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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Stichworte zu Herbert Grönemeyer, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

aus: https://www.der-schwache-glaube.de/2012/08/31/gedanken-des-glaubens-weltlich-gepragt-christoph-fleischer-werl-2009-textausgabe/

Die Beobachtungen zur Person Herbert Grönemeyers finden sich exemplarisch in diesen kurzen Sätzen oder Stichworten, die ich mir am Rand des Beschreibungen biografischer Episoden notiert habe. Aus meiner Rolle als Pfarrer heraus deute ich diverse Eigenschaften und Qualitäten als implizite religiöse Botschaft:

–          „Ich bin viel zu träge/ um aufzugeben/ es wär auch zu früh/ weil immer was geht…/ Ich geh nicht weg/ hab meine Frist verlängert/ neue Zeitreise/ unbekannte Welt.“ (Der Weg, Album: Mensch 2001)

–          Stichworte seines Karrierebeginns: Gefühl, Selbstwertgefühl, Identität, Selbstverwirklichung, radikal, authentisch, lebendig…

–          Er will zu sich selbst finden.

–          Singweise: Das ist Identität, da jeder auch seine Macken hat; will unverwechselbar sein.

–          Klarheit und das Bewusstsein der eigenen Grenzen

–          Wille und Handlung entsprechen sich

–          Einer, der nicht immer mit dem Finger auf etwas zeigt (und es manchmal doch tut)

–          Einer, der sich auch streiten kann

–          Einer, der sich nicht verbiegen lässt

–          Einer, der zum eigenen Narzissmus steht, mit sich selbst identisch ist

–          Energie, Faszination

–          Mit Worten die eigenen Freiheiten erkämpfen und erweitern; kreativ sein; kämpft noch, wo er schon gewonnen hat.

–          Gegen Widerstand an sich selbst glauben können

–          Talente haben und schnell lernen können

–          Auch mal unfair sein dürfen, evtl. echthaberisch

–          Entwicklung zulassen

–          Von der Musik über die Emotion zum Text

–          Sich zurückziehen, sich um die Familie kümmern, die kranke Frau, den Bruder, die Kinder (auch wenn genau das nicht öffentlich zur Schau gestellt wird)

–          Nicht jede Emotion hat schon einen Inhalt

–          Von sich selbst als Produzent der Musik überzeugt sein

–          Heimatgefühl zulassen; wissen, woher man kommt

–          Sich in Dingen, von denen man nichts versteht, von anderen etwas sagen lassen

–          Musikalisch, ohne dass man es sofort heraushört

–          Jeder verliert manchmal den Boden unter den Füßen

–          Auch mal „politisch“ sein, ohne „Politiker“ zu werden.

–          Anzüge mit Turnschuhen kombinieren – mit Stilbrüchen leben

–          Alltagsthemen: Worüber er sich ärgert, das schreit er sich von der Seele.

–          Der Text nutzt nur, wenn er dich betrifft, in den Magen geht.

–          Sich und die eigenen Idole in Frage stellen

–          Von sich erzählen, wenn man mit sich zum kämpfen hat

–          Viel Arbeit für wenig Geld: Zeit haben für seine Hörer.

–          Gute Arbeit auch gut finden

–          Vor Religion sollte man mehr Ehrfurcht zeigen.

–          Beziehungserfahrungen anderer zum Thema machen

–          Auch Satire zulassen können

–          Gegen Sexismus und sexuellen Missbrauch öffentlich Stellung beziehen (als das noch ein Tabu war)

–          Position beziehen, politisch klar

–          Kunst stellt menschliche Widersprüchlichkeit dar.

–          Über die Realität nicht schweigend hinweggehen

–          Metaphern und Symbole, die allgemein und persönlich deutbar sind

–          Kitsch zulassen, da er ein Symbol für überschwängliches Gefühl ist

–          Glück und Freude mit Leiden in Verbindung bringen

–          Das Ende aller Feindschaft und aller Feindbilder

–          Kommunikationsprobleme und Abspracheprobleme zulassen

–          Die Gesprächspartner und Hörer in sein eigenes Denken und Hören einbeziehen; Sätze anfangen und andere vollenden lassen

–          Viel Arbeit in Kauf nehmen, um sich in der Musik wohl zu fühlen

–          Seine Liebe zu seiner Frau drückt sich in seinen Texten aus, auch wenn sie es nicht gemerkt hat.

–          Mit Verletzungen leben: Die Musik reißt schon alles auf und legt die Emotionen frei.

–          Die Verstorbenen mit sich weiterleben lassen und neue Schritte in die Zukunft tun.

–          Fragmentierte Denkideen, Wünsche, Phantasien, Hoffnungen

–          Von „Wellen“ zu reden, ohne segeln zu können

–          Künstler zelebrieren sich selbst, zum Guten. Stellen sich immer besser dar, als sie sind. Werden zum Ideal, ohne ein Ideal zu sein.

–          Frage: „Wer ist der Größte?“ offenbart immer ein falsches Denken. Jeder tritt nur gegen sich selbst an.

….

Die expliziten Bezüge zur Religion sind im Übrigen anfangs oft negativ geprägt. Dabei sind die negativen Formulierungen nicht unbedingt die Meinung des Liedermachers, sondern stellen auch Positionen dar, die er musikalisch und dichterisch hinterfragt, so im Satz: „Hör auf, mir zu predigen“ (Luxus). Da geht man schon einmal „zusammen durch des Teufels Küche“ Grönland). Der arbeitslose Jugendliche, den Grönemeyer zu Wort kommen lässt, sieht das Leben „als die reinste Hölle an“ (Einmal). Im Zusammenhang von Liebe und Sex sagt einer: „Jetzt wird´ nicht religiös“ (Viertel Vor). Oder, bevor der Weltuntergang durch die Neutronenbombe eintritt, sagt einer am Tresen: „Mein Gott, nur noch dies eine Bier“ (´n Bombenlied). Religionskritisch sind die Lieder „Mit Gott“ und auch „Stück vom Himmel“. In beiden Liedern wird die Verwendung des Christlichen in der Politik angeprangert: „Hör auf mit Beten…“, „Mit Gott auf unserer Seite“, „Wir geben uns unverbindlich christlich“ (Mit Gott) und „Warum in seinem Namen, wir heißen selber auch“, „Welche Armee ist heilig?“, „Welches Ideal heiligt die Mittel?“, „Kein Gott hat klüger gedacht“ (Stück vom Himmel). So ähnlich argumentiert auch das Lied „Tanzen“: „Wir sind Christen, falten uns´re Hände… preisen Gott und die geistige Wende…“. Der weiße Rassismus in Südafrika wird als „eisenhartes Gottvertrauen“ (Maß aller Dinge) bezeichnet. Der Rechtsradikalismus ist „eng im Weltbild“ (Die Härte), und „Amerika“ kommt als „Retter in jeder Not“ (Amerika).

Viel Tiefsinn steckt auch in den negativen Formulierungen, die den Zeitgeist aufspüren oder die die eigene Ratlosigkeit darstellen. Hier wird die Religion nicht kritisiert, sondern eher ihr Fehlen konstatiert: „Es ist nur der Mythos, der zählt“ (Reines Herz); „Angst vor der Geschichte, Angst vor sich selbst“ (Angst); „Der gute Glaube ist längst aufgebraucht“ (Einmal); „Die Kirche schachmatt“ (Chaos). „Es steckt kein Geist mehr in der Flasche, für´s Paradies fehlt die Phantasie“ (Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht). „Das Nichts steckt in jedem Detail“ (Unbewohnt). „Keiner betet für mich“ (Schmetterlinge im Eis). „Die Seele verhöhnt, alles sinnentleert“ (Keine Heimat); gerade die letzten Formulierungen zeugen von einem tiefen Verständnis für Religion und stellen das Fehlen des Glaubens in der Lebenskrise in den Vordergrund.
Ebenso gibt es auch positive Metaphern für das gelingende Leben in religiösen Worten und Bildern: „Ein Stück vom Himmel, ein Platz von Gott“ (Stück vom Himmel). Ebenso lässt sich im Rückblick sagen: „Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt“ (Der Weg). Natürlich heißt Liebe nichts anderes als: „Ich mache dir das Leben zum Himmel“ (Komet), oder: „Besiege jeden Fluch, lot´s dich durchs tiefe Tal“ (Ich dreh mich um dich), „Fühl´ mich bei dir geborgen“ (Halt mich), „Ich bin für dich da“ (Für dich da), „Der für dich wacht und dich auf Wolken trägt“ (Dort und hier), „Die Sintflut ist verebbt, die Sünde vergeben“ (Bleibt alles anders). Die Liebe ist „die letzte Version vom Paradies“ und gleich damit, sich „den Heiligenschein“ zu machen (Letzte Version). Das Vertrauen ist grenzenlos: „Übernimm die Wacht, bring dich durch die Nacht“ (Land unter). Die geliebte Person wird auch um ihrer Religion willen geliebt: „Dein Selbstvertraun, dein Sex und ein Gott…, dein Hoffnung, dein Zauber, deine Glut“ (Energie). Umgekehrt gilt das Gleiche: „Ich war so gern dein Zufluchtsort… du bist die, die mich findet“ (Du bist die). Dieses Vertrauen färbt auf das allgemeine Grundvertrauen ab und die Zuversicht gewinnt wieder an macht: „Das Prinzip Hoffnung“ (Demo-letzter Tag). Da heißt es: „Tief in mir drin macht alles irgendwie Sinn“ (Ich versteh). Und so nimmt auch die Religion ein Stück weiter zu: „Das Firmament hat geöffnet.. und weil er schwärmt und glaubt, sich anlehnt und vertraut“ (Mensch). Der Partner ist „Engel der Sünde“ und „Engel der Passion“ (Letzte Version). Natürlich ist auch hier noch die Gefahr der Oberflächlichkeit: Durch „Visionen, Glaube, Sehnsucht“. Zum Schluss wird das Lied „Stück vom Himmel“ bei aller Kritik zur großen Verteidigung der Religion: „Es sind Geschichten, die einen diese Welt… Nöte, Legenden… Es gibt Millionen Farben, und jede ist ihr eignes Rot.. Es gibt keinen Feind… die Erde ist freundlich…“ Konkret heißt es sogar hier: „Die Bibel ist nicht zum Einigeln“ und „Religionen sind zu schonen, sie sind für Moral gemacht“. Und damit ist klar, dass auch hier schon ein wenig Gefühl für Religion mitgedacht war: „Beschütze deine Seele vorm Ausverkauf“ (Kopf hoch, tanzen).
Zum Schluss seien noch zwei Besonderheiten genannt: Das Lied „Land unter“ lässt sich in seinen Vertrauens-Aussagen parallel zum Kirchenlied lesen: „So nimm denn meine Hände“ (Diesen Hinweis verdanke ich Marc Pauly, Jugendkirche Werl), und im Lied „Vollmond“ wird der Wunsch zur Begegnung mit einer verehrten Person in der Form eines Gebets vorgetragen, das zwar witzig, aber nicht religionskritisch gemeint ist: „Steh mir bei… leucht ihr ins Gewissen… mach mir den Heiligenschein“.
Die Lieder Herbert Grönemeyers sind mehr als Beispiele moderner Dichtkunst eines einzelnen Künstlers. Sie sind bis in die Sprache hinein dem „Volk aufs Maul geschaut“ und werden von tausenden Fans auf den Konzerten auswendig mitgesungen. Und nicht nur dort: Jedes Heimspiel des VfL Bochum beginnt mit dem Lied „Bochum“ von Herbert Grönemeyer. Es handelt sich um die dichterische Wiedergabe des Zeitgefühls, das den Glauben und die Religion sehr gut haben kann, wenn diese vom allgemeinen Leben im Alltag nicht abgespalten werden müssen. Ein oberflächlicher Glaube oder gar ein Missbrauch religiöser Sprache z. B. für politische Zwecke wird abgelehnt. Religion und Gefühl gehen zusammen. Sobald Religion einseitig rational wird, wird sie falsch. Religion ist ein Symbol für Liebe und so wird die Liebe auch ein Symbol für die Religion. „Fühl mich bei dir geborgen, setz mein Herz auf dich. Will jeden Moment genießen, dauer ewiglich. Bei dir ist gut anlehnen, Glück im Überfluss. Dir willenlos ergeben, find ich bei dir Trost.“ (Halt mich).

Sebastian Castellio hinterließ Freunde und Verehrer, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Peter Litwan: Arm, und doch reich, die ältesten Nachrichten über Sebastian Castellio, Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft, Band 4, Schwabe-Verlag Basel 2026, gebunden, 164 Seiten, ISBN 978-3-7965-5450-6 (print): 46,00 Euro

In der Reihe „Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft“ ist dieser 2026 erschienene Band erst die vierte Schrift. Die internationale Castellio Gesellschaft wurde 2017 gegründet (siehe: https://www.castellio.ch/aktivitaeten). Es ist offensichtlich an der Zeit, an einen Menschen zu erinnern, der sich gegen Verketzerung und für Toleranz Andersdenkender eingesetzt hat. Er wurde nach seiner Flucht aus Genf zunächst Mitarbeiter der Druckerei Oporin in Basel. Während die übrige Schweiz von Genf und Zürich aus bestimmt wurde, gehörte das ehemalig deutsche Basel zum Einflussbereich des oberdeutschen Luthertums (u. a. Bucer). Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam war inzwischen nach Freiburg ausgewandert. Castellio war ein bekannter Graecist und übernahm nach seiner Arbeit als Rektor in Genf in Basel den Lehrstuhl für Griechisch. Dass Friedrich Nietzsche über 300 Jahre später ein später Nachfolger Castellios war, wird an keiner Stelle erwähnt.

Die Schriften der noch jungen Internationalen Castellio Gesellschaft zeigen, dass das Thema Toleranz im Vordergrund steht. Dazu gehört natürlich die historische Aufarbeitung der Geschichte Castellios. In der Schriftenaufzählung wird hingewiesen, dass die ersten beiden Bände als PDF-Datei heruntergeladen werden können (https://www.castellio.ch/publikationen). Dabei wird selbstredend die Auseinandersetzung mit Calvin hervorzuheben sein, wie im zweiten Band. Der hier zu besprechende Band konzentriert sich eher auf biographische Grundinformationen über Sebastian Castellio. Darauf wird in dieser Rezension hauptsächlich einzugehen sein.

Der Gegenstand des Buches geht zunächst auf Castellio wenig ein, sondern stellt ein Buchprojekt des Druckers und Verlegers Johannes Oporin (1507-1569) vor. Das mehrbändige Buch heißt Theatrum vitae humanae und wird zunächst von Theodor Zwinger (1533 – 1588) herausgegeben, inspiriert vom Lateinprofessor Conrad Lycostenes (1518-1561), seinem Stiefvater, der inzwischen durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt war, jedoch über einige Vorarbeiten für das Mammutwerk verfügte, einer Art „who is who“.

Interessant ist, dass der Verleger Oporin hat eine Zuwendung von 1000 Talern vom Bergwerksbesitzer Weitmoser aus Gastein erhalten hat, um seine Buchprojekte zu realisieren (vgl. S. 16). Die erste Auflage des genannten Titels erschien 1565, die zweite, erneut neu gesetzt mit einem Namensregister 1571, die dritte nun auf 4373 Seiten angewachsen 1586. In der Baseler Universitätsbibliothek befinden sich ein Exemplar aus 1565, drei aus 1571 und eine Ausgabe von 1586 in vier Bänden. Nach einem Vergleich der Ordnungsschemata der verschiedenen Auflagen kommt das hier zu besprechende Buch auf Sebastian Castellio zu sprechen und bietet je einen synoptischen Vergleich zu den unterschiedlichen Nennungen Castellios im Theatrum vitae humanum. Nun werden in einem weiteren Kapitel die biografischen Informationen zusammengefasst. Insgesamt wird hierbei deutlich, das Castellio als gelehrt und engagiert erscheint, ohne eigenes Zutun in Armut geraten ist, sich aber durch Arbeit und Ansehen eine bescheidene Existenz aufgebaut hat.

Seine Umtriebigkeit, sein Streit mit Calvin, sein Protest gegen die Hinrichtung Servets als Ketzer und seine Toleranzschrift werden eher verschwiegen oder nur am Rand erwähnt. Auch der Prozess vor dem Baseler Rat, der durch seinen frühen Tod ohne Entscheidung bleibt, ist außen vor.

Ergänzt wird die Skizzierung seines Lebenslaufs, der den Savoyarden [n. b.. das Herzogtum bzw. Königreich Savoyer gehörte erst 1860 zu Frankreich, d. Rez.] über Genf nach Basel führte durch eine Behandlung seines Epitaphs, eines beschrifteten Grabsteins im Baseler Münster, der später ersetzt wurde. Ergänzt wird diese durch eine Erwähnung epitaphähnliche Gedichte als freundschaftliche Nachrufe auf Castellio. Alle diese Texte sind in diesem Buch zweisprachig Lateinisch im Original und ins Deutsche übersetzt.

Exemplarisch sei auf den ersten Satz des Epitaphs hingewiesen, auf Deutsch: „Iowa [sic; recte: Jehova, d. Rez.] dem besten und größten geweiht.“ (S. 75). Hierzu wird ein kleiner Abschnitt aus der dritten Auslage des Theatrum zitiert, die auf die Verwendung des Gottesnamens in der lateinischen Bibelübersetzung eingeht. Er ist damit über die Übersetzungspraxis Luthers und die Dogmatik Calvins hinausgegangen, die aus dem Glauben an Gott einen Herrschaftsbegriff herausgelesen hat (d.Rez., bei Luther: Der Herr; bei Calvin: l’Éternel. Instrumentalisierung des Gottesnamens zur dogmatischen Unterwerfung bzw. Autorität]):

„Die Juden haben den Namen Gottes mit den vier Buchstaben, der nicht ausgesprochen werden durfte, mit so viel Ehrfurcht begleitet, dass sie ihn niemals nannten, sondern an seiner Stelle als Elohim oder Adonai aussprachen … Als Erster in unserem Jahrhundert hat Sebastian Castellio die Gemüter von diesem Aberglauben befreit, der in seinen biblischen Schriften allenthalben den Namen „Jowa“ gebraucht hat, …“ (S. 63).

Sowohl das Epitaph als auch das Theatrum scheinen mit der Verwendung des Gottesnamens einen eigenen und besonderen Schwerpunkt der Arbeit Castellios als Übersetzer herausgegriffen haben, und damit gezeigt, dass nicht nur seine Ablehnung von jeder Verketzerung und seine Idee von Toleranz, sondern auch seine Bibelübersetzung zu einer streitbaren Person gemacht hat, die danach bis auf wenige Ausnahmen totgeschwiegen, von seinen Schülern und Anhängern aber verehrt worden ist.

Von der Einleitungswissenschaft zu exegetisch-theologischen Grundfragen, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Ursprungsparadigmen, ZNT – Zeitschrift für Neues Testament, Heft 55, 28. Jahrgang, Jan Heilmann, Susanne Luther, Michael Sommer (Hrsg.), Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2025, Paperback, ISBN 978-3-381-14051-0, Einzelheft 39,00 Euro (print)

Brückenschlag

Folgender Satz aus der Verlagshomepage weist auf das Ziel der Zeitschrift für Neues Testament hin, dem auch dieses Einzelheft verpflichtet ist: „Das Ziel der Zeitschrift ist der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Textauslegung und der kirchlich-schulischen sowie gesellschaftlichen Praxis, welchem auch die konzeptionelle Gestaltung der Zeitschrift dient.“ (https://www.narr.de/theologie/zeitschriften/znt/)

Dieses Heft stellt die Sachlage am Beispiel der Einleitungswissenschaft dar (Sachthema), von der verschiedene Konzepte zu Wort kommen. Im Prinzip geht es aber dabei um Hermeneutik, wie es im Editorial des Herausgeberkreises dargestellt wird. Exemplarisch sei ein Satz daraus zitiert: „Die Quellenlage selbst konfrontiert uns damit, dass die Ursprünge des frühen Christentums nicht objektiv übermittelt, sondern nur in (Re)konstruktionen greifbar sind.“ (S. 7)

Innovation durch Dialogbereitschaft

Die Einführung ins Thema bietet ein „Werkstattbericht“ des katholischen Theologen aus Münster, Wolfgang Grünstäudl, „Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht.“ (S.9-24). Was mit Innovation gemeint ist, verdeutlicht er an der Konzeptarbeit für „Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT)“ von 1944 bis 1961. Innovativ ist diese Arbeit durch ihre Dialogbereitschaft mit verschiedenen Kontexten von der Exegese bis zur Religionswissenschaft. In der Gegenwart wird die aus „sozialwissenschaftlicher Herkunft“ stammende „Netzwerkanalyse“ (s. S. 23) zu solchen zusätzlichen Aufgaben gehören. Dies wird hier leider nur in Andeutungen und Windungen am Beispiel des 1. Petrusbriefes gezeigt.

Verständnis für die Kanonentwicklung

Der Hauptteil wird durch drei Aufsätze mit verschiedenen Thematischen Schwerpunkten eingeführt. Sandra Huebenthal, Professorin für katholische Theologie in Passau und Prag, stellt vor „Einleitung weiter denken. Das Neue Testament als Familienalbum.“ (S. 25-45) Sie beklagt die starke Ausdifferenzierung der Fachdiskurse, die die Orientierung am Ganzen erschwert, wie sie auch Ziel der Einleitungswissenschaft ist. In der Orientierung am Kanon in Differenzierung und Einheit schlägt sie das Symbol des Familienalbums vor. Trotz ihrer Kritik an der Differenzierung schlägt sie eine weitere Kategorie für die Einleitungswissenschaft vor, die Kulturwissenschaft. Aussagekräftige Tabellen wie Vorstellung 22 „Deutschsprachiger Einleitungen seit 1983“ (S.38) oder „Aufteilung unterschiedlicher Frageperspektiven…“ (S.43) zeigt, wie die Autorin die gegliederte Weiterarbeit vorstellt. Die Textgruppen des NT werden ebenfalls chronologisch gegliedert in eine Tabelle eingetragen. Auf die Einbeziehung außerkanonischer Schriften geht sie nicht ein, da das Motiv Familienalbum vermutlich die Rolle der Schrift für die Kirchenentwicklung vorstellt, quasi als kanonischer Leitfaden.

Frage nach dem Ursprungsparadigma setzt bei der Textkritik an

Der zweite Artikel des Hauptteils geht auf die Frage der Textkritik ein (Jan Heilmann: Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung). Zunächst habe ich den Artikel beiseitelegt, weil mir die Konzentration auf die Einleitungsfragen eher an einem Ursprungsparadigma orientiert schien. Doch das Gegenteil ist der Fall, weil die Frage nach der Textproduktion, mit der sich die Edition und die Textkritik beschäftigt, an das Ursprungsparadigma der Textentstehung rührt. Hierzu schreibt Jan Heilmann, Professor an der TU Dresden (nach Robin Faith Walsh, siehe Anmerkung 54): „Die Annahme einer idealisierten einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebildeter Autoren zu verstehen, die in literarischen Netzwerken agierten.“ (S. 59)

Doch mehr Autoren als Redaktoren?

Von eben jener Robin Faith Walsh stammt der dritte Artikel des Hauptteils: Jenseits der Gemeinde. Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien.“ (S. 69-85) Sie ist Associate Professor für Neues Testament in Miami, USA. Der Artikel erscheint hier in deutscher Sprache, unter Mitübersetzung des Mitherausgebers der ZNT Jan Heilmann. Das Zitat aus dem vorgenannten Artikel bietet schon so eine Art Zusammenfassung.  Dazu nun einige illustrierenden Zitate. Zunächst: Wie konnte es dazu kommen, dass die Produkte von Schriftstellern als historische Gegebenheiten verstanden werden konnten? Hier schreibt Faith Walsh: „Wir wissen, dass griechische und römische Autoren routinemäßig phantasievolle paradoxographische oder topographische Beschreibungen ihrer Themen anbieten, um Wissen aus erster Hand zu suggerieren; bei den Evangelien werden diese Verweise (…) in gewissem Maße wörtlich genommen.“ (S.70f). Die Vorstellungen eines Textes präsentieren die persönliche soziale Realität der Autorinnen, ihre literarische Sozialisation und narrative Vorstellungskraft (vgl. S. 74). Nur durch die Theorie der mündlichen Überlieferung konnte die Qualität der Verfasser ignoriert und auf eine Traditionskette projiziert werden.

Fachlicher Dialog in der Einleitungswissenschaft

Die Anstöße dieser Artikel können nun im zweiten Hauptteil nachwirken, der sich der Einleitungswissenschaft selbst zuwendet. Udo Schnelle: „Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft“ (S.89-99) und Markus Vinzent „Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft“ (S. 101-113).

Die Einleitung, von denen Udo Schnelle eine vorgelegt hat, sortiert die Schriften des NT quasi chronologisch. Die Inbeziehungsetzung diverser Zitate bildet dann die Reihenfolge der Entstehung, z. B. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, er setzt … ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus…“ (S. 93) Markus Vinzent teilt etliche Überlegungen, betont aber, dass die Sammlungen eher als Ausgangspunkt eignen als die Einzelschriften. (vgl. S. 102) Am Ende des Artikels geht Markus Vinzent auf die Paulusbriefsammlung Marcions ein. Hier zeigt sich bereits, dass vier Deuteropaulinen erst im Nachhinein hinzugefügt worden sind. Die Kriterien dafür entstammen der sprachlichen Analyse.

Praktische Konsequenzen

Michael Sommer, „Geschichte und die Schulbücher“ (S.151-132) zeigt am Beispiel der Schulbücher, dass das Bild der Religionsentstehung als Ölbaum hier noch prägend ist. Das Bild entstammt dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Obwohl es für Dialog eintritt, zeigt es die Vorrangstellung des Christentums, da es die jüngeren Äste repräsentiert und die Äste eine getrennte Entwicklung aus einem gemeinsamen Ursprung zeigen. In neueren „Pasting of the ways“- Modellen wird deutlich, dass z. B. Judentum und Christentum sich mit ähnlichen Diskursen auseinandersetzen wie „Rolle der Thora, Messiaserwartung…“ usw. Dabei sind die Religionen einander näher als das heute manchmal erscheint (S.129, Anm. dazu: Daniel Boyarin,). Der letztgenannte Aspekt wird in der Rezension im „Buchreport“ Thomas Tops zu: „Jewish Christianity“ ebenfalls aufgenommen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ausgabe der Zeitschrift das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Die Spezialisten für die Entstehung des Neuen Testaments sind bemüht, die Entwicklung der Schrift als Ganzer zu würdigen. Dabei müssen vorherige, lange gültige Grundpositionen aufgegeben werden. Dementsprechend wird in den Untersuchungen manchmal zu vorsichtig agiert. Hier wäre aber gerade Klarheit günstiger, um nicht neue Fantasien entstehen zu lassen. Hier wäre ein neuer Adolf von Harnack kombiniert mit einer Prise Albert Schweitzer wünschenswerter.

 

Eine Christusvision in der Krise, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu Offenbarung 1,9-19                                      Letzter Sonntag nach Epiphanias 2026

Hinführung zur Lesung

Liebe Gemeinde,

heute am letzten Sonntag nach Epiphanias wird noch einmal ein richtiges Textfeuerwerk entzündet, um auch dem letzten zweifelnden Menschen klarzumachen: Gott ist zu unserem Heil erschienen. Der letzte Sonntag nach Epiphanias ist mit dem Evangelium von der Verklärung Jesu ein Vorgeschmack auf seine Auferstehung, bevor wir als Gemeinde die Passionszeit durchschreiten und den Weg des Leidens Jesu bis zum Tod am Kreuz mitgehen. Aber auch die anderen Lesungen des Sonntags stehen in der Bedeutung, wie Gott den Menschen erscheint, dem Evangelium in nichts nach. In der alttestamentlichen Lesung hör(t)en wir, wie G*tt sich Mose im lodernden Dornbusch offenbart, in der paulinischen Epistel (2. Korinther 4,6-10), dass das Licht Gottes und seine Herrlichkeit in uns sterblichen Menschen nur schwach aufleuchtet, damit wir selbst nicht zu Übermenschen werden und damit allein Gott göttlich bleibt. Epiphanias ist die Lichtexplosion schlechthin, weil hier Gott in seinem ewigen Licht und Glanz erscheint. Gott erscheint auch in unserem Predigttext als dieses göttliche Licht. Keine Finsternis kann ihm etwas anhaben. Nichts kann dieses Licht trüben. Kein Leiden hält es auf. Es erhellt alles. Alles wird klar und offenbar. Das Gute und das Schlechte. Die Schuld und die Liebe. Der Tod und das Leben. Es ist ein Mensch, der dieses Licht sieht. Und alle, die durch ihn dieses Licht sehen und es anschauen, d. h. sich dahinein versenken, bekommen Anteil an diesem Licht und können im Glauben – mögen Welt und Teufel auch toben – ihr Leben bestehen. Ich lese den Predigttext aus dem Buch der Offenbarung, aus dem ersten Kapitel, die Verse 9-18.

9Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 

10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

12Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Christus erscheint dem Seher Johannes

 

Liebe Gemeinde,

der Seher Johannes bekommt diese Vision des Auferstandenen geschenkt. Das Bild, das er vom Auferstandenen zeichnet, ist geprägt von seiner eigenen Bilderwelt. Wie anders sollte sich Gott uns zeigen als durch die „Brille“, die wir aufhaben? Denn ohne uns kann nichts von Gott in uns aufleuchten. Die Bilder, die hier Johannes vom Auferstandenen zeigt, mögen uns fremd sein, vielleicht sogar abschrecken, aber sie enthalten etwas sehr Wertvolles für unseren Glauben und für unser Gemeindeverständnis durch die Zeiten hindurch. Es ist der auferstandene Jesus von Nazareth, der unter den sieben namentlich im Predigttext aufgezählten Gemeinden gegenwärtig ist mit seiner Macht und Herrlichkeit. Die sieben Leuchter repräsentieren die sieben Gemeinden in Kleinasien. Es sind schlichte Ortsgemeinden, unter denen der Auferstandene lebt. Es ist nicht Rom, es ist nicht Byzanz, es ist nicht Alexandria. Es sind sieben Gemeinden aus teils unbedeutenden Städten oder Dörfern. In der Regel waren das Hauskirchen in der Ortsgemeinde. Dort haben sich eine Handvoll Christen versammelt und zu Christus gebetet. Wo eine Handvoll Christen beieinander sind und beten, da ist der Auferstandene Christus präsent, wie es schon das Evangelium nach Matthäus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(Matthäus 18,20) Diese kleinen Gemeinden waren in der Zeit, als der wegen seines Glaubens nach Patmos verbannte Seher Johannes seine Vision aufschreibt, selbst um ihres Glaubens willen bedroht. Von einem heißt es in der Offenbarung, er sei als Märtyrer gestorben. Es kostete unter Umständen das Leben, den eigenen Glauben zu bezeugen. Das ist bis heute in vielen Regionen der Welt nicht anders.

Versetzen wir uns einmal in die Lage eines Menschen, der wegen seines Glaubens an Jesus Christus bedroht ist, verfolgt wird oder gar um sein Leben fürchten muss, und hören wir aus seiner Sicht die Lesung noch einmal.

(Lesung erneut wie oben)

Welche Botschaft enthält die Vision?

 

Fürchte dich nicht. Diese drei Worte sind die frohe Botschaft. Hier dem Sinn nach nicht auf den einzelnen Menschen, sondern auf die sieben Gemeinden bezogen. Fürchte dich nicht, mag auch alles bedrohlich sein und mögt ihr nicht wissen, wie und ob es weitergeht. Fürchte dich nicht.

Ich habe die Macht, sagt der auferstandene Christus. Ich selbst bin der Schlüssel, denn ich habe den Tod überwunden und ich habe den Schlüssel zur Unterwelt. Da Christus selbst hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, hat er den Schlüssel des Totenreichs. Er hat das Totenreich geöffnet, so dass auch die Menschen am Heil teilhaben können, die vor seinem Kommen und seiner Auferstehung gelebt haben.

Erfahrungen mit Christus und neue Fragen

 

Ich weiß nicht, ob die christliche Lehre zur Zeit des Sehers Johannes schon in der Art fest ausgeformt war, wie ich es gerade beschrieben habe. Die großen christlichen Glaubensbekenntnisse wie das Apostolikum oder das Nizänum existierten noch gar nicht. Der Glaube als Lehr- und Dogmensystem war noch keine feste Orientierungsgröße für die Gläubigen. Sie lebten aus ihren Erfahrungen mit Christus und den Erfahrungen der Schwestern und Brüder der Gemeinde. Diese Erfahrungen versuchten sie zu deuten und einzuordnen: Entsprechen sie noch dem Geist Jesu oder eher nicht? Was führt weiter, was spaltet eher, was schenkt Orientierung, wenn der äußere Druck steigt? Was hilft, treu im Glauben zu stehen? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wie können wir Gott mehr gehorchen als den Menschen? Wie können wir uns dem Zugriff des Kaiserkults entziehen und allein Gott anbeten?

Mitten in diese Fragen und in ihre Bedrängnis hinein lesen die Gemeinden die Worte des Sehers. Das ist eine große Sache, sie hören und sehen bildlich, wie der Auferstandene zu ihnen spricht:

Fürchte dich nicht. Das ist Trost mitten in der Bedrängnis. Das ermutigt im Glauben treu zu sein und setzt Kräfte frei.

Fürchte dich nicht. Das ist Gottes Gegenwelt zur Ungerechtigkeit, ein Versprechen auf Heilung, eine Zusage von Frieden und Versöhnung, ein Abwischen aller Tränen, ein Versammeln aller Völker an einem Tisch.

Fürchte dich nicht. Das ist gegen den Tod gesagt. Gegen das Nichts. Gegen die Kälte. Gegen das Töten. Gegen die Einsamkeit. Gegen die Sorgen.

Fürchte dich nicht. Wo das geschieht, da erscheint Gott in seiner ganzen Herrlichkeit.

Herausforderungen als Ortsgemeinde heute

 

Liebe Gemeinde,

unsere Bedrängnisse, unsere Trübsale – heute nennen wir sie unsere Herausforderungen – als Gemeinde sind andere als die zur Zeit des Sehers Johannes. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Unterschiede oder die Parallelen aufzuzeigen. Ich möchte uns aber anregen, uns einmal vorzustellen, in was für einem Bild der Auferstandene Christus heute zu uns spricht. Was wäre seine Botschaft für uns? Vielleicht: Behaltet eure Kirchen; sie sind ein Fingerzeig für eine himmlische Wirklichkeit? Verabschiedet euch von der Kirchensteuer, sie bindet euch – wie vieles andere – zu sehr an den Staat? Duckt euch nicht weg in einer pluralistischen Gesellschaft? Öffnet eure Kirchen für die Menschen im Quartier? Steht für euren Glauben und für eure Werte ein, bewahrt alles Leben und folgt der Gewaltlosigkeit Jesu? Oder doch, greift zu den Waffen, geht mit Gewalt gegen das Böse vor, bevor die Tyrannen euch beherrschen? Schützt vor allen Dingen die Opfer, wenn nötig mit Gewalt?

Der auferstandene Christus erscheint uns in immer neuen Bildern, aber immer mit der Botschaft: Fürchte dich nicht. Seine Worte sprechen in unsere Situation hinein: Lydia-Gemeinde in Herzogenrath, sei nicht verzagt, auch wenn du dich fragst: Wie werden wir zukünftig mit weniger Pfarrpersonen auskommen? Welche Gebäude werden wir noch finanzieren können? Welche Gottesdienste noch feiern können? Welche Aufgaben noch ausführen? Dann erinnere dich daran, der Auferstandene ist mitten unter dir, der Engel der Gemeinde passt auf dich auf. Du musst das alles nicht aus eigener Kraft tun. Gott ist deine Quelle für das: „Fürchte dich nicht“ oder das: „Friede sei mit dir“, wie wir es uns gleich in der Mahlfeier zusprechen werden.

Literatur:

Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 4. Auflage 2020

Der erste Schritt ist wichtig für einen neuen Weg, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu: Apostelgeschichte 10, 21-36

 

  1. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

die lange Erzählung von Petrus Mission, wie er erkennt, dass Gott die Person nicht ansieht, dass Gott nicht unterscheidet in seiner Liebe, ob jemand Amerikaner ist, Russe oder Chinese, arm oder reich, gebildet oder ungebildet, Mann oder Frau oder alles dazwischen, gesund oder krank, ist aktuell.

Lukas, der auch das gleichnamige Evangelium geschrieben hat, findet in den Erzählungen über die jüdischen Apostel Worte, wie das Evangelium von Gottes Liebe in Jesus Christus allen Menschen und Völkern gilt. Nicht Abgrenzung, nicht Verkapselung, nicht identitäre Rückwärtsbewegung, nicht die Kriterien rein und unrein, kurz gesagt: Nicht menschliche oder kulturelle Grenzen markieren die junge christliche Bewegung, sondern die Einladung an alle, dazu zu gehören, zu denen, die „Gott fürchten und das gerechte Tun“ im Glauben an Jesus Christus.

Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel

Diese Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel, sie wird durchbuchstabiert. Mal geht´s einen Schritt vor, mal einen zurück. Wie im normalen Leben auch. Das ist tröstlich. In der Erzählung von Petrus hören wir davon, wie sein durch Gott gelenkter Weg, ein Lernweg ist allein dadurch, dass er sich auf den Weg macht. Von außen betrachtet scheint Gott wie ein verborgener Marionettenspieler die Fäden so zu händeln, dass sich Petrus und Kornelius begegnen. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten: Ein Jude und ein Römer. Dazu noch ein Zenturio der römischen Besatzungsmacht. Zwar ein frommer Mensch, aber einer vom ganz anderen Ufer, einer, der nicht dazu gehört. Das weiß doch jedes Kind.

Kornelius heißt er mit Namen. Das ist uns überliefert. In seinem Namen spiegeln sich bis heute Menschen wider, die religiös auf der Suche sind, die ihr bisheriges religiöses oder areligiöses Leben in Frage stellen. Sie suchen eine spirituelle Heimat. Für Kornelius war der Eine Gott wichtig und er wollte zu einer Gemeinschaft gehören, die anerkennt, dass auch er als Dazugekommener wirklich dazugehört, die volle Gemeinschaft mit dem Heiligen Gott und der betenden Gemeinde hat. Kornelius war von den Menschen anerkannt, aber er gehörte nicht dazu. Er gehörte nicht zu dem Gott, der ihn immer mehr anzog. Wer nicht dazu gehört, resigniert irgendwann. Kornelius aber bleibt dran. In seinem Gebet steht ein Mann vor ihm mit der Botschaft: Befehle Petrus zu holen. Kornelius weicht nicht aus, tut diese Stimme nicht ab, folgt ihr und bereitet sein Haus auf die Begegnung mit dem Jesusjünger Petrus vor. Sollte Gott ihm etwas durch Petrus sagen, was er noch nicht wusste?

Hier treffen zwei aufeinander. Da ist nicht einer der Wissende, der die Wahrheit gepachtet hat. Da werden Fäden gezogen und ein zartes Netz entsteht. Das ist ein Anfang. Ob er tragfähig ist? Das Neue kann nur entstehen, wenn es Menschen gibt, die dafür offen sind. Wir haben unsere Vorstellungen und Überzeugungen, die uns helfen zu leben und gleichzeitig hindern, uns ein anderes Leben und eine andere Ordnung vorzustellen. Wir fürchten das Chaos und aus Angst vor Veränderungen erstarren wir, halten krampfhaft am Alten fest.

Gottes Wege sind anders als unsere Vorstellungen

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Aber Gottes Wege sind ganz anders als unsere Vorstellungen. Es fällt uns immer wieder schwer, uns von dem zu lösen, was uns vertraut ist, was für uns von Kindesbeinen an selbstverständlich ist. Das haben wir so gelernt und das muss immer so bleiben. Ich glaube beide waren überrascht, Petrus und auch Kornelius, dass es einen neuen Weg gibt, einen bisher unbeschrittenen. Im Rückblick stellt sich alles klar und einfach dar, aber wenn wir einen Weg gehen, zumal einen geistlichen Weg, einen Weg wie wir zu einer neuen Gewissheit oder einfach zum Glauben kommen, ist dieser Weg alles andere als gerade und leicht, er ist verschlungen, zuweilen vernebelt, die Sicht ist versperrt und der Sinn, warum jetzt, warum hier bleibt uns verschlossen. Religion ist keine Mathematik und erst recht kein Algorithmus. Der Mensch braucht Religion, sonst besteht die Gefahr von anderen Göttern beherrscht zu werden. Religion ist die (allzu menschliche) Rückbindung an Gott, das Wunder wie an Fäden geführt zu werden und doch die Schritte selbst zu wählen.

Schauen wir etwas näher in die Erzählung hinein.

Unser Predigttext ist die Fortsetzung einer Geschichte um Petrus, der auf dem flachen Dach eines Hauses bei Tag träumt. In seinem Traum wird er mit dem konfrontiert, wozu er berufen ist: Altes loszulassen und Neues zu wagen. Der Geist Gottes macht ihn hellhörig. Er, Petrus, wird gesucht. Er soll zu den Menschen, die ihn suchen, herabsteigen. Der erste Satz unsere Erzählung heißt schlicht: „Da stieg Petrus herab.“ (Apg 10,21a) Das griechische Wort für herabsteigen (katabeino) bezeichnet nicht nur den räumlichen Weg des hinunter Gehens, sondern das Wort kann auch symbolisch verstanden werden. Petrus steigt nicht nur herab, er bewegt sich auf die Ebene der ihn aufsuchenden Nichtjuden, der römischen Gesandten. Er gewährt ihnen Gastfreundschaft und macht sich tags darauf mit ihnen gemeinsam auf den Weg zu Kornelius. Schon hier vollzieht Petrus den ersten Schritt zu einem Perspektivwechsel im Sinne seiner göttlichen Vision, das für Gott nichts unrein ist. Eine andere Sichtweise führt zu einem neuen Umgang miteinander und Verständnis füreinander.

 

Ein neuer Weg wird beschritten

Der erste Schritt ist wichtig, für so vieles.

Der neue Weg verändert Petrus und später auch Kornelius, noch aber weiß niemand, ob das Neue weitergeht oder nicht. Ist der Anfang ein Ende, eine Sackgasse, ein Irrtum (?) oder endet mit dem Neuen etwas Altes? Ist das ein Bruch, ein radikaler gar (?) oder zeigt sich im Neuen etwas, was sich bewähren wird, was wachsen wird, was Gutes hervorbringt?

Kornelius, das wird erzählt, ist so überwältigt, dass ihn Furcht und Zittern befällt. Die Botschaft des Engels ist wahr. Er wirf sich vor die Füße Petri und verehrt ihn anbetend. Dieser aber hebt ihn auf die gleiche Ebene und sagt schlicht: „Steh auf, auch Ich bin ein Mensch.“ (Apg 10,26) 

 

Bei dieser Szene kommt mir die Einführung eines Kollegen in Erinnerung. Dieser kniete sich bei der Einführung auf die nackten Fliesen im Altarraum. Als der scheidende Pfarrer ihm mit Handschlag gratulierte und sein Votum sprach, zog er ihn auf die Beine und sagte lapidar: Bei uns kniet man nicht…

Wie dem auch sei, wie immer wir unsere Ehrfurcht vor Gott ausdrücken, sie wird einen Ausdruck finden.

Als Petrus Kornelius Geschichte hört, wie Gott sich ihm gezeigt hat, fällt es Petrus wie Schuppen von den Augen. „Nun erfahre ich die Wahrheit, dass Gott die Person in Wahrheit nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist der Herr über alles.“ (Apg 10,34-36)

Petrus erzählt weiter. Er verkündigt das Evangelium. Der Heilige Geist fällt auf die Hörenden. Nichts hindert Petrus mehr daran Kornelius und sein Haus zu taufen. Jetzt gehört Kornelius sichtbar dazu: Zu Gott und der Gemeinschaft der Christinnen und Christen.

Liebe Gemeinde,

der Anfang hört nicht auf. Er geht über alle Grenzen hinweg weltweit weiter bis heute, wo Menschen den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, sich taufen lassen und Gott mit ihrem Leben loben und ehren.