… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.
wenn ich Konfirmandinnen und Konfirmanden frage, was ihr Ziel im Leben ist, sagen immer einige: „Die Welt ein wenig besser machen.“ Das finde ich gut. Dahinter steht die Erkenntnis und auch die Erfahrung, dass wir in dieser einen Welt anders leben müssten: gerechter und auch friedlicher. Das „ein wenig“ zeigt an, dass die Jugendlichen ahnen, dass das gar nicht einfach ist. Aber sie tragen noch ein Stück Hoffnung in sich. Hoffnung, dass Veränderungen zum Besseren, zu einer menschlicheren Welt, möglich sind.
Exodus als Hoffnungsgeschichte
Die biblische Hoffnungsgeschichte schlechthin ist die Exodusgeschichte. Gott befreit sein Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Aus dem Land der Knechtschaft soll das Volk in das Land der verheißenen Freiheit aufbrechen. Das ist nicht nur eine Geschichte unter vielen. Es ist die Geschichte. Die Verheißung auf eine bessere Zukunft, auf eine bessere Welt. Das ist das Geschenk des Judentums an die Welt. Wo immer ein Volk und Menschen unterdrückt werden: Brecht aus diesen Verhältnissen aus. Wir können uns die Moderne gar nicht anders vorstellen, ohne die Energie und den Glauben an Veränderungen, die aus diesem Stoff kommt. Das die westliche Welt auf Zukunft ausgerichtet ist, steckt im Exodus des Volkes Israel und in seinem Glauben an den einen Gott, der geschichtlich handelnd gedacht und geglaubt wird, der mitgeht und begleitet.
Durch die wechselvolle Geschichte von Verlierern und Gewinnern, von Wissen und Erkenntnis, von Macht und Kriegen, bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen lebendig – gerade bei den Armen und Leidenden. Sie bleibt auch im Volk Gottes lebendig, wenn im Passahmahl an die Geschichte des Aufbruchs und der Befreiung durch Gottes rettende Tat erinnert wird. Auch wenn wir gemeinsam Brot und Wein teilen im Gedenken an die Rettungstat Gottes durch die Hingabe seines Sohnes. Wir haben kraft seiner Auferstehung Anteil am Exodus und können uns mit einer ungerechten Welt nicht abfinden.
Beschleunigung durch Digitalisierung und KI
Zum ersten Mal erlebt die Welt einen Modernisierungsschub durch Digitalisierung und KI, der rasanter verläuft als alle bisherigen technischen Entwicklungen, wie etwa
die Industrialisierung mit ihren Verwerfungen im 18./19. Jahrhundert. Das durch KI beschleunigte globale Finanz- und Wirtschaftssystem wirbelt mehr Staub auf als eine Wüste an Sandkörnern hat. Lang geglaubte stabile Systeme wie die liberalen Demokratien geraten ins Wanken.Da wird nach starker Führung gerufen. Das Recht, besonders das internationale, wird untergraben. Die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auseinander. Die meisten Länder sind von ein paar wenigen abhängig. Eine neue Art von Kolonisierung. Schon jetzt gibt es Abgehängte und Millionen Verlierer. Der Verbrauch von Ressourcen übersteigt unsere Vorstellungskraft.
Die wenigen KI-Chefs lenken nicht nur Entwicklung und Datenströme, sondern konzentrieren Macht und Einfluss auf sich, gebären sich als Feudalherren einer neuen Weltordnung, wo sich der Mensch ganz der Maschine und ihren Interessen zu unterwerfen hat. Die Tec-Mogule erinnern mich an den Pharao, der seine Sklaven weiter unterdrücken und ausnutzen will. Das darf nicht so bleiben.
Zweierlei geschieht mit unseren Empfindungen. Auf der einen Seite spüren und ahnen wir die ungeheure Macht der KI selbst und auf der anderen Seite sehen und wissen wir um unsere eigene Abhängigkeit von sozialen Medien, und wir erleben von Tag zu Tag, wie KI unseren Alltag und unsere Kommunikation verändert. Die KI sitzt uns im Nacken – wie einst die Ägypter den Israeliten – und gleichzeitig haben wir noch keinen Weg als Menschheit gefunden, wie wir durch das Meer der Herausforderungen einigermaßen trockenen Fußes hindurchgehen können. Die Angst verschlungen zu werden, einfach nicht mehr mitzuhalten mit den Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren, die Gefahren der Manipulation, besonders unserer Kinder und Jugendlichen, aber auch ganzer Gesellschaftsgruppen, die hundertfach erzeugten Narrative, die die Frage nach Wahrheit relativieren, sind ja keine Hirngespinste, sondern Realität.
Ach, wäre doch da einer wie Mose, der seinen Stab hebt und ein Weg für die Menschheit tut sich auf, noch einmal der Gefahr entrinnen und sich ans andere Ufer retten, nicht ersäuft werden von der Flut der Informationen, von den Algorithmen, die wie Seeungeheuer unser begrenztes, fehlerhaftes und schönes Menschsein bedrohen.
Die Zeit der Helden ist vorbei
Liebe Gemeinde,
die Zeit der Helden ist endgültig vorbei, selbst wo die Heldengeschichte des Odysseus zur Zeit in den Kinos schon über eine Milliarde Doller eingespielt hat. Es braucht keine Helden. Es braucht uns alle. Es ist ja das Volk Israel, das hier durch das rote Meer zieht. Nicht ein Einzelner, sondern die Vielen – auf Gottes Verheißung hin.
Ja, bevor sich eine Menge in Bewegung setzt, braucht es viel Ermutigung, Zuspruch und vor allem Vertrauen in sich selbst und den Glauben, dass Veränderungen möglich sind. Veränderungen, die wir vorher nicht für möglich gehalten haben.Mose resigniert nicht. Er vertraut Gottes Weisung. Darum lesen und hören wir heute die Exodusgeschichte. Der Blick in die biblische Geschichte und das Hören und immer wieder Hören, dass Gott Befreiung seines Volkes will und schenkt, soll uns doch selbst auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit und Frieden führen. Für das glaubende Volk Gottes ist der Blick in die biblische Geschichte ein Blick in Gottes Zukunft mit der Welt. Diese Zukunft wird Gott aber nicht per Mausklick oder durch Wunder schaffen, sondern durch uns. Wir sind gefragt. Wir tragen Verantwortung. Wir sind als Christinnen und Christen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Gottes neuer Weltordnung, die sich nicht an Machtherrschaft und Gewalt orientiert, sondern an das Gemeinwohl, an Gerechtigkeit und Frieden für alles Lebende. Dafür gilt es die Schutzlosen zu schützen, Übergriffe und Gewalt abzuwehren, um das Recht zu erhalten. Wir wissen, dass die Vollendung der Schöpfung nicht durch uns geschieht, aber wir dürfen in einer noch unerlösten Welt, in einer selbstsüchtigen, wo sich wieder einmal die Macht des Stärkeren durchsetzen will, dem Recht aufhelfen, wo immer wir können. Es gilt die Würde allen Lebens zu bewahren. Die Sünde mag mächtig sein und der Teufel mag wüten, die Gnade aber und unser Gott sind mächtiger. Die technisch aufpolierten Streitwagen der Ägypter, großartige Waffenkunst auf der Höhe der Zeit, wurden ausgebremst. Sie konnten nichts mehr anrichten. Wir sollten die Kriege und die Rüstungsindustrien ausbremsen, statt sie zu füttern. Sie sind unersättlich. Es ist ein Irrglaube, Sicherheit durch immer mehr und immer tödlichere Waffen herstellen zu können. Lernen wir stattdessen wieder die Sprache der Diplomatie und des Ausgleichs. Ohne Vertrauen und aufeinander zugehen, wird kein Rechtsbruch geheilt, wird es keine Friedensverträge geben.
Universalistische Rechtsentwicklung
Wir erinnern uns: Nach der Katastrophe von zwei Weltkriegen mit Millionen Toten wurden im 20. Jahrhundert die modernen Menschenrechte (1948) verabschiedet, das Völkerrecht (1945) neu gefasst mit dem Verbot von Angriffskriegen, die Genfer Flüchtlingskonvention (1951) verabschiedet, Abrüstungsvereinbarungen getroffen und vieles andere. Manche Theologen glauben und ich neige dem zu, dass Gottes Weltherrschaft, sein Regiment, wie früher gesagt wurde, sich in der Rechtsentwicklung zum Schutz aller Völker und Menschen abbildet. Einem Recht, das allen gilt, Freiheit ermöglicht, Grenzen der Macht entwickelt und vor allem die Würde des Menschen – und ich ergänze allen Lebens – schützt.
Ein anderes Beispiel: Die Sklaverei war über Jahrtausende ein ehernes Gesetz. Es war ein langes Ringen, dass die Sklaverei gesetzlich weltweit abgeschafft wurde. Oft standen dem wirtschaftliche Interessen entgegen. Die Mächtigen wollten es nicht. Es
kam aber der Punkt, wo es zu einem gleichen Stand aller Menschen vor dem Gesetz kam. Für die Abschaffung der Sklaverei haben auch viele Christinnen und Christen beharrlich gekämpft. Sie wollten dieses Unrecht aus der Welt schaffen. Sie wollten, um es mit den Konfirmand:innen zu sagen, die Welt „etwas besser“ machen.
Doch richten wir den Blick wieder auf die skizzierte Herausforderung, wie wir als Menschheit und wir als Kirche einen Weg finden durch die rasante technische Entwicklung.
Enzyklika Magnificat humanitas
Ein Christ von heute schreibt über die Herausforderung mit der KI: „Wir sind aufgerufen, um über die große Baustelle unseres Zeitalters nachzudenken: Was bauen wir? Während die technologische Entwicklung Sprachen, Beziehungen, Institutionen und Machtformen rasch verändern, müssen und können wir Gläubigen…das großartige Menschsein, das uns als Gabe anvertraut wurde, bewahren und zur Geltung bringen.“ (MH 90)
Sie haben es sicherlich gemerkt. Diese Worte hat Papst Leo der IV in seiner ersten Enzyklika (Mai 2026): Magnifica humanitas aufgeschrieben. In seiner Enzyklika setzt sich der Papst im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz mit den globalen sozialen Verwerfungen, die Ausgrenzung der Armen und der Migrantinnen und Migranten und vor allem mit die Bewahrung der menschlichen Würde auseinander.
Er fordert Teilhabe, Transparenz und Kontrolle über die Entwicklung der KI-Systeme. Papst Leo unterscheidet Künstliche Intelligenz von menschlicher Intelligenz, generische Zahlen und Texte versus Erfahrungswissen. Er legt eine geistliche Beurteilung der KI vor, ohne wissenschaftsfeindlich zu sein oder naiv zu meinen, wir könnten das Rad zurückdrehen oder aufhalten. Der Papst ruft aber alle Menschen guten Willens auf, nicht nur die Gläubigen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, nicht zu resignieren trotz vieler Gefahren, sondern zu Handeln. Das Heft des Handelns als Menschheit in die Hand zu nehmen. Jetzt.
Ist er damit der heutige Mose für uns? Also doch wieder ein Held, der sagt, wo es lang geht? Alle ihm hinterher? Nein.
Nein, hier spricht nicht einer mit einem Wahrheitsanspruch für die Wissenschaft- Finanz- und Wirtschaftswelt, obgleich der Papst wirtschaftlich mehr Gerechtigkeit für alle Völker einfordert, er geht sogar an die Heilige Kuh des Eigentums und stellt Gemeinwohl über Privatbesitz.Hier spricht ein gläubiger Mensch, der für eine menschlichere Welt wirbt. Die Enzyklika wirbt für Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.
Das steht uns auch als evangelische Kirche gut zu Gesicht. Das entspricht der biblischen Exodus-Tradition. Das entspricht all dem, wie sich Gott gezeigt und offenbart hat, zuletzt in seinem Sohn. Statt der Kultur der Macht (Ägypten) sollen wir gemeinsam eine Kultur der Liebe Gottes leben. Voller vertrauen auf den Gott, der nicht aufhört seine Menschen und seine Schöpfung zu lieben, zu retten und zu befreien.
Aufbrechen und Verantwortung übernehmen
Um etwas zu ändern und zu bewirken braucht es Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Das ganze Volk Israel ging durch das rote Meer. Die Geschichte lehrt, dass es immer wieder vieler Menschen bedurfte, um Rechte zu erkämpfen und die Welt ein wenig besser zu machen.
Wir modernen Individualisten müssen auch wieder lernen, dass Gemeinschaft nicht vom Himmel fällt, sondern gelebt werden will. Sie entsteht, wenn jede und jeder sich einbringt und Verantwortung übernimmt. Auch wir Christinnen und Christen müssen wieder lernen zusammen zu rücken, dass wir uns als Volk Gottes erleben in einem säkularen Umfeld. Nur wenn wir gemeinsam aufbrechen, werden wir eine neue Gestalt unserer Gemeinden finden. Die Sommerkirche ist ein Teil davon. Schön, dass Sie gekommen sind. Wir wollen einander wahrnehmen, stärken und Gemeinschaft erfahren. Dazu gebe Gott seinen Segen.
Joachim Leberecht
Literatur:
Papst Leo der XIV: Die großartige Menschheit. Die Enzyklika »Magnifica humanitas« über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Mit einer Einführung von Godehard Brüntrup SJ, Patmos Verlag, 2026
Ein Erfahrungs- und Reflexionsbericht von Joachim Leberecht
Einleitung
In meinem Erfahrungs- und Reflexionsbericht gehe ich exemplarisch auf belegte Übungen, Seminare und Vorlesungen ein. Auch fließen außeruniversitäre Erfahrungen wie der Besuch von Gottesdiensten in meinem Bericht mit ein. Andere belegte Fakultätsveranstaltungen sind nicht minder berichtenswert, jedoch würde eine ausführliche Besprechung den Rahmen des Berichts sprengen. Gleiches gilt für gelesene Literatur, Erstellung von Seminarprotokollen etc. Die belegten Veranstaltungen werden am Ende aufgezählt. Das Studium hat mich theologisch bereichert und Anregungen für meine Praxis und Grundsatzüberlegungen für gegenwärtige Prozesse auf gemeindlicher und übergemeindlicher Ebene angestoßen.
Gottesdienst
Liturgisches Handeln
Begonnen habe ich mein Kontaktstudium mit dem dreitätigen ökumenischenFachgespräch des Instituts für Wissenschaftliche Liturgie (IWL) der VELKD in Leipzig über das Thema Agende. Inhaltlich fortgesetzt wurde die Thematik praktisch theologisch in der im Sommersemester belegten Übung: GrundformenLiturgischen Handelns. Diese Übung mit den Studierenden hat mir methodische Impulse für die Ausbildungskurse für Lektorinnen und Lektoren im Kirchenkreis Aachen gegeben, die ich gemeinsam mit einer Prädikantin als Synodalbeauftragte durchführe. Besonders wertvoll war hier die Anregung, das Gottesdienst-Buch stärker in die Kurse miteinzubeziehen. Exemplarisch habe ich daraufhin Einheiten der Lektorenschulung überarbeitet.
KI und Liturgie
Ein weiteres Blockseminar beschäftigte sich mit KI und Liturgie. Da es als Zoom-Format konzipiert war, konnten kirchliche KI-Experten uns mit ihrer Expertise in KI-Welten und KI-Praktiken hineinnehmen. Praktische Übungen und Reflexion der Praxis haben Chancen und Grenzen der KI-Nutzung gezeigt. Auch ethische Fragestellungen, wie etwa Nutzung von Energieressourcen und Ausbeutung von Arbeitskräften im kolonialen Stil kamen zur Sprache. Die Frage um Nutzung von KI zur Vorbereitung von Gottesdiensten war für mich neu, ich merke aber, wie für viele jüngere Menschen das Werkzeug KI selbstverständlich auch zur Vorbereitung von Predigten und Gebeten gehört. Was das für die Ausbildung von Prädikant:innen und Lektor:innen bedeutet, aber auch insgesamt für die Vorbereitung von Gottesdienstfeiern und Verkündigung, sollte aufmerksam und theologisch kritisch begleitet werden. Meine eher intuitive Zurückhaltung KI als Werkzeug für die Gottesdienstvorbereitung zu nutzen, liegt an meiner eingeübten Handlungskompetenz. Ich bin gespannt, wie sich KI in Forschung und Praxis von kirchlichen Handlungsfeldern als Werkzeug entwickeln wird.
Enzyklika
Während meiner Studienzeit hat Papst Leo XIV. die Enzyklika „Magnifica humanitas“ veröffentlicht. Die Enzyklika pocht auf die Bewahrung des Menschlichen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Die Auseinandersetzung mit der Enzyklika bereichert das Feld der christlichen Ethik und Wahrnehmung der Welt. Der christliche Glaube hat der Welt immer noch und gerade mit seinem Menschenbild wesentliches zu sagen. Mit viel Respekt und verbunden in gemeinsamer Glaubenstradition begleite ich aufmerksam die Äußerungen des Papstes zu Frieden, Bewahrung von Schöpfung und Menschlichkeit, wie zuletzt bei seinem Besuch auf Lampedusa und sein Eintreten für Migrant:innen in einem Europa, das sich zunehmend abschottet. Für mich ist die öffentliche Stimme des Papstes zu ethischen Fragen, geprägt von einem christlichen Menschenbild und dem Evangelium Jesu Christi, eine Stärke des globalen Katholizismus in gegenwärtigen Transformationsprozessen.
Gottesdienste in Leipzig
Die Gottesdienstvielfalt in Leipzig ist atemberaubend. Besonders ist hier das wöchentliche Angebot von Motetten und Kantaten in der Nicolai- und Thomaskirche zu nennen. Die kirchenmusikalische Qualität nicht nur hier, sondern auch an den Rändern Leipzigs, ist meiner Wahrnehmung nach in Deutschland einzigartig. Das habe ich genossen. Allein das einwöchige Bachfest kam mit einem Tagesprogramm von Angeboten wie ein Kirchentag daher. Der Gottesdienstbesuch, nicht nur bei den überregional ausstrahlenden Innenstadtkirchen, ist sehr hoch. Nimmt der Gottesdienstbesuch in unserer Region dramatisch ab, scheint er in Leipzig stabil zu sein. Bekanntlich hat Sachsen prozentual gesehen den höchsten Gottesdienstbesuch mit 5,6% sonntäglicher Beteiligung der Kirchenmitglieder aller Landeskirchen. Auffällig waren für mich auch die vielen Erwachsenentaufen in den Gottesdiensten. Es verging kaum ein Gottesdienst, wo nicht eine Erwachsenentaufe stattfand. Trotz intensiver und sozialistisch forcierter Säkularisierung in der ehemaligen DDR, hat sich die Kirchenmitgliedschaft auf 15% – 18% (ev. u. kath.) der Bevölkerung in den östlichen Bundesländern eingependelt. Vielleicht langfristig eine Kennzahl für die Kirchenmitgliederzahlen im deutschen Sprachraum? Die erhöhten Taufbegehren führen nicht unbedingt zu einem Anstieg der Kirchenmitglieder insgesamt, aber zu bewussten und auch nachhaltigen Konversionen mit hoher Bereitschaft, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Noch nie ist mir im Westen auf die Mitteilung, dass ich Pfarrer sei, wie hier geantwortet worden: Ich bin auch Christin/Christ. Das ist nicht nur einmal geschehen. Es gibt hier eine Art der Frömmigkeit und Kirchenzugehörigkeit, die ich aus dem Rheinland nicht kenne. In einigen Gemeinden knieen sich Menschen beim Empfang des Abendmahls auf die nackten Fliesen und empfangen das Brot oral. Ein besonderer Ausdruck der Kommunion mit Gott. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden, die sich weit der Kultur und der Stadt öffnen und ihre großen alten Kirchen für Wave-Konzerte und andere Events öffnen. Bei den Theologiestudierenden gibt es neben liberalen auch ultra-konservative Einstellungen, wie zum Beispiel die Ablehnung der Frauenordination. Das hat mich irritiert. Wenn ich jedoch zurückschaue mit welchen theologischen Voreinstellungen ich begonnen habe Theologie zu studieren, lässt mich das dieses Phänomen etwas milder betrachten. Wichtig scheint mir, dass die theologische Auseinandersetzung in hermeneutischen Fragen im Studium stattfindet und nicht ein Zurückziehen in die eigene theologische Blase. Dann kann das Studium fruchtbar sein und zu Reflexionen der eigenen Überzeugung beitragen. Oder spiegeln sich in der Ablehnung der Frauenordination gesellschaftliche Strömungen, die auf ein rückwärtsgewandtes Männerbild setzen und ihrerseits ein Symptom von verunsicherten männlichen Identitäten sind?
Außer Taizé-Gottesdiensten und einem Ökumenischen Stadtgottesdienst sind mir hier keine Gottesdienste in anderer Form begegnet. Das scheint daran zu liegen, dass die klassischen lutherischen Gottesdienste mit ihrer Liturgie und der Kirchenmusik genug Kraft haben, Gottesdienstbesucher:innen zu binden. In einigen Gottesdiensten war die Anzahl von jungen Familien höher als die der älteren Generation. Es ist hier gang und gäbe, dass Kinder vor der Predigt den Kirchraum verlassen und eine eigene Katechese erhalten. Alles recht traditionell, aber hier funktioniert noch, was sich manche engagierten Gemeindemitglieder auch für unsere Gottesdienste und ihre Kinder wünschen, weil sie es so in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben oder auch in Freikirchen als Praxis kennen. Wo selbst der wöchentliche Kindergottesdienst im Rheinland kaum noch gefeiert wird, sondern sich andere Formate entwickelt haben, wird eine Praxis wie in Leipzig ins Leere laufen.
Auch die jüdische Gemeinde feiert regelmäßig ihre Schabbat-Feiern und Gottesdienste in einer den Krieg überstandenen, da in einer Häuserzeile integrierten, heute restaurierten Synagoge in der Innenstadt. Es war für mich eine Freude mit Kommiliton:innen an einer Schabbat-Begrüßung teilzunehmen. Der Rabbi gab uns eine Einführung in die Gemeinde und in die Liturgie. Da viele säkularisierte Juden aus Russland zur Gemeinde gehören, sieht der Rabbi seine Aufgabe darin, diesen Teil der Gemeinde in die Liturgie zu integrieren. Ein in Umschrift des Hebräischen herausgegebenes Gebets- und Gesangbuch mit vielen Psalmen und deutschen Texten ist dabei eine Hilfe. Die inbrünstige und leibbetonte Feier, das tranceartige Beten, das Umschalten von heilig zu profan während der Feier, die bewegte Gemeinde einschließlich der Kinder, waren ein lebendiges Zeugnis jüdischer Gottesdienstfeier. Kulturell beteiligt sich die Jüdische Gemeinde mit vielen Institutionen an der Jüdischen Woche, die sich unmittelbar an die Bachwoche anschloss.
Fragen an unsere Gottesdienstpraxis
Aus der Erfahrung der Schabbat-Begrüßung stellt sich mir die Frage, wie wir die liturgischen Schätze unserer Tradition weiter pflegen können, zumal der Gottesdienstbesuch abnimmt und damit auch eine mit der Liturgie vertraute Gemeinde. Bei aller Vielfalt der Zielgruppengottesdienste braucht es so etwas wie einen liturgischen Kanon und eine hohe liturgische Kompetenz, die andere Gottesdienstformate mitprägt und liturgisch gestaltet. Nur wer liturgischen Formen verinnerlicht hat, kann sie freier handhaben. Grundsätzlich müssen wir uns als Gottesdienstverantwortliche fragen: Ist die liturgische Schwelle unserer Agenden-Gottesdienste zu hoch? Produzieren unsere niedrigschwelligen Gottesdienste nicht eine Liturgievergessenheit, die schwer wieder einzufangen ist? Was ist ein Gottesdienst? Was ein Event? Was gibt es zu gewinnen? Was gibt es zu verlieren? Was verbindet? Wie werden unsere Gottesdienste emotionaler, ohne liturgisch zu verarmen? Oder anders gefragt: was hilft in der Moderne, Liturgie emotional zu erleben?
Nutzung und Rückbau von kirchlichen Gebäuden
Positiv überrascht und hoffnungsvoll für die Transformation unserer kirchlichen (Bau)-Landschaft bin ich, wenn ich sehe, wie vielfältig kirchliches Leben bei 15% des Bevölkerungsanteils in Leipzig ist. Zu bedenken ist allerdings, dass der kirchliche Gebäudebestand nicht derart überdehnt war wie bei uns. Ab den 60er bis weit in die 80er Jahre hinein musste ja jeder Pfarrer (hier bewusst männlich) in jedem Bezirk ein Gemeindehaus bauen. Es ist auch zu überdenken, wie viele Kirchen wir im Prozess des Rückbaus planen abzureißen, weil sie nicht mehr frequentiert sind oder nicht treibhausgasneutral benutzt werden können. Auch in Leipzig waren Kirchen im vierzigjährigen sozialistischen Dornröschenschlaf versunken, wurden fremdgenutzt oder von der Kirche wegen Geldmangels nur minimal in Schuss gehalten. Die Gemeinden haben sich aber diese Kirchen nach der Wende wieder als ihre Gottesdienststäten zurückgeholt. Das ist erstaunlich. Gefeiert wird auch in einer alten, kalten und nicht sanierten Kirche. Wir sind verwöhnt und haben zu hohe Ansprüche, nebst zu vieler Auflagen durch unsere Landeskirche und die staatliche Gesetzgebung. Das mindert Eigeninitiative und Neuaufbruch. Viele Kirchen in Leipzig haben einen Lost-Place-Touchund repräsentieren gerade dadurch das wandernde Gottesvolk und die Fragmentarität allen Lebens. Vor einem Abriss einer Kirche sollten wir in unserer Region und in der Landeskirche überlegen, ob der Schritt wirklich unausweichlich oder nur dem Zeitgeist geschuldet ist. Auch für die Identität eines Quartiers oder eines Dorfes sind Kirchbauten, auch wenn sie gottesdienstlich nicht mehr genutzt werden, von hohem Wert. Sie bleiben ein Fingerzeig für die himmlische Dimension der menschlichen Existenz.
Religionssoziologie
Außer den Berichten und Analysen zu den diversen KMU habe ich mich vor meinem Kontaktstudium noch nicht ausführlich mit Religionssoziologie beschäftigt. Neben dem Judentum ist Religionssoziologie an der Evangelischen Fakultät in Leipzig ein Schwerpunkt in Forschung und Lehre. Der Besuch der Vorlesung „Religion in Deutschland und Europa“ hat eine gute Übersicht und Einführung in religionssoziologische Fragestellungen vermittelt. Die grundlegenden religionssoziologischen Modelle von Säkularisierungstheorie, Individualisierungstheorie und Marktmodell wurden mit ihren namhaften Vertreter:innen vorgestellt und diskutiert. Laut den neuesten Zahlen ist weltweit ein Rückgang von Zugehörigkeit zur christlichen Religion zu verzeichnen. Selbst in Regionen, wo das charismatische oder das evangelikale Christentum stabil sind oder leicht wachsen (wie in den USA und Brasilien), gibt es insgesamt (langfristig) weniger Gläubige. Auffallend ist der Unterschied zwischen dem europäischen, eher liberalen, und dem nordamerikanischen, eher konservativen Christentum, wobei natürlich Europa sehr heterogen ist. Bilden Tschechien und die Niederlande die Spitze der säkularisierten Staaten, liegt z.B. Deutschland (hier großer Unterschied zwischen West und Ost) eher im oberen Mittelfeld bei der Religionszugehörigkeit seiner Bevölkerung. Ferner ist zu beobachten, dass ein eher konservatives konnotiertes Christentum (wie in den USA) vielfach organisiert in selbständigen Gemeinden stabiler ist als große religiöse Institutionen wie die katholische Kirche oder die evangelischen Kirchen. Inhaltlich geht das Erstarken der politischen Rechten im Westen mit einem stabilen und wachsenden konservativen bis fundamentalistischen christlichen Glauben einher (USA, Brasilien). Das Thema ist nicht neu, aber unter Trump aktuell, wird er doch von den meisten republikanisch wählenden Christen unterstützt.
Das Christentum vor der religiösen Indifferenz
In seinem Essay aus dem Jahr 2024: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ greift der katholische Theologe Jan Loffeld die religionssoziologischen Befunde auf, nimmt sie ernst und entwirft erste Schritte für ein neues Kirchenverständnis in der Gesellschaft. Dabei geht er über reine Religionssoziologie hinaus. Das gefällt mir, da Zahlen an und für sich erst einmal wenig aussagekräftig über eine lebendige und auch zukünftige Kirche sind. Im Folgenden formuliere ich meine Erkenntnisse aus Lektüre und Austausch mit Theolog:innen des Theologischen Salons des Kirchenkreises Aachen (Arbeitskreis: Zoom-Sitzung im Sommersemester 2026).
Zukünftige Kirche
Meiner Einsicht nach fällt es uns schwer, Bilder von einer zukünftigen Kirche zu entwickeln, da wir in Deutschland über Jahrhunderten zwei große Volkskirchen waren, manchmal fast deckungsgleich mit kommunalen Gemeinden. Wir sind weiter verliebt in den Selbsterhalt der Institution Kirche, drehen uns ständig um uns selbst und sind mit vielen anderen Institutionen im Optimierungswahn gefangen. Das führt nicht weiter und frustriert. Dazu kommen die verheerenden Auswirkungen der Missbrauchsskandale für das Vertrauen in die Institution Kirche und ihr Umgang mit Macht.
Das gesellschaftliche Christentum wurde trotz Aufklärung, atheistischen Strömungen, zwei Weltkriegen und Säkularisation von der Mehrheitsgesellschaft lange Zeit nicht hinterfragt. Auch wenn das private und kirchliche Christentum vom gesellschaftlichen Christentum (D. Rösler) zu unterscheiden ist, war es doch Garant der Weitergabe von christlichen Werten und Kultur an die nächste Generation. Die lange selbstverständliche Weitergabe des Glaubens (und der Kirchenzugehörigkeit) bricht in der Generation der Kinder und erst recht der Enkelkinder der Boomer-Generation ab. Das habe ich in meiner über 35jährigen Berufsbiographie in den Gemeinden hautnah erlebt. Hier entlastet Religionssoziologie, da sie nachvollziehbar aufzeigt, dass leere Kirchen und Kirchenausstritte nicht an der Pfarrperson oder an der Gemeinde liegen, sondern in einer sich verändernden Gesellschaft (Megatrend: Säkularisierung, Individualisierung, Modernisierung). Was also in dieser Lage tun? Der Versuch mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert (EKD 2006) mit marktkonformem Denken und Jargon den Druck auf kirchliche Mitarbeiter:innen zu erhöhen und „Wachstum gegen den Trend“ zu postulieren ist krachend gescheitert. Ungeschönt gilt es die gesellschaftliche Situation zu realisieren. Wir leben in Europa und auch in Deutschland in einer zunehmend religiös indifferenten Gesellschaft. Das ist für Westeuropa relativ neu. Das heißt, die Menschen brauchen um glücklich zu sein keine Religion. Sie brauchen keine Religion, um ein sinnvolles Leben zu führen. In aller Kontingenzbewältigung ist für die Mehrheitsgesellschaft Religion keine Ressource mehr. Sie fehlt auch nicht. Das dritte Jahrtausend ist für Westeuropa das erste Jahrtausend ohne Gott (Glauben an Gott). Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten, wie etwa in der Zeit des Urchristentums oder auch in der Renaissance, fällt jeglicher transzendente Bezug der Mehrheitsgesellschaft weg. Es scheint so, dass die transzendentale Obdachlosigkeit (Georg Lucács), die schon im 19. Jahrhundert die Philosophie und erst recht Anfang des 20. Jahrhunderts weite Teile des Bürgertums erfasst hat, gegenwärtig nicht einmal mehr gespürt und betrauert wird. Kontingenzerfahrungen werden nicht mehr religiös bewältigt Das heißt nicht, dass der Glaube und die Kirchen verschwinden werden, aber es heißt, dass wir uns ganz neu auf die veränderte gesellschaftliche Situation und die Rolle der Kirche in ihr einstellen müssen. Das betrifft unser lang eingeübtes Selbstverständnis, Gottes- und auch Menschenbild. Wir sind nicht die, die den Sinn des Lebens kennen, während die Nichtgläubigen ihn nicht kennen. Ein sinnvolles Leben kommt zunehmend ohne Religion aus Religiöse Indifferenz mag uns stören und wir mögen gar auf die „areligiösen Banausen“ herabblicken. Allerdings hilft eine solche Einstellung der Kirche und ihrem Bodenpersonal nicht weiter: Sie hindert uns eher, unseren neuen Platz einzunehmen, einfach unseren Glauben selbstbewusst zu leben nicht jenseits, sondern mitten in einer religiös indifferenten Gesellschaft. Dazu müssen wir sprachfähig werden. Der Vorgang der Entkirchlichung und das Finden einer neuen kirchlichen Identität sind hoch komplex, oft widersprüchlich, aber eine äußerst spannende Angelegenheit für Theologie und Kirche. Dazu gehört auch konversionssensibel zu werden. Wir müssen als Kirche in einer komplexen und pluralen Gesellschaft neu lernen, Menschen für den Glauben in der Nachfolge Jesu zu begeistern und sie zu einer evangelischen Freiheit in der Gemeinschaft befähigen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Davon bin ich überzeugt. Daran möchte ich weiter mitwirken mit den mir verliehenen Gaben.
Als Kirche sollten wir unbedingt Wert auf Qualität in den Kernbereichen Theologie, (Seelen)-Bildung, Kirchenmusik und Diakonie legen, um in einer religiös indifferenten Gesellschaft das Zeugnis Jesu hoffnungsfroh zu leben.
Fazit
In diesem Sinn würde ich mich freuen, wenn die segensreiche Institution Kontaktstudium trotz Verdichtung von pastoralen Diensten weiter ermöglicht und gefördert wird. Auch Pfarrpersonen brauchen Zeit für Theologie jenseits ihrer Wirkungsstätte. In einer solchen Studienauszeit bleibt auch genügend Zeit für Kultur, Begegnungen und andere Interessen, was ich in aller Freiheit in Leipzig genießen durfte. Dafür bin ich dankbar.
Belegte Veranstaltungen
Seminar: Die Seele der modernen Gesellschaft – Die Kultursoziologie von Eva Illouz
Prof. Dr. Roderich A. Barth
Seminar: Die Erzählungen und Fabeln des Talmuds
Nimrod Baratz
Vorlesung: Religion und Gesellschaft in Deutschland und Europa
Prof. Dr. Gert Pickel
Blockseminar/Übung: Liturgisches Handeln
PD Dr. Simone Ziermann
Blockseminar: KI und Liturgie. Ökumenische Fragestellungen, Erkundungen und Perspektiven
Prof. Dr. Alexander Deeg; PD Simone Ziermann
Blockseminar: Kommt mein Hund in den Himmel?
Daniel Walther
Vortrag PaulinerFORUM 2026: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne
Prof. Dr. Andreas Reckwitz
Vortrag und Gespräch: Zwischen Friedensethik und Kriegspädagogik
Kirche und Wahrheit, Im Auftrag der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion e. V., hrsg. Von Matthias Grebe, Nadine Hamilton, Karsten Lehmkühler und Gunter Prüller-Jagenteufel, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025 , Paperback, 233 Seiten, ISBN (print) 9783374079513,
Die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, kurz „ibg, deutschsprachige Sektion“ geht mit dieser Veröffentlichung einen neuen Weg. Waren die Vorträge der Jahrestagungen in den vergangenen Jahren im Rundbrief der Gesellschaft ibg veröffentlicht worden, so hat man diese nun in eine gesonderte Publikation ausgegliedert, die zwar extra Geld kostet, aber durch die Erscheinung am Buchmarkt eine größere auch wissenschaftliche Öffentlichkeit erreicht. Dieser Publikation sei gewünscht, dass sie dort nun auch die Aufmerksamkeit bekommt, die sie und Dietrich Bonhoeffers Denken selbst verdient.
Tagungsbeiträge 2023 und 2024
Wenn der Buchtitel nun die beiden Themen der jeweiligen Tagungen in einen einzigen Satz verbindet, so sei nun aber nicht etwa nach einem inhaltlichen Zusammenhang der Begriffe Kirche und Wahrheit gefragt. Mehr als eine Zusammenstellung der Tagungsbeiträge ist das Buch allerdings nicht.
Verwenden Sie bitte den oben genannten Link zum Verlag, um die Leseprobe zur Kenntnis zu nehmen, die das Inhaltverzeichnis, die Vorbemerkung und die Einleitung enthält! Da die Einleitung eine kurze inhaltliche Zusammenfassung aller Beiträge enthält, soll darauf hier verzichtet werden. Stattdessen soll in dieser Rezension ein inhaltlicher Eindruck von den Beiträgen der beiden Jahrestagungen 2023 und 2024 vermittelt werden, wobei in die Tagung 2023 auch ein Gedenken an 50 Jahre ibg eingeflochten ist, doch dazu später.
Nachdenken über die praktische Theologie
Das Nachdenken über die praktische Theologie scheint bei der Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer (1906-1045) vorgezeichnet, obwohl Bonhoeffer sich eher als Systematiker sah (als Dozent in Berlin 1932/33, d. Rez.). Michael Herbst, emeritierter Professor für praktische Theologie Greifswald bezieht sich in seinem Vortrag (S. 17 – 37) auf die Texte „Gemeinsames Leben“ (Dietrich Boenhoeffer Werke, kurz DBW, Bd. 5), Bonhoeffers Dissertation „Sanctorum Communio“ (DBW, Bd.1) und die als „Widerstand und Ergebung“ (DBW, Bd. 8) erschienen Gefängnisbriefe.
Die volkskirchliche Situation heute mahnt zur Sorge, es würde gelegentlich „keine Gemeinde“ mehr geben. Beibehaltung gegebener Strukturen lässt die aktive Beteiligung von Mitgliedern zwingend erscheinen, wobei zugleich ein Potential zur Veränderung aufscheint. Dass Bonhoeffer und seine „Vikare“ in einer vergleichbaren Situation zwischen 1938 und 1940 aktive volksmissionarische Aktivitäten ausprobierten, wird an dieser Stelle ruhig leider nicht erwähnt können. Hierzu gehörten damals auch Hausbesuche bei Kirchenmitgliedern (d. Rez.).
Kirchenentfremdung oder öffentliche Theologie
Christine Schließer beschreibt in ihrem Beitrag (S. 39 – 50) das Problem der westlichen Kirchenentfremdung aus ökumenischer Sicht und zitiert aus ökumenischen Dialogen in Ruanda, Rumänien und England. Christine Schließer fokussiert ihren Beitrag auf die „öffentliche Theologie“, die bereits von Dietrich Bonhoeffer in der „Ethik“ entwickelt worden ist und die von Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm weiterentwickelt wurde. Kirche im Sinne Jesu kann nicht anders als öffentlich sein. Eine Änderung der Bereiche zwischen öffentlich und privat findet nicht statt. Kirchliche Dimensionen sind fließend aufeinander bezogen. Missionarisch und öffentlich sind kein Gegensatz.
„Buße der Kirche“ wozu?
Dr. Gernot Gerlach, emeritierter Dekan (Pfarrer in Ruhe), „Buße der Kirche (Metanoia), Ökumenizität und Diakonik (S. 51-70), erinnert an seine Veröffentlichung über die Kirche bis 2040 (vgl. Gernot Gerlach, Kirche 2040, Berlin 2021). Dies zeigt ein erweitertes Zitat aus seiner Einleitung: In der postmodernen Epoche der Metanoia „…ist damit die These verbunden, dass Kirchen am Leiden Gottes in der Welt teilhaben, sich in den Konflikten der Transfirmationsprozesse an die Zukunft erinnern … Quellen der Erneuerung erschließen, ökumenisch mit anderen lernen, teilen, helfen und feiern“ (S. 52). Gernot Gerlach führt seine Impulse auf Anregungen Dietrich Bonhoeffers zurück, die er im Fortgang entfaltet: In Teil 1 zum Stichwort der Buße der Kirche zitiert er vor allem aus einem Vortrag Bonhoeffers aus der Zeit der „illegalen Theologenausbildung: Finkenwalde 1935 – 1937“, (DBW 14), Gütersloh 1996. Der Ausdruck „Buße der Kirche“ ist in der Theologie annähernd singulär und wird ausgegrenzt, wozu auch die Endredaktion des ursprünglich von Dietrich Bonhoeffer mitverfassten „Betheler Bekenntnis“ angeführt wird, die diesen Begriff in der Endfassung nicht mehr enthält. Mit anderen Worten erinnert Gernot Gerlach an ein Zitat aus dem Buch „Nachfolge“: „Das bedeutet, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist.“ (S. 56, DBW 4, 38). Weitere Beispiele für eine Buße der Kirche findet Gerlach im „Schuldbekenntnis der Kirche“, das Bonhoeffer im Buch „Ethik“ überliefert, sowie einige Formulierungen aus „Widerstand und Vergebung“ (vgl. S. 57).
Das Kapitel II. ist überschrieben mit „Ökumenizität“ (S. 59ff). Bonhoeffer selbst war besonders nach 1934 aktiv ökumenisch engagiert (siehe Bonhoeffers Fanø-Rede 1934). Dazu kam die Bekenntnisfrage: Kirche gibt es nur als Bekennende Kirche (vgl. S. 60). Kirche steht täglich in der Buße, bekennt ihre Schuld und … ist auf die Gnade Gottes angewiesen“ (nach Dietrich Bonhoeffer 1940). Daraus folgt die Diakonität, da diese Kirche der Buße auf wechselseitige Unterstützung, auf gegenseitiges Tragen angewiesen ist (vgl. S. 65). Doch gilt dies nicht nur intern, sondern auch gegenüber den leidenden Brüdern und Schwestern Jesu, womit damals die verfolgten Juden gemeint sind. Gernot Gerlach begründet zum Ende des Beitrags, wie die Impulse Bonhoeffers auch heute für die Perspektive 2040 produktiv sein werden.
Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.
Heinrich Bedford-Strohm (S. 71-85) kommt nach einem längeren Abschnitt über die aktuelle volkskirchliche Situation zu sprechen und betont die Notwendigkeit der „öffentlichen Kirche“ (S. 75ff). Hier werden Bonhoeffers Fragmente zu seiner „Ethik“ herangezogen, „ … in der empirischen Kirche die geglaubte Kirche so weit wie irgend möglich sichtbare Gestalt gewinnen zu lassen“ (S. 77). Kurzgefasst: „Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.“ (S. 79) Die Überschriften der Schlusskapitel sollen den Inhalt der Abschnitte kurz skizzieren:
Durch Sein in der Liebe missionarische Kraft entwickeln.
Die globale Ökumene stärken.
Die Kraft der Frömmigkeit für heutige Menschen erschließen. (vgl. S. 80 – 83).
„Kirchendämmerung“
Zum Ende des ersten Tagungsberichts erinnert Hartmut Rosenau an den Begriff „Kirchendämmerung?“ (S. 87 – 100). Die Überschrift ist eine Anleihe bei Friedrich Wilhelm Grafs Ausarbeitung zur „Kirchendämmerung“ (2011) der wiederum als Anspielung auf das Wort „Götzendämmerung“ bei Friedrich Nietzsche gedacht ist (1889). Hier findet sich der interessante Satz, dass Nietzsches Philosophieren mit dem Hammer nicht mit Zerstörung eines Hammers zu tun hat, sondern mit einem feinmechanischen Hammer, mit dem Gegenstände angeschlagen, um zu prüfen, ob sie etwa rissig sind (vgl. S. 89).
Hier skizziert Hartmut Rosenaus Bonhoeffers Theologie als weisheitliche Theologie, die sich vorrangig an den Themen Schöpfung und Menschsein orientiert. (vgl. S. 94). Hierzu wird Bonhoeffer wörtlich zitiert: „Sie (die Kirche, d. Rez.) wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen.“ (hier S. 98). Hieraus schließt Hartmut Rosenau, dass diese Kirche wandelbar und veränderlich, „veränderungsbedürftig wie auch veränderungsfähig“ ist (S. 98).
Der zweite Teil des Buches „Jahrestagung 2024“: Wahrheit und der dritte Teil „50 Jahre internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, deutschsprachige Sektion e. V.“ werden im folgenden letzten Teil der Rezension nur kurz skizziert.
Nach dem Begriff „Wahrheit“ braucht man bei Bonhoeffer in der Tat nicht lange zu suchen. Florian Höhne, Professor und neuer Vorsitzender der ibg, greift das Thema der digitalen Wahrheit auf und geht damit klar über Bonhoeffers zeitlichen Kontext hinaus. Bonhoeffer hingegen hatte sich in erster Linie mit Propaganda auseinanderzusetzen.
Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet
Florian Höhne wird im Buch „Nachfolge“ (1937) fündig. Dort sieht er Christinnen und Christen auf Wahrheit verpflichtet. Im Jahr 1942 notierte er, damals noch unveröffentlicht, dass zur Wahrheit die Schuldübernahme gehört. In der „Christuswirklichkeit“ stellt sich die Wahrheitsfrage differenzierter. Hierzu gibt es ein Beispiel, das Kant überliefert, von Bonhoeffer in der „Ethik“ zitiert. Im Interesse der Christuswirklichkeit kann die formale Wahrheit Schuld bedeuten, die Lüge dagegen wahr sein. (vgl. S. 111) Zusammenfassend spricht Florian Höhne von einer „kohärentistischen Verantwortungsethik“ (S. 114). Die dazu passende Zusammenfassung hätte m. E. gerade von diesen Beispielen her auch den sog. Pragmatismus ins Spiel bringen sollen, mit dem sich m. E. Bonhoeffers Verhalten einfacher erklären lässt. Er könnte ihn in den USA kennengelernt haben (d. Rez.).
Auch der anglikanische Priester Matthias Greben greift Bonhoeffers Begriff der Christuswirklichkeit auf. „Wahrheit manifestiert sich in der Begegnung mit Christus und führt zur Mündigkeit des Glaubenden.“ (S. 125) Dies wird nun auf den Kontext der Säkularität bezogen. Wichtig ist hier mit Habermas auf die Gefahr der Entsolidarisierung hinzuweisen. (vgl. S. 128).
Karsten Lehmkühler wiederum greift in „Zwischen Wahrheit und Verhüllung“ Äußerungen Bonhoeffers aus den Gefängnisbriefen auf. Stephen Plant weist, in englischer Sprache, auf die politische Dimension der Wahrheit hin.
(Während diese Beiträge, manchmal parallel, auf die Widerstandszeit Bonhoeffers hinweisen, kommt in „Bilder und Bildbearbeitungen im Wandel, eine bildethische Reflexion am Beispiel politischer Motive“ von Christian Schicha Bonhoeffer gar nicht vor, jedoch Bildpropaganda aus dem Nationalsozialismus.
Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch
Es ist sicherlich angebracht, den von Dietrich Bonhoeffer sehr hoch geschätzten Wahrheitsbegriff ins Zentrum zu stellen. Hier wäre es sicher im Sinn der vorherigen Tagungen besser gewesen, die Verkündigung der Kirche als Wahrheitsanspruch zu sehen, innergemeindlich und gegenüber der Gesellschaft. Die des subversiven Widerstands sind da m. E. als berechtigte Ausnahme zu sehen, die letztlich den Wahrheitsbegriff gar nicht tangiert. Die Tagungsberichte zeigen, dass die Literatur unter dem Namen Bonhoeffer und die von ihm gelebte Zeitgeschichte ein wesentlicher Hintergrund bleiben.
Dies lebendig zu halten, gibt es seit 50 Jahren die Internationale Bonhoeffer Gesellschaft. Als Dokumente dazu ist die Predigt von Heinrich Bedford-Strohm zur Jubiläumstagung gegeben, eine Rezension über die „Grunewald-Gefährten“ von Cornelius Bormann. Dass diese Personen, z. T. Verwandte Dietrich Bonhoeffers und Freunde der Familie als Widerstandkreis anzusehen sind, wird eigentlich auch schon aus der Bonhoeffer-Biografie Eberhard Bethges deutlich.
Am Ende des Buches ist eine Zeittafel zur Geschichte der ibg und ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis gegeben.
Rezension zu: Oliver Jahraus: Verstrickte Philosophie, Heidegger und der Nationalsozialismus, Philipp Reclam jun. Verlag Stuttgart 2026, gebunden, 239 Seiten, mit Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Personenregister, ISBN 978-3-15-011574-9, Preis: 24,00 Euro (print)
Bewertungen im Rückblick?
Kann Hannah Arendts (1906 – 1976) Arbeit zu Bertold Brecht (1889 – 1956) als Vorbild auch der Arbeit zu Martin Heidegger (1889-1976) gelten? Mit diesen Gedanken leitet Oliver Jahraus (geboren 1964) seine Überlegungen zur „Verstrickung“ Martin Heideggers ein. Immerhin sind es bei Brecht selbstkritische Töne, die in einem seiner Gedichte anklingen: „Gedenkt/ Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht/ Auch der finsteren Zeit/ Der ihr entronnen seid/…“ (S. 9)
Heideggers Verflechtungen
Nicht nur die Frage, wie besonders die Selbstkritik Brechts zu seiner Verstrickung in den Stalinismus der DDR gedacht ist, sondern auch, ob und wie Martin Heidegger auf seine Verflechtung in den Nationalsozialismus eingeht, wird in diesem Werk aufgearbeitet. Die Bemerkungen Heideggers selbst und die fehlenden Entschuldigungen, die kleinen Rechtfertigungen und vom Antisemitismus nicht unbeeinflussten posthumen Veröffentlichungen zeigen, dass die Frage nach dem NS – Engagement Heideggers ihn zum philosophischen Dauerbrenner gemacht haben.
„Mit Heidegger gegen Heidegger denken“
Da ist zuerst von Jürgen Habermas die Rede (1929 – 2026). Er kam von Heidegger zur Frankfurter Schule und bemerkte 1956 in einer Rezension in der FAZ, dass die Vorlesung Heideggers „Einführung in die Metaphysik“ (1963) einen seit der Erstauflage 1935 unveränderten Text ohne Anmerkungen zur NS-Zeit liefert und damit den folgenden Text unverändert darbietet: „Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe … nicht das Geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in den trüben Gewässern der ‚Werte‘ und der ‚Ganzheiten‘ (Zitat „Einführung…“, S. 152). Heideggers Nazi-Verflechtung kann, so Oliver Jahraus, zur Schlüsselfrage seines Werkes werden. Das Fazit für Habermas war: „Unvermutet hatte da ‚Dasein des Volkes‘ den Platz des je einzelnen ‚Daseins‘ eingenommen.“ (S. 20, Zitat Jürgen Habermas). Der Rezensionstitel der FAZ, nicht von Habermas selbst stammend, gab dem Denken fortan seine Prägung: „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“.
Hier sollte nach 70 Jahren und im Jahr des Todes von Jürgen Habermas erlaubt sein zu fragen, ob dieses Motto in den dann folgenden Auseinandersetzungen eigentlich überboten worden ist, wenn auch das „mit Heidegger“ später zumindest philosophiegeschichtlich gedacht worden ist.
Dabei werden in der Untersuchung von Jahraus nun die verschiedenen Ebenen dieser Auseinandersetzung abgearbeitet, deren vorläufiger Höhepunkt die Veröffentlichung der sogenannten Schwarzen Hefte war.
Diese Untersuchung ist lesenswert und bearbeitet folgende Leitfragen, an der thematischen Vorgabe der „Verstrickung“ orientiert:
„1. In welchem Maße war Heidegger verstrickt?
2. Inwiefern führt die Verstrickung der Person zu einer Diskreditierung des Werkes, und schließlich:
3. Finden sich im Werk Strukturen, die der politischen Verstrickung zugrunde liegen?“ (S. 65, im Anschluss an Marion Heinz, hier Anmerkung 149).
Verstrickung
Die Ausarbeitungen von Oliver Jahraus kann man nicht einfach zum Ende überspringen. Obwohl das vorläufige Fazit nach der Bearbeitung der Diskussion um die sogenannten „Schwarzen Hefte“ gezeigt hat, dass die Habermas Formel gültig bleibt, wird gerade mit der Verstrickung der Philosophie ein Motiv gegeben, das angesichts noch weiterer Diskussionsthemen und Bewegungen nötig bleibt oder vielleicht sogar wird.
Vielleicht ist das bei aller Perfektion seines Buches das Problem, dass es gar nicht bemerkt, dass das „Zeitalter“ einer ganz neuen Bewegung gekommen ist, die mit der alten doch einiges verbindet, die so erneut zu genannter Verstrickung einlädt.
P.S. Und zuletzt, was m. E. im Buch von Oliver Jahraus fehlt, ist die Erwähnung der Frage, ob die Mitarbeit Heideggers an der Nietzsche-Ausgabe mit der Herausgabe des nur aus dem Nachlass konstruierten Bandes „Der Wille zur Macht“ nicht doch eine Art Mitarbeit am einer NS-Philosophie gewesen ist. Und somit auf das Rektorat kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm folgte, wenn sich auch der Philosoph aus der Tagespolitik herausgehalten hat. Weiterhin wäre es doch noch einmal spannend, das Rektorat Heideggers und sein Rücktritt daraus in die Geschichte des Nationalsozialismus einzuordnen, der inzwischen zum Hitlerismus geworden war und somit einem eigenständigen Denker hätten gefährlich werden können.
Es wirkt regelrecht idyllisch im Lägerbachtal: Unter dem grünen Blätterdach des Mischwalds bahnt sich das klare Wasser seinen Weg. Es ist ein Kleinod zum Durchatmen für die Erwachsenen und ein Ort zum Entdecken und Spielen für die Kinder. Um diesen Naturraum aufzuwerten, hatte die Abteilung Stadtentwässerung der Stadt Iserlohn gemeinsam mit der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises veranlasst, die schadhafte Verrohrung des Lägerbachs im Bereich der städtischen Forstfläche „Kühler Grund“ zu entfernen und die Gewässerquerung zu einer Furt (einer seichten Flachstelle, an der das Gewässer durchquert werden kann) umzubauen. Die Baumaßnahme fand Mitte Mai statt und ist nun erfolgreich abgeschlossen.
Innerhalb von nur einer Woche entstand hier zwischen Eichen, Buchen, Erlen und Ahorn eine Gewässerquerung, die nicht nur ihre zweckmäßige Aufgabe erfüllt, sondern sich auch harmonisch in die Umgebung einfügt – zugleich den natürlichen Lebensraum von Flusskrebsen, Eintagsfliegen-Larven und Fischen begünstigt und für Klein und Groß ein naturnahes Wasser-Wald-Erlebnis schafft.
Mitarbeitende des Stadtbetriebs Iserlohn/Hemer (SIH) hatten dazu mit einem 9-Tonnen-Bagger das vom Hochwasser 2021 beschädigte Rohr entfernt und die Erde des seit Jahren immer schmaler gewordenen Wegs abgetragen. Danach wurden rund vierzehn große, jeweils fast eine Tonne schwere Bruchsteine in das Bachbett eingesetzt, an denen sich nun das Wasser des Lägerbachs plätschernd entlangschlängelt. Ziel war es, durch das Setzen dieser flachen „Trittsteine“ die bestehende Wegeverbindung für Fußgängerinnen und Fußgänger zu erhalten und gleichzeitig eine Aufweitung des Gewässerprofils zu erreichen. Deshalb wurden breite und flache Wasserbausteine genutzt, die dafür aber nicht extra gekauft werden mussten, sondern aus anderen städtischen Baumaßnahmen stammen und hier einfach weiterverwendet werden konnten.
Eine Gestaltung der Furt mit Nutzung als gesicherte und barrierefreie Verbindung, die auch mit dem Fahrrad zu durchfahren ist, war nicht möglich. Da es sich bei dieser Wegeverbindung nicht um einen ausgewiesenen Radweg handelt, müssen Radfahrende im Bereich der Furt ihr Fahrrad oder Mountainbike schieben. Ein ausgewiesener Radweg befindet sich auf der angrenzenden „Lägerbachstraße“.
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