. Anna – Hatay Engin Musikhalle, Gelsenkirchen-Schalke.

Schwerpunkt ist hier die Musik der Gastarbeiter*innen. Emre Abut hat eine Musikinstallation aufgebaut, die einen authentischen Höreindruck vermittelt.
Foto: Christoph Fleischer, 2026)

St. Bonifatius – Ferdane Satir Teegarten, Gelsenkirchen-Buer-Erle.

Neben der in Holzkästen angebauten Tee-Pflanzen sind hier die zahlreichen Gemälde auffällig, die im ehemaligen Kirchraum als Ausstellung gezeigt werden. Thema ist die Spannung zwischen der neuen und alten Heimat.

Beispiel: Merve Kaplan, geb. 1997: Yoldas, 2025. „Durch ihre räumliche Gestaltung schafft die Installation eine Übergangswelt…“ (vgl. S.192ff). Foto: Christoph Fleischer, 2026

Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegrten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025

Thomaskirche – Hava Gülec Wohnzimmer, Gelsenkirchen-Buer.

Textile Arbeiten stehen hier im Mittelpunkt, die im Gedenken an „Gastarbeiter*innen“ hergestellt wurden. Auch hier werden Kirchenbänke in Ausstellungsständer umfunktioniert.

Christ-König, Bochum.

Die erst 1932 errichtete Kirche wurde kriegsbedingt 1944 zerstört und dann bis 1957 wiedererrichtet. Möglicherweise war hier eine franziskanische Gemeinschaft, die Nähe zu Menschen der arbeitenden Bevölkerung gesucht hat.
Auffällig ist die Installation von Eva Kolatkova, Prag, geb. 1982 „When Animal Fall from the Sky. 2026. Der Boden ist dekoriert mit vom Himmel gefallenen Vögeln, meist schwarzen Krähen. Foto: Christoph Fleischer, 2026

St. Anna, Bochum.

Die Kirche steht in der Nähe des ehemaligen Stahlstandorts Stahlhausen.

Gethsemane-Kirche, Bochum.

Auffallend im Nachkriegsstil errichtete leer gefallene Ev. Kirche.

St. Ludgerus, Bochum-Langendreer.

Die Turnhalle erinnernde Installation eingerichtet. Vielleicht könnte es daran erinnern, dass Kirchengebäude nach ihrer kirchlichen Nutzung auch dem Breitensport zur Verfügung stehen könnten oder als Kletterhalle funktionieren könnten.  Foto: Christoph Fleischer, 2026

Predigt vom Weinstock, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Predigt Jubiläumskonfirmationen 2026

 

Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegarten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Johannes 15,5

Liebe Festgemeinde,

in der Oberstufe belegte ich das Fach Erziehungswissenschaften. Wir lernten, wie sich ein Baby entwickelt und langsam die Welt zu begreifen lernt. Sie kennen das: Kleine Babys greifen nach allem, was Ihnen vor die Nase gehalten wird. Anfangs können sie nur etwas festhalten, später spielen sie damit, stecken sich alles mögliche in den Mund und lachen. Noch später werden sie ärgerlich, wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie begehren.

Gut in Erinnerung ist mir noch, wie die Lehrerin uns verschiedene Entwicklungs- und sozialwissenschaftliche Theorien der kindlichen Entwicklung vorstellte. Ein Name hat sich bis heute bei mir eingebrannt: Arnold Gehlen, ein Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine These:

Der Mensch ist ein Mängelwesen

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Das gilt besonders für Babys und Kleinkinder.

Das hat mich aufgebracht und ich protestierte. Der Mensch ist kein Mängelwesen. Er ist eine gute Schöpfung Gottes. Für meinen Glauben sind Babys bis zu aller erst ein Wunder, ein Geschenk. Und mit jedem Kind, das die Welt erblickt, wiederholt sich dieses Wunder. Das werden viele von Ihnen, die Sie sich heute an ihre Konfirmation erinnern und selbst Kinder bekommen haben, ähnlich empfunden haben. Und dieses Gefühl wird nicht alt. Es hat sich eingestellt und wird sich hoffentlich noch einstellen,

wenn das Leben, das durch Sie hindurchgegangen ist, wieder Leben gebiert. Die unter ihnen, die schon Großeltern sind, wissen wovon ich rede. Und die, die es noch nicht sind, dürfen sich wahrlich auf etwas Großartiges freuen. Ich sage immer: Die wahren Wunder des Lebens sind nicht größer als 50 cm.

Und natürlich ist so ein kleines Wesen bedürftig: nach Nahrung, nach Nähe, nach Wärme, nach Verlässlichkeit. Und Mutter und Vater schenken es ihm. Von Anfang an hängt unser Leben von anderen Menschen ab. Und am Anfang hängt es im wahrsten Sinn des Wortes von anderen ab. Und beim Menschen dauert die Abhängigkeit des Neugeborenen und später des Kindes und auch des Jugendlichen und inzwischen auch des jungen Erwachsenen sehr, sehr lange, bevor das Kind selbständig ist und das Leben ohne Hilfe bewältigt, gestaltet und seinen Platz in der Welt findet. Das meinte Arnold Gehlen mit seiner These: Der Mensch ist ein Mängelwesen. Er hat einfach das Leben beobachtet. Wie lange brauchen Vogeleltern oder andere Tiere für die Aufzucht ihrer Jungen und wie lange braucht der Mensch für die Aufzucht seiner Kinder? Der Unterschied ist gewaltig.

 

Was hat sich Gott dabei gedacht?

 

Was hat sich Gott dabei gedacht? Natürlich können wir nicht in Gottes Kopf hineinschauen, aber auch wir können beobachten und von unseren Erfahrungen berichten. Wir wissen, wie wichtig die Beziehung des Baby´s zu einer verlässlichen Bezugsperson ist. Nur über das persönliche Du findet das Kind zum Ich, zu einem Vertrauen zu sich selbst und in die Welt. Es geht also um Verbindung und Beziehung.

Unser Leben ist Beziehung. Und das hört nie auf. Das ist das Schöne und oft auch das Schwierige, weil wir uns immer selbst mitbringen. Mit unseren Sehnsüchten, mit unseren Übertragungen, mit unseren Verletzungen, mit unserem Bedürfnis nach Nähe, mit unserer Abwehr, mit unserer Scham. Aber auch mit unserer Lust, mit unserer Freude, mit unserem Sinn für Schönheit, mit unserer Liebesfähigkeit, mit unserem Glauben und der unbändigen Hoffnung, dass es gut wird.

Im Glauben geht es um Verbindung

Im Glauben geht es um Verbindung, Beziehung und Abhängigkeit. Es geht um die Verbindung mit Gott. Jesus ist in unserem Glauben das Du Gottes. Hier wird Gott sichtbar, erfahrbar und bekommt ein menschliches Antlitz.

Kein anderes Evangelium spricht derart intim von der Beziehung Jesu zu seinem himmlischen Vater und der Beziehung Jesu zu seinen Jüngerinnen und Jüngern  wie das Johannesevangelium. Es geht fast in jedem Wort Jesu um die Verbindung mit Gott und ihm. Dabei spricht Jesus oft in Bildern, die er der Natur entnimmt:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Eine Rebe kann nicht aus sich selbst sein. Sie wächst und reift nur in Verbindung mit dem Weinstock. Das sie verbunden ist mit dem Weinstock ist wichtig. Der Weinstock ist ihr Lebenselixier. Von dem Weinstock erhält die Rebe alles, was sie zum Leben braucht. Bricht die Verbindung zum Weinstock ab, vertrocknet die Rebe.

Im nächsten Satz überträgt Jesus das Bild des Weinstocks und der Reben auf die Beziehungsebene von Christus und Mensch. Hier geht es nicht um Trennung. Hier geht es um gegenseitige Durchdringung. Nicht als Selbstzweck, sondern es geht um die Steigerung des Lebens: um die Frucht. Auch wenn diese Worte mystisch klingen, zielen sie doch auf das konkrete Leben.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“

 

Die Einheit mit Gott ist ein seltenes Erleben. Manche streben es an, andere bekommen es geschenkt. In meinem Studium diesen Sommer in Leipzig haben wir in einem Seminar jüdische Geschichten aus dem Talmud gelesen. Immer wieder ging es um Rabbis und ihr intensives Gebet, ihre Versenkung in Schriftverse und ihre Abkehr von der Welt. Auch wenn die Tradition ihr Streben nach Einheit mit Gott würdigt, wird doch geschaut, wie sie mit ihrer Frau, mit ihren Kindern und Kollegen umgehen.

Mystische Erlebnisse sind das eine, die Liebe aber ist das Kriterium. Das ist die Frucht. Wir können nicht mit Christus in Verbindung sein und gleichzeitig ein Leben ohne Liebe führen. Die Frucht, die von selbst reift und wächst, ist ein Leben im Geiste Jesu. „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“(Joh 15,12)

Und dann sagt Jesus den Satz gegen den wir uns als moderne Menschen mit Händen und Füßen wehren:

„Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Wir alle sind abhängig von Liebe

 

Was ist Religion? Was ist der Glaube?

Ist Religion ein Gefühl der „Abhängigkeit“ von Gott (Schleiermacher) und der Glaube gelebte Liebe?

Kehren wir zurück zum Anfang. Das Neugeborene ist abhängig von Bezugspersonen. Nur durch die Abhängigkeit wächst und reift es. Leben ist Verbindung und Beziehung. Das hält unser ganzes Leben an bis zuletzt. Und gerade, wenn unsere Kräfte weniger werden, merken wir, wie abhängig wir sind von den Menschen, die uns beistehen, begleiten oder gar pflegen.

Könnte es sein, dass viele Menschen in unserer modernen Gesellschaft einsam sind oder sich immer mehr zurückziehen, weil sie sich anderen Menschen nicht zumuten wollen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Sehnsucht nach Kontakt und Beziehung leben können? Sie scheinen Getriebene ihres Glaubenssatzes: Bloß keine Abhängigkeit.

Wir alle aber sind abhängig von Liebe, von Zuwendung, von miteinander reden. Ja, wir machen uns verletzlich, aber auch das gehört dazu. Ja, wir machen uns schuldig, aber auch das gehört dazu. Ja, wir bedürfen der Vergebung, aber auch das gehört dazu und wir müssen oft schmerzhaft lernen, dass es besser ist jemanden zu vergeben, damit wir nicht in Schuld verstrickt bleiben und der Groll uns innerlich zerfrisst.

Der Glaubende ist Gottes bedürftig

Der Glaubende ist Gottes bedürftig und er weiß darum. Das macht ihn nicht klein. Das macht ihn nicht groß. Das macht ihn frei. Frei zu lieben.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Das Leben ist ein Wunder

Sie schauen zurück auf ihr Leben. Viele Jahrzehnte liegen hinter Ihnen. Jahrzehnte des Werdens und Vergehens, von Anfang bis jetzt. Sie haben geliebt und sind geliebt worden. Sie haben es so gut gemacht wie sie konnten. Sie mussten mit sich selbst klar kommen, sich immer wieder anpassen und auch neu erfinden. Die Herausforderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft haben Spuren hinterlassen. Mitten in der Hoch-Zeit des Lebens ist kaum Zeit inne zu halten. Wie geht es Ihnen heute? Was spüren Sie? Ist da neben Wehmut auch Dankbarkeit für das, was Ihnen widerfahren ist, was Sie selbst gestalten und prägen durften? Dankbarkeit kann sich einstellen und sich in Ihnen ausbreiten, wie auch Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens und der Wunsch in Frieden versöhnt zu leben. Das Leben ist ein Wunder. Es ist so vielfältig wie die Frucht des Weinstocks. Der Wein, den wir kosten, hebt das Leben. Die ganze Fülle des Lebens ist darin verborgen.

Der du das Brot erkoren und den Wein,

um dich in Ihnen zu gestalten.

Nun fällt von dort geheimnisvoll ein Schein

auf jede Mahlzeit, die wir halten. (Manfred Hausmann)

Gleich beim Abendmahl schmecken wir das Brot des Lebens und trinken aus dem Kelch des Heils. Die Feier des Mahls weist in die Zukunft. In die Herrlichkeit Gottes, in die Gemeinschaft mit ihm. Leben Sie ihr Leben als Gesegnete froh und gestärkt weiter.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Edith Silbermann – Begegnung mit dem Autor Paul Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

 

Zu: Edith Silbermann, Begegnung mit Paul Celan, Erinnerung und Interpretation, Rimbaud-Verlag Aachen, 2. Auflage 1995, Hardcover, 96 Seiten, ISBN: 3890868843, antiquarisch erworben, Preis beim Verlag 30,00 Euro, gebraucht um 10,00 Euro

Dieses antiquarisch erworbene Buch ist bemerkenswert. Mit Paul Celan habe ich mich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Martin Heidegger beschäftigt. Doch ich lese seine Gedichte nicht mehr regelmäßig, habe sogar einige Bücher wieder über Momox zurückgegeben (vgl. Links am Ende des Beitrags).

Interessant ist das Buch in mehrfacher Hinsicht. Zunächst trägt es eine Widmung von Edith Silbermann selbst, „Iserlohn, den 18. 4.2000“, der „Empfängerin zur freundlichen Erinnerung“. Edith Silbermann, geborene Horowitz, ist 1921 geboren und starb 2008 in Düsseldorf. Besonders an diesem Buch ist, dass sie nicht einfach ein Leseexemplar signiert verschenkt hat, sondern dass es weitere persönliche Einträge enthält. Da sind zunächst Korrekturzeichen, so dass anzunehmen ist, dass sie das Buch seit 1996 als Korrekturexemplar vom Verlag bzw. vom Lektor erhalten hat. Ob die Zeichen zur Korrektur im gedruckten Text führten, kann ich nicht sagen. Auch ein Gedicht von Rose Ausländer wurde korrigiert. Dieser Abschnitt handelte nicht nur von der das Buchenland genannten Bukowina, heute im Westen der Ukraine liegend, sondern auch von Sadogara im Gedicht „Der Vater“ (R. A. S. 30). Aus „Distanz“ wird „Distanzen“ (S. 31). Über Paul Celan heißt es nach ihrer Korrektur: „Kennzeichnend für Celans Dichtung sind im Unterschied zu der seiner dichtenden Landsleute nicht bloß seine vielen Wortschöpfungen und Wortspiele der Gebrauch von termini technici, z. B. aus der Mineralkunde, sein Hang zu „Oxymora und Paradoxien“ anstelle „Hang zu Oxymoren“ (S. 20).

Das erste Kapitel ist überschrieben mit Paul Celan im Kontext „Brunnenland“ genannt (S. 7), eigentlich meint es aber „Buchenland“ (Bukowina).. In seiner Bukarester Zeit wurde aus seinem Nachnamen Antschel der Name Celan, wohl Tschelan gesprochen. In diesem ersten Artikel stellt Edith Silbermann die Gedichte Celans in den Kontext der rumänischen Umwelt, seinen ebenfalls dichtenden Freunden und der durch die Nazis einbrechende Katastrophe. Ein Teil der Bewohner von Czernowitz war deutschsprachig, für Celan die Muttersprache. Über allem liegt nun aber der Nebel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der viele jüdische Bewohner zum Opfer fielen.

Ergänzt wird dieser Aufsatz, der stärker literarisch geprägt ist, von dem mehr persönlichen Artikel „Erinnerungen an Paul Celan“ (S.41 – 70). Schon ganz zu Beginn des Artikels erzählt Edith Silbermann von der frühen Bekanntschaft mit der Familie Antschel und deren einzigem Sohn Paul. Hier erinnert sie auch, dass er getrocknete Pflanzen sammelte und botanisch sehr bewandert war, was (später) in seinen Gedichten auch zum Ausdruck kam.  Der Bericht enthält einige Schwarz-Weiß-Fotos von Paul Celan (Sommer 1938) und ihr (1939, S.46f), Edith Silbermann. Auf S. 50 berichtete sie von dem für sie unhaltbaren Vorwurf, die „Todesfuge“ sei von seinem Freund Immanuel Weissglas und seinen Berichten aus dem Lager inspiriert worden, und weist diesen Vorwurf zurück (S.50f). Auf Seite 53 findet sich neben einer leeren Buchseite das Foto einer Gruppe mit dem Originaltext „Edith Silbermann (2. von links) mit Freunden am Pruth (15.4.1938)“. Hier setzte sie den Nachnamen Silbermann in Klammer und schrieb „Horowitz“ darüber, was damals ihr Mädchenname war. Unten ergänzt sie handschriftlich: „Paul Antschel (Celan) rechts oben“. Sie ist auf diesem Bild recht eng mit einem anderen jungen Mann, von Celan eher distanziert, der evtl. das Foto mit dem Selbstauslöser gemacht hat. Irritiert bin ich, dass Sie auf dem S. 59 gedruckten Foto von ihr selbst (1940), handschriftlich mit „Horowitz, Edith“ markiert. Links S. 58 „Celan im Arbeitslager (1940)“.

Die restlichen Darlegungen berichten immer wieder von unrichtigen oder irrigen Berichten über Celans Zeit in Czernowitz und korrigiert sie mit eigenen Beobachtungen. Es gibt auch einen Text, den sie für pädagogische Einsätze in der Weihnachtszeit von Celan erhalten hat, ein Lied, das säkular von Weihnachten als einem nächtlichen Einsatz der Wichtel berichtet (u.a. Heinzelmännchen spähn nun durch die Ritzen…“ (S. 61, siehe Anhang am Ende).

Biografisch besonders wichtig ist ihre Notiz über Celans Rettung vor der NS_Verfolgung, der seine Eltern zum Opfer fielen: „Celan war im Sommer 1942, als seine Eltern deportiert wurden, nicht geflohen, sondern in weiser Voraussicht des Kommenden einfach von zuhause weggegangen. Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, die ich vor kurzem in Frankfurt am Main traf, erinnerte mich daran, dass er, als sich das Gerücht verbreitete, es würden wieder Aushebungen erfolgen, zunächst bei ihr Zuflucht gesucht hatte, es sich aber dann überlegte und zu mir ging, wo er sich offenkundig sicherer fühlte.“ (S. 64) Es folgt nun der Bericht, wie die Eltern in Transnistrien umkamen: „Der Vater erlag dem Typhus, die Mutter wurde durch Genickschuss ermordet.“ (S. 64)

Nach den klärenden Mitteilungen über ihren eigenen und Celans Werdegang berichtet Edith Silbermann über einen Briefwechsel in den sechziger Jahren. Einige Gedanken über Celans Suizid im Wasser der Seine in Paris am 20.4.1970 runden den (auto-) biografischen Bericht ab.

Im letzten Artikel „`Huhediblu` – Versuch einer Deutung“ (S.71-88) gibt es nur noch einige Korrekturzeichen der Autorin. Auf diesen Artikel, der eine sachkundige Deutung bietet, gehe ich in diesem Bericht über einen literaturgeschichtlichen Text jetzt nicht weiter ein. Edith Silbermann ist literaturwissenschaftlich sachkundig und bietet wichtige biografische Klarstellungen zu Paul Celan, zu dessen Werk es inzwischen einem ganze Bücherwand existiert.

Link: https://www.der-schwache-glaube.de/2019/03/16/werner-hamacher-zu-celan-rezension-christoph-fleischer-welver-2019 und andere

Gedicht S. 61:

Zwölf Uhr schlägst und alles, alles schweigt nun,
alles schweigt nun
und die Hitze in der Küche steigt nun
steigt nun, steigt nun
tipp tapp, tipp tapp, tippe tippe tipp tapp
tipp tipp tapp

Heinzelmännchen späht nun durch die Ritzen,
durch die Ritzen;
Nasen spitz und spitze Zipfelmützen,
Zipfelmützen,
tipp, etc.

Spähn sie sacht aus all ihren Verstecken,
dunkeln Ecken
huschen Schatten, die sie sehr erschrecken;
sehr erschrecken,

Was da alles war auf unsern breiten,
unsern breiten
Tischen voller, voller Süßigkeiten!
Süßigkeiten!

Um den Weihnachtsbaum, vor dem sie wachen,
staunend wachen,
läutet laut ihr Lied, ihr helles Lachen,
helles Lachen
tipp, etc.

Bis es Tag wird lärmt der tolle Reigen,
tolle Reigen:
Bis es tagt muß Ängstlichkeit schon schweigen,
ja muß schweigen,
tipp, etc.

Doch wird Tag, muß aller Reigen ruhen,
Reigen ruhen,
Zwergvolk stiehl sich fort auf leichten Schuhen,
leichten Schuhen,
tipp, etc.

(S. 61f)