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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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„Das ist keine Kirche“ Manifesta 16 Ruhr, Besprechung und Bericht, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Vorbemerkung:

Die Ausstellung teilt sich in zwei Projekte, einer Ausstellung von Kunst und Projektinstallationen in zwölf Kirchen des Ruhrgebiets die allesamt außer Dienst gestellt sind, aber noch als (Kirchen-)gebäude vorhanden. Hierzu ist ein Katalog erschienen, den ich hiermit vorstellen möchte:

Katalog und Begleitband

Dieses Buch erscheint anlässlich der Manifesta 16 Ruhr, der Europäischen Nomadischen Biennale, 21.06. – 04.10.2026, Hrsg. Von Manifesta 16 Ruhr, Koordiniert von Christoph Jehlicka, Anna Thornton, u. a. Verlag Kettler, Bönen, 1. Auflage August 2026, www.verlag-kettler.de, Paperbeck, 384 Seiten, ISBN: 978-3-98741-251-6 (print)

Hier nicht besprochen: Begleitband zu Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche. Urban Vision. Auch als Doppelband erhältlich.

Einleitung im die Präsentation

Die Ausstellung Manifesta (Biennale) ist zunächst unauffällig. Sie nutzt kein vorhandenes Ausstellungsgebäude, sondern zieht sozusagen in eine Region ein. Diese Ausstellungsräume sind in diesem Fall leer gefallene Kirchen oder von Schließung bedrohte. Damit ist zugleich ein Thema vorgegeben: Welche Räume könnten der Quartiersentwicklung dienen, ohne dass sie von vornherein bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließen. Doch die Frage sei erlaubt, ob dies auf ein Kirchengebäude zutrifft. Zu einem einladendem und  geöffneten Gebäude muss ein religiös geprägtes Gebäude erst noch werden: „Es besteht die Chance die vielfältigen Moleküle der künstlerischen Impulse aufzugreifen und zu Neuem zu verbinden, und so Kirchen in Räume zu verwandeln, durch die Nachbarschaften wieder zu Orten der sozialen Kohäsion werden – und die mit den Menschen vor Ort geplant und gelebt werden.“ (Prof. Dr. Reneé Tribble, TU Dortmund, S. 33)

Einige Kirchen der Ausstellung Manifesta 16 Ruhr sind noch sehr geprägt von der religiösen Nutzung, sind vielleicht noch gar nicht entwidmet, andere sind aufgegeben und stehen schon länger leer, sollen womöglich abgerissen werden, während wiederum andere vielleicht schon als soziale oder kulturelle Treffpunkte dienen. Für alle trifft zu, was Peter Köddermann schreibt: „… Kirchen besitzen etwas Numinoses. Gemeint ist damit: Sie strahlen etwas Geheimnisvolles aus, auch wenn sie nicht mehr zur Glaubensausübung genutzt werden … Sicher ist, die Gebäude (…) in der Hoffnung durch künstlerische Intervention in Szene gesetzt, erlebbar und wertvoller zu werden.“ (S. 35)

Die Reflektion darüber zeigt auch Projekte für die Umnutzung der Kirchen, die nicht mehr als religiöses Gebäude funktionieren, aber ein Umfeld bieten, in dem kommunikative oder kulturelle Angebote denkbar sind oder gebraucht werden. Das Projekt Manifesta 16 Ruhr lädt die Kunst dazu ein, Impulse für solche Prozesse zu geben. Im Folgenden soll ein persönlicher Rundgang durch die Ausstellung dokumentiert werden. Videoprojekte die nur vor Ort erlebbar sind, müssen dabei außen vor bleiben. Ich möchte noch ergänzen, dass meine Darstellung vom Konzept der Dekonstruktion geprägt sein wird. Ich nehme Impulse auf, setze aber auch kritische Beobachtungen dagegen. Manchmal müssen Dissonanzen ausgehalten werden. Kunst muss heute nicht mehr harmonisch oder schön sein.

Kulturkirche Liebfrauen Duisburg, ab S. 40.

Diese ehemalige katholische Zentralkirche in Duisburg ist seit 2011 Kunstzentrum. Etwas erstaunlich ist, dass im Untergeschoss ein schlichter Gottesdienstraum in Funktion ist.  Dann ist es schon etwas makaber, wenn im Treppenhaus das Schild hängt: „Das ist keine Kirche“.  Foto: Christoph Fleischer, 2026

Der Zentralraum im Obergeschoss bietet die Installation von Abbas Zahedi, London, geb. 1984, Orgelpfeifen mit Belüftungssystem „Ouranophobia 47051, 2026“. Diese Installation ist unüberhörbar. Dazu erklärt der Katalog: „Pfeifen der Orgel der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew – 2021 durch Brand zerstört- bilden die Grundlage für Zahedis Konstruktion.“ (S. 44), Foto s.o.

Zusätzlich sei noch eine Installation herausgegriffen, die einen Bezug zum Ort herstellt: Emil Walde, Düsseldorf, geb. 1991, hat alte Scheiben aus dem Umbau des Duisburger Bahnhofs abgezweigt, die entsorgt werden sollten. Im ehemaligen Kirchraum werden diese Scheiben den ursprünglichen Beichtstühlen zugeordnet, wodurch „intime Ecken der Ruhe und Besinnung“ entstehen. (S. 56), Foto: Christoph Fleischer, 2026

Markuskirche, Essen-Frohnhausen, ab S. 64

Die Markuskirche in Essen-Frohnhausen soll bald entweiht werden. Bis auf den Einbau der Ausstellung wirkt sie jedoch auffällig intakt. Architektonisch soll der Kirchsaal an ein Schiff erinnern. (vgl. Katalog, S. 67)

Augustas Serapinas, Vilnius, LT, geb. 1990, Pew Tower, 2026. Aus umgebauten vor Ort vorhandenen Kirchenbänken hat Augustas Serapinas einen begehbaren Turm gebaut. Vielleicht wäre dieser Turm auch als Kanzel geeignet, wodurch auch eine Rückkehr zur kirchlichen Nutzung denkbar wäre. In der Ausstellung dient dieser Holz-Turm dazu, den Raum anders wahrzunehmen. (eigene Deutung, Katalog, S. 76f) Fotos: Christoph Fleischer, 2026

 

St. Gertrud, Essen-City, ab S. 78

Diese Präsentation ist die erste (Kirche) der Manifesta, die ich besucht habe und die mich neugierig gemacht hat auf das gesamte Projekt.

Wer den ehemaligen Kirchsaal betritt, ist verblüfft über die Einbauten aus weißem Ständerwerk; dort befinden sich Nischen, die offensichtlich als Ateliers Verwendung finden (sollen). Darauf, dass hier ein offensichtlich grundlegendes Beispiel der räumlichen Umnutzung zu sehen ist, geht der Katalog nur ganz kurz ein. (Foto: Christoph Fleischer, 2026)

Zwei räumliche Installation greife ich exemplarisch heraus:

Donja Nasseri, Düsseldorf, geb. 1990, Mad Dogs, 2026. Mad Dogs ist eine skulpturale Installation an drei großen Halbkugeln…“, die im Inneren Lautsprecher enthalten. Im eigentlichen Foyer des oberen Bereichs dekorieren sie die bunten Glasfenster. (vgl. S.99), Foto: Christoph Fleischer, 2026

Nasan Tur, Berlin, geb. 1974, Elevation, 2026. Ehemalige Kirchenbänke werden vertikal im Raum aufgestellt. Diese Bänke sellen einen Raum dar, der „nicht von einer zentralen Instanz, sondern von vielen Menschen gemeinsam gestaltet wird.“ (vgl. S.105), Foto: Christoph Fleischer, 2026

St. Marien, Essen-Karnap, ab S. 106.

Diese mächtige moderne in Ziegelbauweise errichtete Kirche steht offensichtlich schon länger leer, da bereits Fenster durch Steinwürfe zerstört worden sind. Von außen erinnert die Kirche an einen Festungsbau, steht aber recht versteckt in einem Wohngebiet in Essen-Carnap.

William Engelen, Berlin, geb. 1964 mit Dagmara Genda: Unter der Orgelempore sind 148 Metallrohre aufgehängt, die abwechselnd angeschlagen werden können und damit einen Klangteppich verbreiten. Der leere Kirchenbau, einem sehr hohen Saal, kann als Klangraum erfahren werden. (vgl. S.110), Foto: Christoph Fleischer, 2026

Katharina Fritsch, Düsseldorf, geb. 1956, Birkenkreuz, 2026. Das weiße Holzkreuz kann in Beziehung zu den Buntglasfenstern gesehen werden. Das Kreuz Gedächtnis zurück. (vgl. S. 113-115). Foto: Christoph Fleischer, 2026

St. Josef, Gelsenkirchen-Ückendorf (ab S. 130)

Diese riesige neugotische Hallen-Kirche ist etwa 150 Jahre alt. Sie steht erstaunlicherweise in westlicher Richtung, nicht in Richtung Sonnenaufgang wie seit der Romanik üblich.

Curro Claret Marti, Barcelona, geb. 1968, This Is Not a Church Pew, 2026. Das Team hat mit einem Team Kirchenbänke auseinandergenommen und in neuen Konstellationen zusammengeschraubt.

Das Duo Barber Palacios, Valencia, geb. 1968, präsentiert einen ständigen Glockenklang in der gesamten Kirche.

Penique Productions, Möglich Unvorhersehbar, 2026. Sergi Arbusa, geb. 1987. Die Kirche St. Josef ist ausgeräumt und im Innenraum vollständig mit Plastikfolie ausgefüllt, die ständig mit Luft aufgefüllt wird. (Fotos: Christoph Fleischer, 2026)

Ergänzen möchte ich hier ein Projekt, dessen Ergebnisse in der Kirche St. Josef ausgestellt sind, im Katalog aber unter dem Kapitel „Communities und Bildung“ aufgeführt sind: Havin Al-Sindy, Kuli (Locust) 2026 (vgl. S.358ff). Gezeigt wird eine ca.2m große Heuschrecke, die an Stangen getragen werden kann. Schüler*innen der Gesamtschule Gelsenkirchen haben darüber hinaus tausende einzelne Heuschrecken aus Papier gefaltet, die an Fäden aufgehängt, einen Schwarm bilden. (Siehe Fotos von Christoph Fleischer, 2026)

Die folgenden Ausstellungsorte in Kurzfassung:

St. Anna – Hatay Engin Musikhalle, Gelsenkirchen-Schalke.

Schwerpunkt ist hier die Musik der Gastarbeiter*innen. Emre Abut hat eine Musikinstallation aufgebaut, die einen authentischen Höreindruck vermittelt.
Foto: Christoph Fleischer, 2026)

St. Bonifatius – Ferdane Satir Teegarten, Gelsenkirchen-Buer-Erle.

Neben der in Holzkästen angebauten Tee-Pflanzen sind hier die zahlreichen Gemälde auffällig, die im ehemaligen Kirchraum als Ausstellung gezeigt werden. Thema ist die Spannung zwischen der neuen und alten Heimat.

Beispiel: Merve Kaplan, geb. 1997: Yoldas, 2025. „Durch ihre räumliche Gestaltung schafft die Installation eine Übergangswelt…“ (vgl. S.192ff). Foto: Christoph Fleischer, 2026

Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegrten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025

Thomaskirche – Hava Gülec Wohnzimmer, Gelsenkirchen-Buer.

Textile Arbeiten stehen hier im Mittelpunkt, die im Gedenken an „Gastarbeiter*innen“ hergestellt wurden. Auch hier werden Kirchenbänke in Ausstellungsständer umfunktioniert.

Christ-König, Bochum.

Die erst 1932 errichtete Kirche wurde kriegsbedingt 1944 zerstört und dann bis 1957 wiedererrichtet. Möglicherweise war hier eine franziskanische Gemeinschaft, die Nähe zu Menschen der arbeitenden Bevölkerung gesucht hat.
Auffällig ist die Installation von Eva Kolatkova, Prag, geb. 1982 „When Animal Fall from the Sky. 2026. Der Boden ist dekoriert mit vom Himmel gefallenen Vögeln, meist schwarzen Krähen. Foto: Christoph Fleischer, 2026

St. Anna, Bochum.

Die Kirche steht in der Nähe des ehemaligen Stahlstandorts Stahlhausen.

Gethsemane-Kirche, Bochum.

Auffallend im Nachkriegsstil erreichtet leer gefallene Ev. Kirche.

St. Ludgerus, Bochum-Langendreer.

Die Turnhalle erinnernde Installation eingerichtet. Vielleicht könnte es daran erinnern, dass Kirchengebäude nach ihrer kirchlichen Nutzung auch dem Breitensport zur Verfügung stehen könnten oder als Kletterhalle funktionieren könnten.  Foto: Christoph Fleischer, 2026

Predigt vom Weinstock, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Predigt Jubiläumskonfirmationen 2026

 

Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegarten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Johannes 15,5

Liebe Festgemeinde,

in der Oberstufe belegte ich das Fach Erziehungswissenschaften. Wir lernten, wie sich ein Baby entwickelt und langsam die Welt zu begreifen lernt. Sie kennen das: Kleine Babys greifen nach allem, was Ihnen vor die Nase gehalten wird. Anfangs können sie nur etwas festhalten, später spielen sie damit, stecken sich alles mögliche in den Mund und lachen. Noch später werden sie ärgerlich, wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie begehren.

Gut in Erinnerung ist mir noch, wie die Lehrerin uns verschiedene Entwicklungs- und sozialwissenschaftliche Theorien der kindlichen Entwicklung vorstellte. Ein Name hat sich bis heute bei mir eingebrannt: Arnold Gehlen, ein Philosoph und Sozialwissenschaftler. Seine These:

Der Mensch ist ein Mängelwesen

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Das gilt besonders für Babys und Kleinkinder.

Das hat mich aufgebracht und ich protestierte. Der Mensch ist kein Mängelwesen. Er ist eine gute Schöpfung Gottes. Für meinen Glauben sind Babys bis zu aller erst ein Wunder, ein Geschenk. Und mit jedem Kind, das die Welt erblickt, wiederholt sich dieses Wunder. Das werden viele von Ihnen, die Sie sich heute an ihre Konfirmation erinnern und selbst Kinder bekommen haben, ähnlich empfunden haben. Und dieses Gefühl wird nicht alt. Es hat sich eingestellt und wird sich hoffentlich noch einstellen,

wenn das Leben, das durch Sie hindurchgegangen ist, wieder Leben gebiert. Die unter ihnen, die schon Großeltern sind, wissen wovon ich rede. Und die, die es noch nicht sind, dürfen sich wahrlich auf etwas Großartiges freuen. Ich sage immer: Die wahren Wunder des Lebens sind nicht größer als 50 cm.

Und natürlich ist so ein kleines Wesen bedürftig: nach Nahrung, nach Nähe, nach Wärme, nach Verlässlichkeit. Und Mutter und Vater schenken es ihm. Von Anfang an hängt unser Leben von anderen Menschen ab. Und am Anfang hängt es im wahrsten Sinn des Wortes von anderen ab. Und beim Menschen dauert die Abhängigkeit des Neugeborenen und später des Kindes und auch des Jugendlichen und inzwischen auch des jungen Erwachsenen sehr, sehr lange, bevor das Kind selbständig ist und das Leben ohne Hilfe bewältigt, gestaltet und seinen Platz in der Welt findet. Das meinte Arnold Gehlen mit seiner These: Der Mensch ist ein Mängelwesen. Er hat einfach das Leben beobachtet. Wie lange brauchen Vogeleltern oder andere Tiere für die Aufzucht ihrer Jungen und wie lange braucht der Mensch für die Aufzucht seiner Kinder? Der Unterschied ist gewaltig.

 

Was hat sich Gott dabei gedacht?

 

Was hat sich Gott dabei gedacht? Natürlich können wir nicht in Gottes Kopf hineinschauen, aber auch wir können beobachten und von unseren Erfahrungen berichten. Wir wissen, wie wichtig die Beziehung des Baby´s zu einer verlässlichen Bezugsperson ist. Nur über das persönliche Du findet das Kind zum Ich, zu einem Vertrauen zu sich selbst und in die Welt. Es geht also um Verbindung und Beziehung.

Unser Leben ist Beziehung. Und das hört nie auf. Das ist das Schöne und oft auch das Schwierige, weil wir uns immer selbst mitbringen. Mit unseren Sehnsüchten, mit unseren Übertragungen, mit unseren Verletzungen, mit unserem Bedürfnis nach Nähe, mit unserer Abwehr, mit unserer Scham. Aber auch mit unserer Lust, mit unserer Freude, mit unserem Sinn für Schönheit, mit unserer Liebesfähigkeit, mit unserem Glauben und der unbändigen Hoffnung, dass es gut wird.

Im Glauben geht es um Verbindung

Im Glauben geht es um Verbindung, Beziehung und Abhängigkeit. Es geht um die Verbindung mit Gott. Jesus ist in unserem Glauben das Du Gottes. Hier wird Gott sichtbar, erfahrbar und bekommt ein menschliches Antlitz.

Kein anderes Evangelium spricht derart intim von der Beziehung Jesu zu seinem himmlischen Vater und der Beziehung Jesu zu seinen Jüngerinnen und Jüngern  wie das Johannesevangelium. Es geht fast in jedem Wort Jesu um die Verbindung mit Gott und ihm. Dabei spricht Jesus oft in Bildern, die er der Natur entnimmt:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Eine Rebe kann nicht aus sich selbst sein. Sie wächst und reift nur in Verbindung mit dem Weinstock. Das sie verbunden ist mit dem Weinstock ist wichtig. Der Weinstock ist ihr Lebenselixier. Von dem Weinstock erhält die Rebe alles, was sie zum Leben braucht. Bricht die Verbindung zum Weinstock ab, vertrocknet die Rebe.

Im nächsten Satz überträgt Jesus das Bild des Weinstocks und der Reben auf die Beziehungsebene von Christus und Mensch. Hier geht es nicht um Trennung. Hier geht es um gegenseitige Durchdringung. Nicht als Selbstzweck, sondern es geht um die Steigerung des Lebens: um die Frucht. Auch wenn diese Worte mystisch klingen, zielen sie doch auf das konkrete Leben.

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“

 

Die Einheit mit Gott ist ein seltenes Erleben. Manche streben es an, andere bekommen es geschenkt. In meinem Studium diesen Sommer in Leipzig haben wir in einem Seminar jüdische Geschichten aus dem Talmud gelesen. Immer wieder ging es um Rabbis und ihr intensives Gebet, ihre Versenkung in Schriftverse und ihre Abkehr von der Welt. Auch wenn die Tradition ihr Streben nach Einheit mit Gott würdigt, wird doch geschaut, wie sie mit ihrer Frau, mit ihren Kindern und Kollegen umgehen.

Mystische Erlebnisse sind das eine, die Liebe aber ist das Kriterium. Das ist die Frucht. Wir können nicht mit Christus in Verbindung sein und gleichzeitig ein Leben ohne Liebe führen. Die Frucht, die von selbst reift und wächst, ist ein Leben im Geiste Jesu. „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“(Joh 15,12)

Und dann sagt Jesus den Satz gegen den wir uns als moderne Menschen mit Händen und Füßen wehren:

„Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Wir alle sind abhängig von Liebe

 

Was ist Religion? Was ist der Glaube?

Ist Religion ein Gefühl der „Abhängigkeit“ von Gott (Schleiermacher) und der Glaube gelebte Liebe?

Kehren wir zurück zum Anfang. Das Neugeborene ist abhängig von Bezugspersonen. Nur durch die Abhängigkeit wächst und reift es. Leben ist Verbindung und Beziehung. Das hält unser ganzes Leben an bis zuletzt. Und gerade, wenn unsere Kräfte weniger werden, merken wir, wie abhängig wir sind von den Menschen, die uns beistehen, begleiten oder gar pflegen.

Könnte es sein, dass viele Menschen in unserer modernen Gesellschaft einsam sind oder sich immer mehr zurückziehen, weil sie sich anderen Menschen nicht zumuten wollen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Sehnsucht nach Kontakt und Beziehung leben können? Sie scheinen Getriebene ihres Glaubenssatzes: Bloß keine Abhängigkeit.

Wir alle aber sind abhängig von Liebe, von Zuwendung, von miteinander reden. Ja, wir machen uns verletzlich, aber auch das gehört dazu. Ja, wir machen uns schuldig, aber auch das gehört dazu. Ja, wir bedürfen der Vergebung, aber auch das gehört dazu und wir müssen oft schmerzhaft lernen, dass es besser ist jemanden zu vergeben, damit wir nicht in Schuld verstrickt bleiben und der Groll uns innerlich zerfrisst.

Der Glaubende ist Gottes bedürftig

Der Glaubende ist Gottes bedürftig und er weiß darum. Das macht ihn nicht klein. Das macht ihn nicht groß. Das macht ihn frei. Frei zu lieben.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Das Leben ist ein Wunder

Sie schauen zurück auf ihr Leben. Viele Jahrzehnte liegen hinter Ihnen. Jahrzehnte des Werdens und Vergehens, von Anfang bis jetzt. Sie haben geliebt und sind geliebt worden. Sie haben es so gut gemacht wie sie konnten. Sie mussten mit sich selbst klar kommen, sich immer wieder anpassen und auch neu erfinden. Die Herausforderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft haben Spuren hinterlassen. Mitten in der Hoch-Zeit des Lebens ist kaum Zeit inne zu halten. Wie geht es Ihnen heute? Was spüren Sie? Ist da neben Wehmut auch Dankbarkeit für das, was Ihnen widerfahren ist, was Sie selbst gestalten und prägen durften? Dankbarkeit kann sich einstellen und sich in Ihnen ausbreiten, wie auch Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens und der Wunsch in Frieden versöhnt zu leben. Das Leben ist ein Wunder. Es ist so vielfältig wie die Frucht des Weinstocks. Der Wein, den wir kosten, hebt das Leben. Die ganze Fülle des Lebens ist darin verborgen.

Der du das Brot erkoren und den Wein,

um dich in Ihnen zu gestalten.

Nun fällt von dort geheimnisvoll ein Schein

auf jede Mahlzeit, die wir halten. (Manfred Hausmann)

Gleich beim Abendmahl schmecken wir das Brot des Lebens und trinken aus dem Kelch des Heils. Die Feier des Mahls weist in die Zukunft. In die Herrlichkeit Gottes, in die Gemeinschaft mit ihm. Leben Sie ihr Leben als Gesegnete froh und gestärkt weiter.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Edith Silbermann – Begegnung mit dem Autor Paul Celan, Rezension, Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

 

Zu: Edith Silbermann, Begegnung mit Paul Celan, Erinnerung und Interpretation, Rimbaud-Verlag Aachen, 2. Auflage 1995, Hardcover, 96 Seiten, ISBN: 3890868843, antiquarisch erworben, Preis beim Verlag 30,00 Euro, gebraucht um 10,00 Euro

Dieses antiquarisch erworbene Buch ist bemerkenswert. Mit Paul Celan habe ich mich vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Martin Heidegger beschäftigt. Doch ich lese seine Gedichte nicht mehr regelmäßig, habe sogar einige Bücher wieder über Momox zurückgegeben (vgl. Links am Ende des Beitrags).

Interessant ist das Buch in mehrfacher Hinsicht. Zunächst trägt es eine Widmung von Edith Silbermann selbst, „Iserlohn, den 18. 4.2000“, der „Empfängerin zur freundlichen Erinnerung“. Edith Silbermann, geborene Horowitz, ist 1921 geboren und starb 2008 in Düsseldorf. Besonders an diesem Buch ist, dass sie nicht einfach ein Leseexemplar signiert verschenkt hat, sondern dass es weitere persönliche Einträge enthält. Da sind zunächst Korrekturzeichen, so dass anzunehmen ist, dass sie das Buch seit 1996 als Korrekturexemplar vom Verlag bzw. vom Lektor erhalten hat. Ob die Zeichen zur Korrektur im gedruckten Text führten, kann ich nicht sagen. Auch ein Gedicht von Rose Ausländer wurde korrigiert. Dieser Abschnitt handelte nicht nur von der das Buchenland genannten Bukowina, heute im Westen der Ukraine liegend, sondern auch von Sadogara im Gedicht „Der Vater“ (R. A. S. 30). Aus „Distanz“ wird „Distanzen“ (S. 31). Über Paul Celan heißt es nach ihrer Korrektur: „Kennzeichnend für Celans Dichtung sind im Unterschied zu der seiner dichtenden Landsleute nicht bloß seine vielen Wortschöpfungen und Wortspiele der Gebrauch von termini technici, z. B. aus der Mineralkunde, sein Hang zu „Oxymora und Paradoxien“ anstelle „Hang zu Oxymoren“ (S. 20).

Das erste Kapitel ist überschrieben mit Paul Celan im Kontext „Brunnenland“ genannt (S. 7), eigentlich meint es aber „Buchenland“ (Bukowina).. In seiner Bukarester Zeit wurde aus seinem Nachnamen Antschel der Name Celan, wohl Tschelan gesprochen. In diesem ersten Artikel stellt Edith Silbermann die Gedichte Celans in den Kontext der rumänischen Umwelt, seinen ebenfalls dichtenden Freunden und der durch die Nazis einbrechende Katastrophe. Ein Teil der Bewohner von Czernowitz war deutschsprachig, für Celan die Muttersprache. Über allem liegt nun aber der Nebel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der viele jüdische Bewohner zum Opfer fielen.

Ergänzt wird dieser Aufsatz, der stärker literarisch geprägt ist, von dem mehr persönlichen Artikel „Erinnerungen an Paul Celan“ (S.41 – 70). Schon ganz zu Beginn des Artikels erzählt Edith Silbermann von der frühen Bekanntschaft mit der Familie Antschel und deren einzigem Sohn Paul. Hier erinnert sie auch, dass er getrocknete Pflanzen sammelte und botanisch sehr bewandert war, was (später) in seinen Gedichten auch zum Ausdruck kam.  Der Bericht enthält einige Schwarz-Weiß-Fotos von Paul Celan (Sommer 1938) und ihr (1939, S.46f), Edith Silbermann. Auf S. 50 berichtete sie von dem für sie unhaltbaren Vorwurf, die „Todesfuge“ sei von seinem Freund Immanuel Weissglas und seinen Berichten aus dem Lager inspiriert worden, und weist diesen Vorwurf zurück (S.50f). Auf Seite 53 findet sich neben einer leeren Buchseite das Foto einer Gruppe mit dem Originaltext „Edith Silbermann (2. von links) mit Freunden am Pruth (15.4.1938)“. Hier setzte sie den Nachnamen Silbermann in Klammer und schrieb „Horowitz“ darüber, was damals ihr Mädchenname war. Unten ergänzt sie handschriftlich: „Paul Antschel (Celan) rechts oben“. Sie ist auf diesem Bild recht eng mit einem anderen jungen Mann, von Celan eher distanziert, der evtl. das Foto mit dem Selbstauslöser gemacht hat. Irritiert bin ich, dass Sie auf dem S. 59 gedruckten Foto von ihr selbst (1940), handschriftlich mit „Horowitz, Edith“ markiert. Links S. 58 „Celan im Arbeitslager (1940)“.

Die restlichen Darlegungen berichten immer wieder von unrichtigen oder irrigen Berichten über Celans Zeit in Czernowitz und korrigiert sie mit eigenen Beobachtungen. Es gibt auch einen Text, den sie für pädagogische Einsätze in der Weihnachtszeit von Celan erhalten hat, ein Lied, das säkular von Weihnachten als einem nächtlichen Einsatz der Wichtel berichtet (u.a. Heinzelmännchen spähn nun durch die Ritzen…“ (S. 61, siehe Anhang am Ende).

Biografisch besonders wichtig ist ihre Notiz über Celans Rettung vor der NS_Verfolgung, der seine Eltern zum Opfer fielen: „Celan war im Sommer 1942, als seine Eltern deportiert wurden, nicht geflohen, sondern in weiser Voraussicht des Kommenden einfach von zuhause weggegangen. Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, die ich vor kurzem in Frankfurt am Main traf, erinnerte mich daran, dass er, als sich das Gerücht verbreitete, es würden wieder Aushebungen erfolgen, zunächst bei ihr Zuflucht gesucht hatte, es sich aber dann überlegte und zu mir ging, wo er sich offenkundig sicherer fühlte.“ (S. 64) Es folgt nun der Bericht, wie die Eltern in Transnistrien umkamen: „Der Vater erlag dem Typhus, die Mutter wurde durch Genickschuss ermordet.“ (S. 64)

Nach den klärenden Mitteilungen über ihren eigenen und Celans Werdegang berichtet Edith Silbermann über einen Briefwechsel in den sechziger Jahren. Einige Gedanken über Celans Suizid im Wasser der Seine in Paris am 20.4.1970 runden den (auto-) biografischen Bericht ab.

Im letzten Artikel „`Huhediblu` – Versuch einer Deutung“ (S.71-88) gibt es nur noch einige Korrekturzeichen der Autorin. Auf diesen Artikel, der eine sachkundige Deutung bietet, gehe ich in diesem Bericht über einen literaturgeschichtlichen Text jetzt nicht weiter ein. Edith Silbermann ist literaturwissenschaftlich sachkundig und bietet wichtige biografische Klarstellungen zu Paul Celan, zu dessen Werk es inzwischen einem ganze Bücherwand existiert.

Link: https://www.der-schwache-glaube.de/2019/03/16/werner-hamacher-zu-celan-rezension-christoph-fleischer-welver-2019 und andere

Gedicht S. 61:

Zwölf Uhr schlägst und alles, alles schweigt nun,
alles schweigt nun
und die Hitze in der Küche steigt nun
steigt nun, steigt nun
tipp tapp, tipp tapp, tippe tippe tipp tapp
tipp tipp tapp

Heinzelmännchen späht nun durch die Ritzen,
durch die Ritzen;
Nasen spitz und spitze Zipfelmützen,
Zipfelmützen,
tipp, etc.

Spähn sie sacht aus all ihren Verstecken,
dunkeln Ecken
huschen Schatten, die sie sehr erschrecken;
sehr erschrecken,

Was da alles war auf unsern breiten,
unsern breiten
Tischen voller, voller Süßigkeiten!
Süßigkeiten!

Um den Weihnachtsbaum, vor dem sie wachen,
staunend wachen,
läutet laut ihr Lied, ihr helles Lachen,
helles Lachen
tipp, etc.

Bis es Tag wird lärmt der tolle Reigen,
tolle Reigen:
Bis es tagt muß Ängstlichkeit schon schweigen,
ja muß schweigen,
tipp, etc.

Doch wird Tag, muß aller Reigen ruhen,
Reigen ruhen,
Zwergvolk stiehl sich fort auf leichten Schuhen,
leichten Schuhen,
tipp, etc.

(S. 61f)

 

 

Pressemeldung Stadt Iserlohn vom 18.8.2026, Stollenvortrieb für die Sanierung des Oestricher Baches schreitet voran

Aktuelle Informationen:  Stadt Iserlohn
18. August 2026,  Iserlohn
Iserlohn.
Für die Sanierung des Oestricher Baches kommen die Arbeiten am neuen Stollenvortrieb nach einer anspruchsvollen Anfangsphase planmäßig voran.

Wer derzeit an der Baustelle an der Lenne vorbeikommt, ahnt kaum, was sich wenige Meter unter der Oberfläche abspielt. Seit Mitte Mai wird dort in aufwendiger Handarbeit und mit viel technischem Know-how ein neuer Stollen im klassischen Vortriebsverfahren hergestellt. Mittlerweile ist der Stollen bereits rund zehn Meter lang und wächst Stück für Stück weiter in den Baugrund hinein.

Die Baugrube wurde unmittelbar am Flussufer hergestellt und bildet den Zugang zum Stollen. Trotz der beengten Platzverhältnisse wurde eine kompakte und funktionale Baustelleneinrichtung geschaffen, die den Vortrieb ermöglicht und gleichzeitig die Eingriffe in die Umgebung geringhält.

Wer den Stollen betritt, fühlt sich eher an ein Bergwerk als an eine gewöhnliche Tiefbaubaustelle erinnert. Tatsächlich erfolgt der Vortrieb in klassischer bergmännischer Bauweise, einem traditionellen Verfahren, das heute nur noch vergleichsweise selten zum Einsatz kommt, aber gerade unter den gegebenen Rahmenbedingungen seine besonderen Stärken ausspielt.

Die Stollensicherung besteht dabei aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen und Holzverzug, die an die örtlichen Baugrund- und Lastverhältnisse angepasst sind. Die einzeln angepassten Hölzer werden dabei in präziser Handarbeit Stück für Stück zwischen Baugrund und Stahlbögen eingebracht und sichern den Baugrund so unmittelbar nach dem Vortrieb. Dadurch entsteht die typische Stollenschale, die den Boden unmittelbar sichert.

Auch wenn das Verfahren auf traditionellen Prinzipien beruht, kommen moderne Hilfsmittel zum Einsatz. Ein elektrisch betriebener Kleinbagger unterstützt den Ausbau des Altbetons und kann direkt im Stollen eingesetzt werden.

Der beim Vortrieb anfallende Boden und Betonbruch wird über Loren aus dem Stollen transportiert und mit dem Kran aus der Baugrube gehoben – über denselben Weg, auf dem später auch die neuen Bauteile eingebracht werden.

Parallel zum Vortrieb wird das bestehende Beton-Kastenprofil zurückgebaut. Die Herausforderung besteht darin, dass der Rückbau innerhalb des neuen Stollenquerschnitts stattfindet. Dabei wird äußerst behutsam gearbeitet, um den umgebenden Boden nicht zu beeinträchtigen. Die Arbeiten erfolgen abschnittsweise, damit die Standsicherheit jederzeit gewährleistet bleibt. Der Rückbau des bestehenden Kastenprofils schafft Platz für das neue Bauwerk.

Anstelle des bisherigen Kastenprofils wird ein neues Kreisprofil eingebaut. Am Ende ersetzt ein Rohr aus glasfaserverstärktem Kunststoff das bestehende Kastenprofil. Sämtliche Maßnahmen wurden im Vorfeld mit der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises abgestimmt.

Der Stollenvortrieb zählt nicht zu den alltäglichen Baustellenverfahren. Gerade deshalb bietet das Projekt einen spannenden Einblick in ein Handwerk, das traditionelle Bauweisen mit moderner Technik verbindet. Wo oberirdisch nur eine überschaubare Baustelle zu sehen ist, entsteht im Untergrund mit viel Erfahrung, Präzision und Fingerspitzengefühl Meter für Meter ein neues Bauwerk.

Der Neubau des Bauwerkes war erforderlich geworden, nachdem im Herbst 2025 bei einer statischen Untersuchung der Gewässerverrohrung des Oestricher Baches ein partieller Einsturz festgestellt wurde.

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Der Blick aus dem entstehenden Stollen am Oestricher Bach in Richtung Ausgang.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Der Blick aus dem entstehenden Stollen am Oestricher Bach in Richtung Ausgang.


Mit einem Kleinbagger läuft der teilmaschinelle Abbruch innerhalb des Stollens ab.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Mit einem Kleinbagger läuft der teilmaschinelle Abbruch innerhalb des Stollens ab.


Die Stollensicherung besteht aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen sowie Holzverzug und wird in präziser Handarbeit eingebracht.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Die Stollensicherung besteht aus einem System aus Schwellen, statisch bemessenen Stahlbögen sowie Holzverzug und wird in präziser Handarbeit eingebracht.


Der anfallende Boden und Betonbruch wird über denselben Weg, auf dem später auch neue Bauteile eingebracht werden, abtransportiert.
© Echterhoff GmbH & Co. KG / Stadt Iserlohn

Der anfallende Boden und Betonbruch wird über denselben Weg, auf dem später auch neue Bauteile eingebracht werden, abtransportiert.


Exodus – Aufbruch in eine bessere Welt, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Sommerkirche am 9. August 2026 

in der Markuskirche Herzogenrath

Predigttext: Ex 14, 21-31

Liebe Gemeinde,

wenn ich Konfirmandinnen und Konfirmanden frage, was ihr Ziel im Leben ist, sagen immer einige: „Die Welt ein wenig besser machen.“ Das finde ich gut. Dahinter steht die Erkenntnis und auch die Erfahrung, dass wir in dieser einen Welt anders leben müssten: gerechter und auch friedlicher. Das „ein wenig“ zeigt an, dass die Jugendlichen ahnen, dass das gar nicht einfach ist. Aber sie tragen noch ein Stück Hoffnung in sich. Hoffnung, dass Veränderungen zum Besseren, zu einer menschlicheren Welt, möglich sind.

Exodus als Hoffnungsgeschichte

Die biblische Hoffnungsgeschichte schlechthin ist die Exodusgeschichte. Gott befreit sein Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Aus dem Land der Knechtschaft soll das Volk in das Land der verheißenen Freiheit aufbrechen. Das ist nicht nur eine Geschichte unter vielen. Es ist die Geschichte. Die Verheißung auf eine bessere Zukunft, auf eine bessere Welt. Das ist das Geschenk des Judentums an die Welt. Wo immer ein Volk und Menschen unterdrückt werden: Brecht aus diesen Verhältnissen aus. Wir können uns die Moderne gar nicht anders vorstellen, ohne die Energie und den Glauben an Veränderungen, die aus diesem Stoff kommt. Das die westliche Welt auf Zukunft ausgerichtet ist, steckt im Exodus des Volkes Israel und in seinem Glauben an den einen Gott, der geschichtlich handelnd gedacht und geglaubt wird, der mitgeht und begleitet.

Durch die wechselvolle Geschichte von Verlierern und Gewinnern, von Wissen und Erkenntnis, von Macht und Kriegen, bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen lebendig – gerade bei den Armen und Leidenden. Sie bleibt auch im Volk Gottes lebendig, wenn im Passahmahl an die Geschichte des Aufbruchs und der Befreiung durch Gottes rettende Tat erinnert wird. Auch wenn wir gemeinsam Brot und Wein teilen im Gedenken an die Rettungstat Gottes durch die Hingabe seines Sohnes. Wir haben kraft seiner Auferstehung Anteil am Exodus und können uns mit einer ungerechten Welt nicht abfinden.

Beschleunigung durch Digitalisierung und KI

Zum ersten Mal erlebt die Welt einen Modernisierungsschub durch Digitalisierung und KI, der rasanter verläuft als alle bisherigen technischen Entwicklungen, wie etwa 

die Industrialisierung mit ihren Verwerfungen im 18./19. Jahrhundert. Das durch KI beschleunigte globale Finanz- und Wirtschaftssystem wirbelt mehr Staub auf als eine Wüste an Sandkörnern hat. Lang geglaubte stabile Systeme wie die liberalen Demokratien geraten ins Wanken.Da wird nach starker Führung gerufen. Das Recht, besonders das internationale, wird untergraben. Die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auseinander. Die meisten Länder sind von ein paar wenigen abhängig. Eine neue Art von Kolonisierung. Schon jetzt gibt es Abgehängte und Millionen Verlierer. Der Verbrauch von Ressourcen übersteigt unsere Vorstellungskraft.

Die wenigen KI-Chefs lenken nicht nur Entwicklung und Datenströme, sondern konzentrieren Macht und Einfluss auf sich, gebären sich als Feudalherren einer neuen Weltordnung, wo sich der Mensch ganz der Maschine und ihren Interessen zu unterwerfen hat. Die Tec-Mogule erinnern mich an den Pharao, der seine Sklaven weiter unterdrücken und ausnutzen will. Das darf nicht so bleiben.

Zweierlei geschieht mit unseren Empfindungen. Auf der einen Seite spüren und ahnen wir die ungeheure Macht der KI selbst und auf der anderen Seite sehen und wissen wir um unsere eigene Abhängigkeit von sozialen Medien, und wir erleben von Tag zu Tag, wie KI unseren Alltag und unsere Kommunikation verändert. Die KI sitzt uns im Nacken – wie einst die Ägypter den Israeliten – und gleichzeitig haben wir noch keinen Weg als Menschheit gefunden, wie wir durch das Meer der Herausforderungen einigermaßen trockenen Fußes hindurchgehen können. Die Angst verschlungen zu werden, einfach nicht mehr mitzuhalten mit den Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren, die Gefahren der Manipulation, besonders unserer Kinder und Jugendlichen, aber auch ganzer Gesellschaftsgruppen, die hundertfach erzeugten Narrative, die die Frage nach Wahrheit relativieren, sind ja keine Hirngespinste, sondern Realität.

Ach, wäre doch da einer wie Mose, der seinen Stab hebt und ein Weg für die Menschheit tut sich auf, noch einmal der Gefahr entrinnen und sich ans andere Ufer retten, nicht ersäuft werden von der Flut der Informationen, von den Algorithmen, die wie Seeungeheuer unser begrenztes, fehlerhaftes und schönes Menschsein bedrohen.

Die Zeit der Helden ist vorbei

Liebe Gemeinde,

die Zeit der Helden ist endgültig vorbei, selbst wo die Heldengeschichte des Odysseus zur Zeit in den Kinos schon über eine Milliarde Doller eingespielt hat. Es braucht keine Helden. Es braucht uns alle. Es ist ja das Volk Israel, das hier durch das rote Meer zieht. Nicht ein Einzelner, sondern die Vielen – auf Gottes Verheißung hin. 

Ja, bevor sich eine Menge in Bewegung setzt, braucht es viel Ermutigung, Zuspruch und vor allem Vertrauen in sich selbst und den Glauben, dass Veränderungen möglich sind. Veränderungen, die wir vorher nicht für möglich gehalten haben.Mose resigniert nicht. Er vertraut Gottes Weisung. Darum lesen und hören wir heute die Exodusgeschichte. Der Blick in die biblische Geschichte und das Hören und immer wieder Hören, dass Gott Befreiung seines Volkes will und schenkt, soll uns doch selbst auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit und Frieden führen. Für das glaubende Volk Gottes ist der Blick in die biblische Geschichte ein Blick in Gottes Zukunft mit der Welt. Diese Zukunft wird Gott aber nicht per Mausklick oder durch Wunder schaffen, sondern durch uns. Wir sind gefragt. Wir tragen Verantwortung. Wir sind als Christinnen und Christen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Gottes neuer Weltordnung, die sich nicht an Machtherrschaft und Gewalt orientiert, sondern an das Gemeinwohl, an Gerechtigkeit und Frieden für alles Lebende. Dafür gilt es die Schutzlosen zu schützen, Übergriffe und Gewalt abzuwehren, um das Recht zu erhalten. Wir wissen, dass die Vollendung der Schöpfung nicht durch uns geschieht, aber wir dürfen in einer noch unerlösten Welt, in einer selbstsüchtigen, wo sich wieder einmal die Macht des Stärkeren durchsetzen will, dem Recht aufhelfen, wo immer wir können. Es gilt die Würde allen Lebens zu bewahren. Die Sünde mag mächtig sein und der Teufel mag wüten, die Gnade aber und unser Gott sind mächtiger. Die technisch aufpolierten Streitwagen der Ägypter, großartige Waffenkunst auf der Höhe der Zeit, wurden ausgebremst. Sie konnten nichts mehr anrichten. Wir sollten die Kriege und die Rüstungsindustrien ausbremsen, statt sie zu füttern. Sie sind unersättlich. Es ist ein Irrglaube, Sicherheit durch immer mehr und immer tödlichere Waffen herstellen zu können. Lernen wir stattdessen wieder die Sprache der Diplomatie und des Ausgleichs. Ohne Vertrauen und aufeinander zugehen, wird kein Rechtsbruch geheilt, wird es keine Friedensverträge geben.

Universalistische Rechtsentwicklung

Wir erinnern uns: Nach der Katastrophe von zwei Weltkriegen mit Millionen Toten wurden im 20. Jahrhundert die modernen Menschenrechte (1948) verabschiedet, das Völkerrecht (1945) neu gefasst mit dem Verbot von Angriffskriegen, die Genfer Flüchtlingskonvention (1951) verabschiedet, Abrüstungsvereinbarungen getroffen und vieles andere. Manche Theologen glauben und ich neige dem zu, dass Gottes Weltherrschaft, sein Regiment, wie früher gesagt wurde, sich in der Rechtsentwicklung zum Schutz aller Völker und Menschen abbildet. Einem Recht, das allen gilt, Freiheit ermöglicht, Grenzen der Macht entwickelt und vor allem die Würde des Menschen – und ich ergänze allen Lebens – schützt.

Ein anderes Beispiel: Die Sklaverei war über Jahrtausende ein ehernes Gesetz. Es war ein langes Ringen, dass die Sklaverei gesetzlich weltweit abgeschafft wurde. Oft standen dem wirtschaftliche Interessen entgegen. Die Mächtigen wollten es nicht. Es 

kam aber der Punkt, wo es zu einem gleichen Stand aller Menschen vor dem Gesetz kam. Für die Abschaffung der Sklaverei haben auch viele Christinnen und Christen beharrlich gekämpft. Sie wollten dieses Unrecht aus der Welt schaffen. Sie wollten, um es mit den Konfirmand:innen zu sagen, die Welt „etwas besser“ machen.

Doch richten wir den Blick wieder auf die skizzierte Herausforderung, wie wir als Menschheit und wir als Kirche einen Weg finden durch die rasante technische Entwicklung.

Enzyklika Magnificat humanitas

Ein Christ von heute schreibt über die Herausforderung mit der KI: „Wir sind aufgerufen, um über die große Baustelle unseres Zeitalters nachzudenken: Was bauen wir? Während die technologische Entwicklung Sprachen, Beziehungen, Institutionen und Machtformen rasch verändern, müssen und können wir Gläubigen…das großartige Menschsein, das uns als Gabe anvertraut wurde, bewahren und zur Geltung bringen.“ (MH 90)

Sie haben es sicherlich gemerkt. Diese Worte hat Papst Leo der IV in seiner ersten Enzyklika (Mai 2026): Magnifica humanitas aufgeschrieben. In seiner Enzyklika setzt sich der Papst im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz mit den globalen sozialen Verwerfungen, die Ausgrenzung der Armen und der Migrantinnen und Migranten und vor allem mit die Bewahrung der menschlichen Würde auseinander.

Er fordert Teilhabe, Transparenz und Kontrolle über die Entwicklung der KI-Systeme. Papst Leo unterscheidet Künstliche Intelligenz von menschlicher Intelligenz, generische Zahlen und Texte versus Erfahrungswissen. Er legt eine geistliche Beurteilung der KI vor, ohne wissenschaftsfeindlich zu sein oder naiv zu meinen, wir könnten das Rad zurückdrehen oder aufhalten. Der Papst ruft aber alle Menschen guten Willens auf, nicht nur die Gläubigen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, nicht zu resignieren trotz vieler Gefahren, sondern zu Handeln. Das Heft des Handelns als Menschheit in die Hand zu nehmen. Jetzt.

Ist er damit der heutige Mose für uns? Also doch wieder ein Held, der sagt, wo es lang geht? Alle ihm hinterher? Nein.

Nein, hier spricht nicht einer mit einem Wahrheitsanspruch für die Wissenschaft- Finanz- und Wirtschaftswelt, obgleich der Papst wirtschaftlich mehr Gerechtigkeit für alle Völker einfordert, er geht sogar an die Heilige Kuh des Eigentums und stellt Gemeinwohl über Privatbesitz.Hier spricht ein gläubiger Mensch, der für eine menschlichere Welt wirbt. Die Enzyklika wirbt für Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Das steht uns auch als evangelische Kirche gut zu Gesicht. Das entspricht der biblischen Exodus-Tradition. Das entspricht all dem, wie sich Gott gezeigt und offenbart hat, zuletzt in seinem Sohn. Statt der Kultur der Macht (Ägypten) sollen wir gemeinsam eine Kultur der Liebe Gottes leben. Voller vertrauen auf den Gott, der nicht aufhört seine Menschen und seine Schöpfung zu lieben, zu retten und zu befreien.

Aufbrechen und Verantwortung übernehmen

Um etwas zu ändern und zu bewirken braucht es Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Das ganze Volk Israel ging durch das rote Meer. Die Geschichte lehrt, dass es immer wieder vieler Menschen bedurfte, um Rechte zu erkämpfen und die Welt ein wenig besser zu machen.

Wir modernen Individualisten müssen auch wieder lernen, dass Gemeinschaft nicht vom Himmel fällt, sondern gelebt werden will. Sie entsteht, wenn jede und jeder sich einbringt und Verantwortung übernimmt. Auch wir Christinnen und Christen müssen wieder lernen zusammen zu rücken, dass wir uns als Volk Gottes erleben in einem säkularen Umfeld. Nur wenn wir gemeinsam aufbrechen, werden wir eine neue Gestalt unserer Gemeinden finden. Die Sommerkirche ist ein Teil davon. Schön, dass Sie gekommen sind. Wir wollen einander wahrnehmen, stärken und Gemeinschaft erfahren. Dazu gebe Gott seinen Segen.

Joachim Leberecht

Literatur:

Papst Leo der XIV: Die großartige Menschheit. Die Enzyklika »Magnifica humanitas« über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Mit einer Einführung von Godehard Brüntrup SJ, Patmos Verlag, 2026