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Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Sebastian Castellio hinterließ Freunde und Verehrer, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Peter Litwan: Arm, und doch reich, die ältesten Nachrichten über Sebastian Castellio, Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft, Band 4, Schwabe-Verlag Basel 2026, gebunden, 164 Seiten, ISBN 978-3-7965-5450-6 (print): 46,00 Euro

In der Reihe „Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft“ ist dieser 2026 erschienene Band erst die vierte Schrift. Die internationale Castellio Gesellschaft wurde 2017 gegründet (siehe: https://www.castellio.ch/aktivitaeten). Es ist offensichtlich an der Zeit, an einen Menschen zu erinnern, der sich gegen Verketzerung und für Toleranz Andersdenkender eingesetzt hat. Er wurde nach seiner Flucht aus Genf zunächst Mitarbeiter der Druckerei Oporin in Basel. Während die übrige Schweiz von Genf und Zürich aus bestimmt wurde, gehörte das ehemalig deutsche Basel zum Einflussbereich des oberdeutschen Luthertums (u. a. Bucer). Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam war inzwischen nach Freiburg ausgewandert. Castellio war ein bekannter Graecist und übernahm nach seiner Arbeit als Rektor in Genf in Basel den Lehrstuhl für Griechisch. Dass Friedrich Nietzsche über 300 Jahre später ein später Nachfolger Castellios war, wird an keiner Stelle erwähnt.

Die Schriften der noch jungen Internationalen Castellio Gesellschaft zeigen, dass das Thema Toleranz im Vordergrund steht. Dazu gehört natürlich die historische Aufarbeitung der Geschichte Castellios. In der Schriftenaufzählung wird hingewiesen, dass die ersten beiden Bände als PDF-Datei heruntergeladen werden können (https://www.castellio.ch/publikationen). Dabei wird selbstredend die Auseinandersetzung mit Calvin hervorzuheben sein, wie im zweiten Band. Der hier zu besprechende Band konzentriert sich eher auf biographische Grundinformationen über Sebastian Castellio. Darauf wird in dieser Rezension hauptsächlich einzugehen sein.

Der Gegenstand des Buches geht zunächst auf Castellio wenig ein, sondern stellt ein Buchprojekt des Druckers und Verlegers Johannes Oporin (1507-1569) vor. Das mehrbändige Buch heißt Theatrum vitae humanae und wird zunächst von Theodor Zwinger (1533 – 1588) herausgegeben, inspiriert vom Lateinprofessor Conrad Lycostenes (1518-1561), seinem Stiefvater, der inzwischen durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt war, jedoch über einige Vorarbeiten für das Mammutwerk verfügte, einer Art „who is who“.

Interessant ist, dass der Verleger Oporin hat eine Zuwendung von 1000 Talern vom Bergwerksbesitzer Weitmoser aus Gastein erhalten hat, um seine Buchprojekte zu realisieren (vgl. S. 16). Die erste Auflage des genannten Titels erschien 1565, die zweite, erneut neu gesetzt mit einem Namensregister 1571, die dritte nun auf 4373 Seiten angewachsen 1586. In der Baseler Universitätsbibliothek befinden sich ein Exemplar aus 1565, drei aus 1571 und eine Ausgabe von 1586 in vier Bänden. Nach einem Vergleich der Ordnungsschemata der verschiedenen Auflagen kommt das hier zu besprechende Buch auf Sebastian Castellio zu sprechen und bietet je einen synoptischen Vergleich zu den unterschiedlichen Nennungen Castellios im Theatrum vitae humanum. Nun werden in einem weiteren Kapitel die biografischen Informationen zusammengefasst. Insgesamt wird hierbei deutlich, das Castellio als gelehrt und engagiert erscheint, ohne eigenes Zutun in Armut geraten ist, sich aber durch Arbeit und Ansehen eine bescheidene Existenz aufgebaut hat.

Seine Umtriebigkeit, sein Streit mit Calvin, sein Protest gegen die Hinrichtung Servets als Ketzer und seine Toleranzschrift werden eher verschwiegen oder nur am Rand erwähnt. Auch der Prozess vor dem Baseler Rat, der durch seinen frühen Tod ohne Entscheidung bleibt, ist außen vor.

Ergänzt wird die Skizzierung seines Lebenslaufs, der den Savoyarden [n. b.. das Herzogtum bzw. Königreich Savoyer gehörte erst 1860 zu Frankreich, d. Rez.] über Genf nach Basel führte durch eine Behandlung seines Epitaphs, eines beschrifteten Grabsteins im Baseler Münster, der später ersetzt wurde. Ergänzt wird diese durch eine Erwähnung epitaphähnliche Gedichte als freundschaftliche Nachrufe auf Castellio. Alle diese Texte sind in diesem Buch zweisprachig Lateinisch im Original und ins Deutsche übersetzt.

Exemplarisch sei auf den ersten Satz des Epitaphs hingewiesen, auf Deutsch: „Iowa [sic; recte: Jehova, d. Rez.] dem besten und größten geweiht.“ (S. 75). Hierzu wird ein kleiner Abschnitt aus der dritten Auslage des Theatrum zitiert, die auf die Verwendung des Gottesnamens in der lateinischen Bibelübersetzung eingeht. Er ist damit über die Übersetzungspraxis Luthers und die Dogmatik Calvins hinausgegangen, die aus dem Glauben an Gott einen Herrschaftsbegriff herausgelesen hat (d.Rez., bei Luther: Der Herr; bei Calvin: l’Éternel. Instrumentalisierung des Gottesnamens zur dogmatischen Unterwerfung bzw. Autorität]):

„Die Juden haben den Namen Gottes mit den vier Buchstaben, der nicht ausgesprochen werden durfte, mit so viel Ehrfurcht begleitet, dass sie ihn niemals nannten, sondern an seiner Stelle als Elohim oder Adonai aussprachen … Als Erster in unserem Jahrhundert hat Sebastian Castellio die Gemüter von diesem Aberglauben befreit, der in seinen biblischen Schriften allenthalben den Namen „Jowa“ gebraucht hat, …“ (S. 63).

Sowohl das Epitaph als auch das Theatrum scheinen mit der Verwendung des Gottesnamens einen eigenen und besonderen Schwerpunkt der Arbeit Castellios als Übersetzer herausgegriffen haben, und damit gezeigt, dass nicht nur seine Ablehnung von jeder Verketzerung und seine Idee von Toleranz, sondern auch seine Bibelübersetzung zu einer streitbaren Person gemacht hat, die danach bis auf wenige Ausnahmen totgeschwiegen, von seinen Schülern und Anhängern aber verehrt worden ist.

Von der Einleitungswissenschaft zu exegetisch-theologischen Grundfragen, Rezension von Christoph Fleischer, Fröndenberg 2026

Zu: Ursprungsparadigmen, ZNT – Zeitschrift für Neues Testament, Heft 55, 28. Jahrgang, Jan Heilmann, Susanne Luther, Michael Sommer (Hrsg.), Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2025, Paperback, ISBN 978-3-381-14051-0, Einzelheft 39,00 Euro (print)

Brückenschlag

Folgender Satz aus der Verlagshomepage weist auf das Ziel der Zeitschrift für Neues Testament hin, dem auch dieses Einzelheft verpflichtet ist: „Das Ziel der Zeitschrift ist der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Textauslegung und der kirchlich-schulischen sowie gesellschaftlichen Praxis, welchem auch die konzeptionelle Gestaltung der Zeitschrift dient.“ (https://www.narr.de/theologie/zeitschriften/znt/)

Dieses Heft stellt die Sachlage am Beispiel der Einleitungswissenschaft dar (Sachthema), von der verschiedene Konzepte zu Wort kommen. Im Prinzip geht es aber dabei um Hermeneutik, wie es im Editorial des Herausgeberkreises dargestellt wird. Exemplarisch sei ein Satz daraus zitiert: „Die Quellenlage selbst konfrontiert uns damit, dass die Ursprünge des frühen Christentums nicht objektiv übermittelt, sondern nur in (Re)konstruktionen greifbar sind.“ (S. 7)

Innovation durch Dialogbereitschaft

Die Einführung ins Thema bietet ein „Werkstattbericht“ des katholischen Theologen aus Münster, Wolfgang Grünstäudl, „Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht.“ (S.9-24). Was mit Innovation gemeint ist, verdeutlicht er an der Konzeptarbeit für „Herders Theologischen Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT)“ von 1944 bis 1961. Innovativ ist diese Arbeit durch ihre Dialogbereitschaft mit verschiedenen Kontexten von der Exegese bis zur Religionswissenschaft. In der Gegenwart wird die aus „sozialwissenschaftlicher Herkunft“ stammende „Netzwerkanalyse“ (s. S. 23) zu solchen zusätzlichen Aufgaben gehören. Dies wird hier leider nur in Andeutungen und Windungen am Beispiel des 1. Petrusbriefes gezeigt.

Verständnis für die Kanonentwicklung

Der Hauptteil wird durch drei Aufsätze mit verschiedenen Thematischen Schwerpunkten eingeführt. Sandra Huebenthal, Professorin für katholische Theologie in Passau und Prag, stellt vor „Einleitung weiter denken. Das Neue Testament als Familienalbum.“ (S. 25-45) Sie beklagt die starke Ausdifferenzierung der Fachdiskurse, die die Orientierung am Ganzen erschwert, wie sie auch Ziel der Einleitungswissenschaft ist. In der Orientierung am Kanon in Differenzierung und Einheit schlägt sie das Symbol des Familienalbums vor. Trotz ihrer Kritik an der Differenzierung schlägt sie eine weitere Kategorie für die Einleitungswissenschaft vor, die Kulturwissenschaft. Aussagekräftige Tabellen wie Vorstellung 22 „Deutschsprachiger Einleitungen seit 1983“ (S.38) oder „Aufteilung unterschiedlicher Frageperspektiven…“ (S.43) zeigt, wie die Autorin die gegliederte Weiterarbeit vorstellt. Die Textgruppen des NT werden ebenfalls chronologisch gegliedert in eine Tabelle eingetragen. Auf die Einbeziehung außerkanonischer Schriften geht sie nicht ein, da das Motiv Familienalbum vermutlich die Rolle der Schrift für die Kirchenentwicklung vorstellt, quasi als kanonischer Leitfaden.

Frage nach dem Ursprungsparadigma setzt bei der Textkritik an

Der zweite Artikel des Hauptteils geht auf die Frage der Textkritik ein (Jan Heilmann: Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung). Zunächst habe ich den Artikel beiseitelegt, weil mir die Konzentration auf die Einleitungsfragen eher an einem Ursprungsparadigma orientiert schien. Doch das Gegenteil ist der Fall, weil die Frage nach der Textproduktion, mit der sich die Edition und die Textkritik beschäftigt, an das Ursprungsparadigma der Textentstehung rührt. Hierzu schreibt Jan Heilmann, Professor an der TU Dresden (nach Robin Faith Walsh, siehe Anmerkung 54): „Die Annahme einer idealisierten einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebildeter Autoren zu verstehen, die in literarischen Netzwerken agierten.“ (S. 59)

Doch mehr Autoren als Redaktoren?

Von eben jener Robin Faith Walsh stammt der dritte Artikel des Hauptteils: Jenseits der Gemeinde. Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien.“ (S. 69-85) Sie ist Associate Professor für Neues Testament in Miami, USA. Der Artikel erscheint hier in deutscher Sprache, unter Mitübersetzung des Mitherausgebers der ZNT Jan Heilmann. Das Zitat aus dem vorgenannten Artikel bietet schon so eine Art Zusammenfassung.  Dazu nun einige illustrierenden Zitate. Zunächst: Wie konnte es dazu kommen, dass die Produkte von Schriftstellern als historische Gegebenheiten verstanden werden konnten? Hier schreibt Faith Walsh: „Wir wissen, dass griechische und römische Autoren routinemäßig phantasievolle paradoxographische oder topographische Beschreibungen ihrer Themen anbieten, um Wissen aus erster Hand zu suggerieren; bei den Evangelien werden diese Verweise (…) in gewissem Maße wörtlich genommen.“ (S.70f). Die Vorstellungen eines Textes präsentieren die persönliche soziale Realität der Autorinnen, ihre literarische Sozialisation und narrative Vorstellungskraft (vgl. S. 74). Nur durch die Theorie der mündlichen Überlieferung konnte die Qualität der Verfasser ignoriert und auf eine Traditionskette projiziert werden.

Fachlicher Dialog in der Einleitungswissenschaft

Die Anstöße dieser Artikel können nun im zweiten Hauptteil nachwirken, der sich der Einleitungswissenschaft selbst zuwendet. Udo Schnelle: „Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft“ (S.89-99) und Markus Vinzent „Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft“ (S. 101-113).

Die Einleitung, von denen Udo Schnelle eine vorgelegt hat, sortiert die Schriften des NT quasi chronologisch. Die Inbeziehungsetzung diverser Zitate bildet dann die Reihenfolge der Entstehung, z. B. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, er setzt … ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus…“ (S. 93) Markus Vinzent teilt etliche Überlegungen, betont aber, dass die Sammlungen eher als Ausgangspunkt eignen als die Einzelschriften. (vgl. S. 102) Am Ende des Artikels geht Markus Vinzent auf die Paulusbriefsammlung Marcions ein. Hier zeigt sich bereits, dass vier Deuteropaulinen erst im Nachhinein hinzugefügt worden sind. Die Kriterien dafür entstammen der sprachlichen Analyse.

Praktische Konsequenzen

Michael Sommer, „Geschichte und die Schulbücher“ (S.151-132) zeigt am Beispiel der Schulbücher, dass das Bild der Religionsentstehung als Ölbaum hier noch prägend ist. Das Bild entstammt dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Obwohl es für Dialog eintritt, zeigt es die Vorrangstellung des Christentums, da es die jüngeren Äste repräsentiert und die Äste eine getrennte Entwicklung aus einem gemeinsamen Ursprung zeigen. In neueren „Pasting of the ways“- Modellen wird deutlich, dass z. B. Judentum und Christentum sich mit ähnlichen Diskursen auseinandersetzen wie „Rolle der Thora, Messiaserwartung…“ usw. Dabei sind die Religionen einander näher als das heute manchmal erscheint (S.129, Anm. dazu: Daniel Boyarin,). Der letztgenannte Aspekt wird in der Rezension im „Buchreport“ Thomas Tops zu: „Jewish Christianity“ ebenfalls aufgenommen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ausgabe der Zeitschrift das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Die Spezialisten für die Entstehung des Neuen Testaments sind bemüht, die Entwicklung der Schrift als Ganzer zu würdigen. Dabei müssen vorherige, lange gültige Grundpositionen aufgegeben werden. Dementsprechend wird in den Untersuchungen manchmal zu vorsichtig agiert. Hier wäre aber gerade Klarheit günstiger, um nicht neue Fantasien entstehen zu lassen. Hier wäre ein neuer Adolf von Harnack kombiniert mit einer Prise Albert Schweitzer wünschenswerter.

 

Eine Christusvision in der Krise, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu Offenbarung 1,9-19                                      Letzter Sonntag nach Epiphanias 2026

Hinführung zur Lesung

Liebe Gemeinde,

heute am letzten Sonntag nach Epiphanias wird noch einmal ein richtiges Textfeuerwerk entzündet, um auch dem letzten zweifelnden Menschen klarzumachen: Gott ist zu unserem Heil erschienen. Der letzte Sonntag nach Epiphanias ist mit dem Evangelium von der Verklärung Jesu ein Vorgeschmack auf seine Auferstehung, bevor wir als Gemeinde die Passionszeit durchschreiten und den Weg des Leidens Jesu bis zum Tod am Kreuz mitgehen. Aber auch die anderen Lesungen des Sonntags stehen in der Bedeutung, wie Gott den Menschen erscheint, dem Evangelium in nichts nach. In der alttestamentlichen Lesung hör(t)en wir, wie G*tt sich Mose im lodernden Dornbusch offenbart, in der paulinischen Epistel (2. Korinther 4,6-10), dass das Licht Gottes und seine Herrlichkeit in uns sterblichen Menschen nur schwach aufleuchtet, damit wir selbst nicht zu Übermenschen werden und damit allein Gott göttlich bleibt. Epiphanias ist die Lichtexplosion schlechthin, weil hier Gott in seinem ewigen Licht und Glanz erscheint. Gott erscheint auch in unserem Predigttext als dieses göttliche Licht. Keine Finsternis kann ihm etwas anhaben. Nichts kann dieses Licht trüben. Kein Leiden hält es auf. Es erhellt alles. Alles wird klar und offenbar. Das Gute und das Schlechte. Die Schuld und die Liebe. Der Tod und das Leben. Es ist ein Mensch, der dieses Licht sieht. Und alle, die durch ihn dieses Licht sehen und es anschauen, d. h. sich dahinein versenken, bekommen Anteil an diesem Licht und können im Glauben – mögen Welt und Teufel auch toben – ihr Leben bestehen. Ich lese den Predigttext aus dem Buch der Offenbarung, aus dem ersten Kapitel, die Verse 9-18.

9Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 

10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

12Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Christus erscheint dem Seher Johannes

 

Liebe Gemeinde,

der Seher Johannes bekommt diese Vision des Auferstandenen geschenkt. Das Bild, das er vom Auferstandenen zeichnet, ist geprägt von seiner eigenen Bilderwelt. Wie anders sollte sich Gott uns zeigen als durch die „Brille“, die wir aufhaben? Denn ohne uns kann nichts von Gott in uns aufleuchten. Die Bilder, die hier Johannes vom Auferstandenen zeigt, mögen uns fremd sein, vielleicht sogar abschrecken, aber sie enthalten etwas sehr Wertvolles für unseren Glauben und für unser Gemeindeverständnis durch die Zeiten hindurch. Es ist der auferstandene Jesus von Nazareth, der unter den sieben namentlich im Predigttext aufgezählten Gemeinden gegenwärtig ist mit seiner Macht und Herrlichkeit. Die sieben Leuchter repräsentieren die sieben Gemeinden in Kleinasien. Es sind schlichte Ortsgemeinden, unter denen der Auferstandene lebt. Es ist nicht Rom, es ist nicht Byzanz, es ist nicht Alexandria. Es sind sieben Gemeinden aus teils unbedeutenden Städten oder Dörfern. In der Regel waren das Hauskirchen in der Ortsgemeinde. Dort haben sich eine Handvoll Christen versammelt und zu Christus gebetet. Wo eine Handvoll Christen beieinander sind und beten, da ist der Auferstandene Christus präsent, wie es schon das Evangelium nach Matthäus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(Matthäus 18,20) Diese kleinen Gemeinden waren in der Zeit, als der wegen seines Glaubens nach Patmos verbannte Seher Johannes seine Vision aufschreibt, selbst um ihres Glaubens willen bedroht. Von einem heißt es in der Offenbarung, er sei als Märtyrer gestorben. Es kostete unter Umständen das Leben, den eigenen Glauben zu bezeugen. Das ist bis heute in vielen Regionen der Welt nicht anders.

Versetzen wir uns einmal in die Lage eines Menschen, der wegen seines Glaubens an Jesus Christus bedroht ist, verfolgt wird oder gar um sein Leben fürchten muss, und hören wir aus seiner Sicht die Lesung noch einmal.

(Lesung erneut wie oben)

Welche Botschaft enthält die Vision?

 

Fürchte dich nicht. Diese drei Worte sind die frohe Botschaft. Hier dem Sinn nach nicht auf den einzelnen Menschen, sondern auf die sieben Gemeinden bezogen. Fürchte dich nicht, mag auch alles bedrohlich sein und mögt ihr nicht wissen, wie und ob es weitergeht. Fürchte dich nicht.

Ich habe die Macht, sagt der auferstandene Christus. Ich selbst bin der Schlüssel, denn ich habe den Tod überwunden und ich habe den Schlüssel zur Unterwelt. Da Christus selbst hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, hat er den Schlüssel des Totenreichs. Er hat das Totenreich geöffnet, so dass auch die Menschen am Heil teilhaben können, die vor seinem Kommen und seiner Auferstehung gelebt haben.

Erfahrungen mit Christus und neue Fragen

 

Ich weiß nicht, ob die christliche Lehre zur Zeit des Sehers Johannes schon in der Art fest ausgeformt war, wie ich es gerade beschrieben habe. Die großen christlichen Glaubensbekenntnisse wie das Apostolikum oder das Nizänum existierten noch gar nicht. Der Glaube als Lehr- und Dogmensystem war noch keine feste Orientierungsgröße für die Gläubigen. Sie lebten aus ihren Erfahrungen mit Christus und den Erfahrungen der Schwestern und Brüder der Gemeinde. Diese Erfahrungen versuchten sie zu deuten und einzuordnen: Entsprechen sie noch dem Geist Jesu oder eher nicht? Was führt weiter, was spaltet eher, was schenkt Orientierung, wenn der äußere Druck steigt? Was hilft, treu im Glauben zu stehen? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wie können wir Gott mehr gehorchen als den Menschen? Wie können wir uns dem Zugriff des Kaiserkults entziehen und allein Gott anbeten?

Mitten in diese Fragen und in ihre Bedrängnis hinein lesen die Gemeinden die Worte des Sehers. Das ist eine große Sache, sie hören und sehen bildlich, wie der Auferstandene zu ihnen spricht:

Fürchte dich nicht. Das ist Trost mitten in der Bedrängnis. Das ermutigt im Glauben treu zu sein und setzt Kräfte frei.

Fürchte dich nicht. Das ist Gottes Gegenwelt zur Ungerechtigkeit, ein Versprechen auf Heilung, eine Zusage von Frieden und Versöhnung, ein Abwischen aller Tränen, ein Versammeln aller Völker an einem Tisch.

Fürchte dich nicht. Das ist gegen den Tod gesagt. Gegen das Nichts. Gegen die Kälte. Gegen das Töten. Gegen die Einsamkeit. Gegen die Sorgen.

Fürchte dich nicht. Wo das geschieht, da erscheint Gott in seiner ganzen Herrlichkeit.

Herausforderungen als Ortsgemeinde heute

 

Liebe Gemeinde,

unsere Bedrängnisse, unsere Trübsale – heute nennen wir sie unsere Herausforderungen – als Gemeinde sind andere als die zur Zeit des Sehers Johannes. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Unterschiede oder die Parallelen aufzuzeigen. Ich möchte uns aber anregen, uns einmal vorzustellen, in was für einem Bild der Auferstandene Christus heute zu uns spricht. Was wäre seine Botschaft für uns? Vielleicht: Behaltet eure Kirchen; sie sind ein Fingerzeig für eine himmlische Wirklichkeit? Verabschiedet euch von der Kirchensteuer, sie bindet euch – wie vieles andere – zu sehr an den Staat? Duckt euch nicht weg in einer pluralistischen Gesellschaft? Öffnet eure Kirchen für die Menschen im Quartier? Steht für euren Glauben und für eure Werte ein, bewahrt alles Leben und folgt der Gewaltlosigkeit Jesu? Oder doch, greift zu den Waffen, geht mit Gewalt gegen das Böse vor, bevor die Tyrannen euch beherrschen? Schützt vor allen Dingen die Opfer, wenn nötig mit Gewalt?

Der auferstandene Christus erscheint uns in immer neuen Bildern, aber immer mit der Botschaft: Fürchte dich nicht. Seine Worte sprechen in unsere Situation hinein: Lydia-Gemeinde in Herzogenrath, sei nicht verzagt, auch wenn du dich fragst: Wie werden wir zukünftig mit weniger Pfarrpersonen auskommen? Welche Gebäude werden wir noch finanzieren können? Welche Gottesdienste noch feiern können? Welche Aufgaben noch ausführen? Dann erinnere dich daran, der Auferstandene ist mitten unter dir, der Engel der Gemeinde passt auf dich auf. Du musst das alles nicht aus eigener Kraft tun. Gott ist deine Quelle für das: „Fürchte dich nicht“ oder das: „Friede sei mit dir“, wie wir es uns gleich in der Mahlfeier zusprechen werden.

Literatur:

Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 4. Auflage 2020

Der erste Schritt ist wichtig für einen neuen Weg, Predigt von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2026

Zu: Apostelgeschichte 10, 21-36

 

  1. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

die lange Erzählung von Petrus Mission, wie er erkennt, dass Gott die Person nicht ansieht, dass Gott nicht unterscheidet in seiner Liebe, ob jemand Amerikaner ist, Russe oder Chinese, arm oder reich, gebildet oder ungebildet, Mann oder Frau oder alles dazwischen, gesund oder krank, ist aktuell.

Lukas, der auch das gleichnamige Evangelium geschrieben hat, findet in den Erzählungen über die jüdischen Apostel Worte, wie das Evangelium von Gottes Liebe in Jesus Christus allen Menschen und Völkern gilt. Nicht Abgrenzung, nicht Verkapselung, nicht identitäre Rückwärtsbewegung, nicht die Kriterien rein und unrein, kurz gesagt: Nicht menschliche oder kulturelle Grenzen markieren die junge christliche Bewegung, sondern die Einladung an alle, dazu zu gehören, zu denen, die „Gott fürchten und das gerechte Tun“ im Glauben an Jesus Christus.

Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel

Diese Erkenntnis fällt nicht einfach vom Himmel, sie wird durchbuchstabiert. Mal geht´s einen Schritt vor, mal einen zurück. Wie im normalen Leben auch. Das ist tröstlich. In der Erzählung von Petrus hören wir davon, wie sein durch Gott gelenkter Weg, ein Lernweg ist allein dadurch, dass er sich auf den Weg macht. Von außen betrachtet scheint Gott wie ein verborgener Marionettenspieler die Fäden so zu händeln, dass sich Petrus und Kornelius begegnen. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten: Ein Jude und ein Römer. Dazu noch ein Zenturio der römischen Besatzungsmacht. Zwar ein frommer Mensch, aber einer vom ganz anderen Ufer, einer, der nicht dazu gehört. Das weiß doch jedes Kind.

Kornelius heißt er mit Namen. Das ist uns überliefert. In seinem Namen spiegeln sich bis heute Menschen wider, die religiös auf der Suche sind, die ihr bisheriges religiöses oder areligiöses Leben in Frage stellen. Sie suchen eine spirituelle Heimat. Für Kornelius war der Eine Gott wichtig und er wollte zu einer Gemeinschaft gehören, die anerkennt, dass auch er als Dazugekommener wirklich dazugehört, die volle Gemeinschaft mit dem Heiligen Gott und der betenden Gemeinde hat. Kornelius war von den Menschen anerkannt, aber er gehörte nicht dazu. Er gehörte nicht zu dem Gott, der ihn immer mehr anzog. Wer nicht dazu gehört, resigniert irgendwann. Kornelius aber bleibt dran. In seinem Gebet steht ein Mann vor ihm mit der Botschaft: Befehle Petrus zu holen. Kornelius weicht nicht aus, tut diese Stimme nicht ab, folgt ihr und bereitet sein Haus auf die Begegnung mit dem Jesusjünger Petrus vor. Sollte Gott ihm etwas durch Petrus sagen, was er noch nicht wusste?

Hier treffen zwei aufeinander. Da ist nicht einer der Wissende, der die Wahrheit gepachtet hat. Da werden Fäden gezogen und ein zartes Netz entsteht. Das ist ein Anfang. Ob er tragfähig ist? Das Neue kann nur entstehen, wenn es Menschen gibt, die dafür offen sind. Wir haben unsere Vorstellungen und Überzeugungen, die uns helfen zu leben und gleichzeitig hindern, uns ein anderes Leben und eine andere Ordnung vorzustellen. Wir fürchten das Chaos und aus Angst vor Veränderungen erstarren wir, halten krampfhaft am Alten fest.

Gottes Wege sind anders als unsere Vorstellungen

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Aber Gottes Wege sind ganz anders als unsere Vorstellungen. Es fällt uns immer wieder schwer, uns von dem zu lösen, was uns vertraut ist, was für uns von Kindesbeinen an selbstverständlich ist. Das haben wir so gelernt und das muss immer so bleiben. Ich glaube beide waren überrascht, Petrus und auch Kornelius, dass es einen neuen Weg gibt, einen bisher unbeschrittenen. Im Rückblick stellt sich alles klar und einfach dar, aber wenn wir einen Weg gehen, zumal einen geistlichen Weg, einen Weg wie wir zu einer neuen Gewissheit oder einfach zum Glauben kommen, ist dieser Weg alles andere als gerade und leicht, er ist verschlungen, zuweilen vernebelt, die Sicht ist versperrt und der Sinn, warum jetzt, warum hier bleibt uns verschlossen. Religion ist keine Mathematik und erst recht kein Algorithmus. Der Mensch braucht Religion, sonst besteht die Gefahr von anderen Göttern beherrscht zu werden. Religion ist die (allzu menschliche) Rückbindung an Gott, das Wunder wie an Fäden geführt zu werden und doch die Schritte selbst zu wählen.

Schauen wir etwas näher in die Erzählung hinein.

Unser Predigttext ist die Fortsetzung einer Geschichte um Petrus, der auf dem flachen Dach eines Hauses bei Tag träumt. In seinem Traum wird er mit dem konfrontiert, wozu er berufen ist: Altes loszulassen und Neues zu wagen. Der Geist Gottes macht ihn hellhörig. Er, Petrus, wird gesucht. Er soll zu den Menschen, die ihn suchen, herabsteigen. Der erste Satz unsere Erzählung heißt schlicht: „Da stieg Petrus herab.“ (Apg 10,21a) Das griechische Wort für herabsteigen (katabeino) bezeichnet nicht nur den räumlichen Weg des hinunter Gehens, sondern das Wort kann auch symbolisch verstanden werden. Petrus steigt nicht nur herab, er bewegt sich auf die Ebene der ihn aufsuchenden Nichtjuden, der römischen Gesandten. Er gewährt ihnen Gastfreundschaft und macht sich tags darauf mit ihnen gemeinsam auf den Weg zu Kornelius. Schon hier vollzieht Petrus den ersten Schritt zu einem Perspektivwechsel im Sinne seiner göttlichen Vision, das für Gott nichts unrein ist. Eine andere Sichtweise führt zu einem neuen Umgang miteinander und Verständnis füreinander.

 

Ein neuer Weg wird beschritten

Der erste Schritt ist wichtig, für so vieles.

Der neue Weg verändert Petrus und später auch Kornelius, noch aber weiß niemand, ob das Neue weitergeht oder nicht. Ist der Anfang ein Ende, eine Sackgasse, ein Irrtum (?) oder endet mit dem Neuen etwas Altes? Ist das ein Bruch, ein radikaler gar (?) oder zeigt sich im Neuen etwas, was sich bewähren wird, was wachsen wird, was Gutes hervorbringt?

Kornelius, das wird erzählt, ist so überwältigt, dass ihn Furcht und Zittern befällt. Die Botschaft des Engels ist wahr. Er wirf sich vor die Füße Petri und verehrt ihn anbetend. Dieser aber hebt ihn auf die gleiche Ebene und sagt schlicht: „Steh auf, auch Ich bin ein Mensch.“ (Apg 10,26) 

 

Bei dieser Szene kommt mir die Einführung eines Kollegen in Erinnerung. Dieser kniete sich bei der Einführung auf die nackten Fliesen im Altarraum. Als der scheidende Pfarrer ihm mit Handschlag gratulierte und sein Votum sprach, zog er ihn auf die Beine und sagte lapidar: Bei uns kniet man nicht…

Wie dem auch sei, wie immer wir unsere Ehrfurcht vor Gott ausdrücken, sie wird einen Ausdruck finden.

Als Petrus Kornelius Geschichte hört, wie Gott sich ihm gezeigt hat, fällt es Petrus wie Schuppen von den Augen. „Nun erfahre ich die Wahrheit, dass Gott die Person in Wahrheit nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist der Herr über alles.“ (Apg 10,34-36)

Petrus erzählt weiter. Er verkündigt das Evangelium. Der Heilige Geist fällt auf die Hörenden. Nichts hindert Petrus mehr daran Kornelius und sein Haus zu taufen. Jetzt gehört Kornelius sichtbar dazu: Zu Gott und der Gemeinschaft der Christinnen und Christen.

Liebe Gemeinde,

der Anfang hört nicht auf. Er geht über alle Grenzen hinweg weltweit weiter bis heute, wo Menschen den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, sich taufen lassen und Gott mit ihrem Leben loben und ehren.

Museum am Dom, Würzburg, Bericht von Joachim Leberecht

Besuch des MAD

Anfang des neuen Jahres 2026 habe ich das MAD, das Museum am Dom in Würzburg, besucht. Es war nicht mein erster Besuch des noch jungen Diözesanmuseums (2003). MAD hat sich zum Ziel gesetzt alte und neue Kunst miteinander ins Gespräch zu bringen. Um einen Rundgang durch die Ausstellung für die Besucher*innen interessant zu machen, wurde das Büro bungalow beauftragt Konzept und Design für einen Ausstellungsrundgang zu entwickeln. Das Ergebnis hat mich überzeugt. Zu den Themenfeldern Zeitreisende*r, Philosoph*in, Kunsthistoriker*in und Handwerker*in wurden zweisprachige (deutsch/englisch) Guides aufgelegt. Die einzelnen thematischen Begleithefte bieten neben einer Gesamtübersicht der Ausstellung in ansprechendem Design Informationen zum Kunstwerk, zur Biographie des/der Künstler*in und im Fall der PHILOSOPH*IN, meiner Wahl, existentielle Fragestellungen zum Weiterdenken. Im besten Fall kommt es zu Vertiefung und zu einer interessanten wechselseitigen Wahrnehmung von religiösen und philosophischen Fragestellungen. Ich habe selten eine kirchliche Ausstellung erlebt, der es kunstpädagogisch gelingt, das moderne Lebensgefühl zu versprachlichen und damit eine existentielle Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk anzuregen. Dabei wird das Kunstwerk nicht theologisch verzweckt, sondern es spricht für sich selbst. Diese Freiheit der Kunst im religiösen Kontext ist bei MAD das leitende Konzept. Nichts ist hier bieder oder verstaubt, nichts verengt, sondern auf Weite hin ausgestellt.

Anhand von vier der zehn Exponate, die das Begleitheft Philosoph*in näher in den Blick nimmt, will ich einen Eindruck vermitteln.

Bild 1 Begleitheft Philosoph*in

Girl with a Knife 2006 (Nina Sten-Knudsen)

Den Gegensatz von Ferne und Nähe, Weite und Isolation beschreibt das monumentale Gemälde Girl with a Knife der dänischen Künstlerin Nina Sten-Knudsen. Im Vordergrund der sich scheinbar ins Unendliche weitenden Landschaft malt die Künstlerin eine Frau, deren verweilender Blick auf ein (scharfes?) Messer in ihrer offenen Handfläche fällt. Neben der Beschreibung des Bildes stellt die Philosph*in folgende Fragen: „Was geht da in ihr vor? Warum enthält die ansonsten ruhige Darstellung plötzlich diesen Aspekt einer Gefahr? Ist diese real oder nur vorgetäuscht?… Ist das Messer als Symbol für die innere Verfasstheit der Figur zu deuten? Wie aus dem Nichts entsteht eine magische Atmosphäre, wird der Bildraum zum Lebensraum, zu einem Raum offen für Deutungen.“ (Seite 6)

Bild 2 Begleitheft Philosoph*in

Abziehendes Gewitter 1987 (Wolfgang Mattheuer)

Wer heute ein Zeichen setzen will gegen Angst und Hoffnungslosigkeit, greift zum Symbol des Regenbogens. Der Regenbogen mit seinen bunten leuchtenden Farben öffnet Zukunft. Er steht einem: „Sollen wir immer alles schwarz sehen?“ (Seite 9) entgegen. Das Dunkle wird nicht geleugnet. Es ist mit im Blick, aber es verzieht sich. Die dunkle schwarze Farbmasse „wandelt sich plötzlich auf der rechten Seite zu einer lebensspendenden Erscheinung zarter, rosafarbener Blüten. Frisches hoffnungsvolles Grün durchbricht die trostlose Dunkelheit. Altes und Neues stehen sich gegenüber.“ (Seite 8)

Bild 7 Begleitheft Philosoph*in

Cast Iron Cross Egg 2002 (David Nash Esher)

„Das Kreuz, welches sich öfters in seinen Werken finden lässt, nur als religiöses Werk zu verstehen, wäre zu kurz gedacht. Vielmehr sind es für ihn zwei Linien, die einen Punkt ergeben, oder vier, die von einem Zentrum ausgehen. Gleichzeitig markiert man mit einem Kreuz auch ein Verortetsein auf einer Karte, kreuzt etwas an oder addiert bzw. multipliziert mit dem Zeichen.“ (Seite 18)

Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Tod oder Leben? Was sind die Pole unseres Lebens? Werden und Vergehen? Gesetz und Autonomie?

Bild 8 Marienkrönung

 

Marienkrönung um 1510 (Tilmann Riemenschneider)

Theologischer Ausgangspunkt ist die Fragestellung, ob die Auferstehung auch für die sterblichen Gläubigen gilt. Das wird in der katholischen Glaubenslehre in der Dogmenentwicklung/Inszenierung von Maria eindeutig bejaht. In unserer Holzfigurengruppe wird Maria von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, (beide gleichaussehend!) bekrönt und damit „in die göttliche Familie einbezogen und hat [leiblich] Teil am ewigen Leben.“ (Seite 20)

Interessant zur figürlichen Darstellung von Gott, dem Vater, trotz des Bilderverbots, sind geschichtliche Anmerkungen im Begleitheft: Durch Bibelauslegung „taucht Gott als Alter an Tagen (Dan 7,9) und damit in der uns bekannten Weise als älterer Mann mit Bart seit dem 12./13. Jahrhundert auf. Doch konnten Künstler bis ins 14. Jahrhundert vereinzelt noch dafür bestraft werden. Im späten Mittelalter wurde Maria im Volksglauben bisweilen sogar als vierte göttliche Person dargestellt.“ (Seite 21)

Joachim Leberecht